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Gesine Lötzsch : Abschied einer glücklosen Vorsitzenden

  • -Aktualisiert am

Die Linkspartei-Vorsitzende Gesine Lötsch während ihrer Rücktrittserklärung Bild: dpa

Der Rückzug von Gesine Lötzsch nimmt der Linkspartei eine Schwierigkeit ab und bürdet ihr eine neue auf. Die Partei wartet nun auf ein Wort aus dem Saarland. Wird Lafontaine den Parteivorsitz übernehmen? Oder wird es das dysfunktionale Gespann Wagenknecht - Bartsch?

          Gesine Lötzsch ist 50, ihr Mann 80 Jahre alt. Am 31. März musste sie ihn in die Notaufnahme eines Krankenhauses bringen, am späten Abend des 10. April trat sie unter Verweis auf die „altersbedingte Erkrankung“ ihres Mannes und ihre veränderte familiäre Situation mit sofortiger Wirkung von ihrem Amt als Vorsitzende der Linkspartei zurück.

          Rücksicht auf ihre Partei, die in diesen Wochen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen um den Wiedereinzug in die Landtage kämpft, konnte sie offenbar wegen der akuten Notlage nicht nehmen. Und so nimmt ihr Rückzug der Linkspartei eine Schwierigkeit ab und bürdet ihr eine neue auf.

          Gesine Lötzsch war von Anfang an – seit der Wahl 2010 – eine glücklose Vorsitzende. Dass sie sich unmittelbar nach der Verabschiedung des mühselig zusammengestoppelten Parteiprogramms im vergangenen Herbst selbst zur Kandidatin für eine zweite Amtszeit erklärte, war nur die vorletzte ungeschickte Handlung ihrerseits. Oft hörte man in den vergangenen Wochen, es werde hinter den Kulissen heftig mit Frau Lötzsch über einen Ersatzposten verhandelt, für den sie ohne Gesichtsverlust den Parteivorsitz abgeben könnte. Doch wie gewohnt sei sie beratungsresistent. Nun hat ihr - wie man in der Politik gern sagt, wenn sich etwas dem Kalkül entzieht - „das Leben“, also die Krankheit ihres Mannes, die Entscheidung abgenommen.

          Warten auf ein Wort aus dem Saarland

          Und ihre Partei wartet nun umso inständiger auf ein Wort aus dem Saarland. Oskar Lafontaine, dessen krankheitsbedingter Rückzug von der Berliner Bühne im Herbst 2009 die neue dysfunktionale Führung Lötsch-Ernst überhaupt erst nötig machte, könnte, wenn er Lust dazu verspürt, abermals in die Rolle des Retters aus der Not schlüpfen. Lafontaine, der in der Landtagswahl gerade ein Viertel der Linke-Wählerstimmen im Saarland verloren hat, traut die Linkspartei alles Gute und Große zu.

          Die Hoffnungen der Partei, die 2007 als gesamtdeutsche linke Partei gegründet wurde, laufen auf zwei Möglichkeiten hinaus: Entweder Lafontaine kehrt zurück oder es wird eine neue Führung aus dem Parteisoldaten Dietmar Bartsch und Sahra Wagenknecht, der stellvertretenden Partei- und Fraktionsvorsitzenden, präsentiert. Die Kombination Bartsch-Wagenknecht wäre allerdings ebenso dysfunktional wie die Truppe, die Gysi in einer langen Nacht unter der Reichstagskuppel zusammenfügte, nachdem er auf Wunsch von Lafontaine dessen innerparteilichen Gegner Bartsch öffentlich gedemütigt und aus dem Amt gedrängt hatte.

          Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch

          Bartsch steht für den ostdeutschen Reformerflügel, der aus der SED heraus eine äußerst ideologieabgewandte, pragmatische Politik betrieben hat. Diese Politik hat die PDS seit der friedlichen Revolution in Ostdeutschland zur Volkspartei gemacht. Frau Wagenknecht steht für die Lafontainesche Linkspartei: Sie war die Galionsfigur der Kommunistischen Plattform. Danach war sie stellvertretende Parteivorsitzende der Linkspartei, dann wollte sie Fraktionsvorsitzende werden und wurde schließlich stellvertretende Fraktionsvorsitzende.

          Linksradikale aus dem Westen und Stalinisten aus dem Osten

          Sie ist, wie Lafontaine es rührend schülerhaft formuliert, „eng befreundet“ mit Lafontaine. Soweit aus ihren Äußerungen so etwas wie eine politische Haltung abzulesen ist, steht sie für den scharf antikapitalistischen Kurs. Ihre innerparteilichen Truppen sind die Linksradikalen aus dem Westen und die alten Stalinisten aus dem Osten.

          Strategische Überlegungen zur Parteientwicklung sind ihr, darin ist sie Lafontaine ähnlich, fremd. Wer ihr lauscht, versteht: Nur mit einer absoluten Mehrheit für ihre Partei wird Frau Wagenknecht jemals das tun können, was sie für das einzig Richtige hält. Anders als Lafontaine, der sich in den Jahrzehnten seiner politischen Aktivität als äußerst geschmeidig erwiesen hat, war Frau Wagenknecht noch nie in einer Position, in der sie realpolitische Kompromissbereitschaft hätte zeigen müssen.

          Bundesvorsitzende der Linken

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