27.06.2003 · Das Bundeskabinett zieht sich am Wochenende auf Schloß Neuhardenberg zurück. Der Ort könnte ein Gleichnis sein. Wie die rot-grüne Regierung hat das brandenburgische Dorf nahe der Oder eine wechselvolle Geschichte erlebt.
Von Frank PergandeDas Bundeskabinett zieht sich am Wochenende auf Schloß Neuhardenberg zurück. Der Ort könnte ein Gleichnis sein. Wie die rot-grüne Regierung hat das brandenburgische Dorf nahe der Oder eine wechselvolle Geschichte erlebt. Dreimal mußte es seinen Namen ändern. In seinen besten Zeiten war es mit dem Wirken bedeutender Männer aus Preußen verbunden, Reformern zum Beispiel. In seinen schlechten Jahren hatte es nicht nur allen Glanz verloren, es schien am Ende - bis zu seiner wundersamen Rettung.
Neuhardenberg hieß ursprünglich Quilitz. Friedrich II. schenkte das Gut dem Oberstleutnant von Prittwitz, der ihn in der Schlacht bei Kunersdorf, ganz in der Nähe von Quilitz, vor der drohenden Gefangennahme retten konnte. 1810 fiel das Dorf an die Krone zurück. Im November 1814 bekam es Staatskanzler Karl August Fürst von Hardenberg von seinem König Friedrich Wilhelm III. geschenkt. Hardenberg zu Ehren wurde aus Quilitz Neuhardenberg, genauer gesagt zunächst Neu-Hardenberg. Der Reformkanzler hat zwar hier nicht oft gelebt, aber sein Herz ist in der Kirche in der Rückwand des Altars bestattet. Hinter der Kirche ist auch das Familienbegräbnis der Hardenbergs.
Arbeit Karl Friedrich Schinkels
Schloß und Kirche sind Arbeiten Karl Friedrich Schinkels. Das Schloß gilt als eines seiner besten Werke. 1944 rückten das Schloß und seine Bewohner in den Mittelpunkt der Geschichte. Carl Hans Graf von Hardenberg gehörte zu den Verschwörern gegen Hitler. Er wurde deshalb von den Nationalsozialisten enteignet und kam in das KZ Sachsenhausen. 1958 starb er im Westen. Erst 1991 konnte er auf dem Erbbegräbnis seine letzte Ruhe finden.
In der DDR-Zeit wurde aus Neuhardenberg Marxwalde, benannt nach Karl Marx. Die Marx-Büste steht noch im Ort. Plattenbauten verstellten fortan den freien Blick auf das Schloßensemble. Neben dem Dorf entstand ein Militärflugplatz, auf dem auch die DDR-Regierungsstaffel zeitweise ihren Dienst tat. Direkt vor das Schloß kam ein Ehrenmal für die Sowjetsoldaten, die hier gefallen waren. Auch das ist noch zu sehen. Weil schon die Nationalsozialisten das Gut enteignet hatten, bekam die Familie es 1990 zurück.
Versöhnlicher Schluß
Einige Jahre lang war das Schicksal von Schloß und Park ungewiß. Die Familie konnte es nicht halten. Ein versöhnlicher Schluß wurde daraus, als der Deutsche Sparkassen- und Giroverband 1997 das Gut kaufte. Es ist, seit dem vergangenen Jahr prachtvoll restauriert und vorsichtig erweitert, ein Ort der Kultur und der Kunst, ein Ort des ungebundenen Denkens sozusagen. Auch wenn das Dorf am Wochenende einer Festung gleichen wird, mag sich ein wenig vom Geist des Ortes auf seine ungewöhnlichen Gäste übertragen. Daß sich ein Bundeskabinett beim Sparkassen- und Giroverband einmietet, ist der vorläufige Höhepunkt einer für das Land Brandenburg angenehmen Entwicklung. Die Einsamkeit märkischer Schlösser, die vielen Seen und Kiefernwälder werden von immer mehr Leuten geschätzt, die Ruhe zum Denken brauchen. Der Bundesvorstand der CDU war vor wenigen Tagen in Bad Saarow zu Gast. Am Scharmützelsee war es offenbar so entspannend, daß die CDU-Vorsitzende Merkel nach der politischen Sommerfrische den Kanzler anrief und Mitarbeit bei den anstehenden Reformen ankündigte.
Denk-Orte in Brandenburg
In Storkow ist das Treffen von Schröder mit dem französischen Präsidenten Chirac vom Dezember des vergangenen Jahres noch gut in Erinnerung. Daß es Storkow sein sollte, hatte allerdings weniger mit den Schönheiten märkischer Einsamkeit zu tun, sondern mit der guten Küche im Schloßhotel "Hubertushöhe". Auch die SPD-Fraktion des Abgeordnetenhauses saß kürzlich im Brandenburgischen zusammen. Allerdings in Cottbus, wo die Atmosphäre offenbar so war, daß sie den Abgeordneten einige neue Sparideen nahelegte.
Überall in Brandenburg sind unterdessen solche Denk-Orte entstanden. Auf Schloß Genshagen südlich von Berlin wird die deutsch-französische Partnerschaft gepflegt. Im uckermärkischen Schloß Wartin will eine Europäische Akademie eine Art britisches College sein. Im Herrenhaus von Gollwitz soll eine Begegnungsstätte für deutsche und jüdische Jugendliche entstehen. Wie gut hat es da die brandenburgische Landesregierung, die von Schloß zu Schloß ziehen könnte. Sie trifft sich in der kommenden Woche zur einer Haushaltsklausur. Das Thema allerdings schränkt jede Reiselust ein, denn es steht nicht gut um den Haushalt. Deshalb bleibt man zur Klausur dort, wo man ohnehin fast immer ist: in der Potsdamer Staatskanzlei.
Frank Pergande Jahrgang 1958, politischer Korrespondent für Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern mit Sitz in Schwerin.
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