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Gerhard Schröder Abschied mit Sinatra und Großem Zapfenstreich

20.11.2005 ·  Er tat's auf seine Art: Mit einem Großen Zapfenstreich hat sich die Bundeswehr am Samstag abend von Gerhard Schröder verabschiedet - eine bewegende Zeremonie für den scheidenden Bundeskanzler.

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Der Abschied von der Macht ist für Gerhard Schröder am Samstag abend wieder ein Stück näher gerückt: Bei einem feierlichen Großen Zapfenstreich sagte die Bundeswehr dem scheidenden Kanzler am Samstag abend in seiner Heimatstadt Hannover Lebewohl.

Vor der eindrucksvollen Kulisse des neogotischen neuen Rathauses wurde der 61jährige von Bläsern, Pfeifern und Trommlern mit dem feierlichsten Zeremoniell der Truppe geehrt. Bevor der eigentliche Zapfenstreich begann, spielte das Stabsmusikkorps der Bundeswehr drei Lieder, die Schröder sich wünschen durfte - seine Frau Doris hatte die Stücke für ihren Mann ausgesucht. Eigentlich sollten sie eine Überraschung für den Kanzler werden, doch dann sickerte die Auswahl schon vorher durch.

Beim frechen „Mackie-Messer-Song“ aus der „Dreigroschenoper“ huschte noch ein zufriedenes Grinsen über das Gesicht des Kanzler, anschließend nickte er den Musikern anerkennend zu. Doch schon beim swingend-leichten Wiegenlied „Summertime“ von George Gershwin, indem ein Vater über den Schlaf seines kleinen Kindes wacht, war der Kanzler schon sichtlich gerührt. Und als der Solo-Trompeter dann zu Frank Sinatras sentimentalem „My way“ ansetzte, standen Schröder die Tränen in den Augen. „And now the end is near. ..“ (Jetzt wo das Ende naht) - mit diesen Worten beginnt die Lebensbilanz eines Mannes, der seinen Weg stets geradlinig ging, nur weniges zu bereuen hat und stets Wert darauf legte, seinen eigenen Stil zu pflegen („I did it my way“).

Großer Zapfenstreich für Schröder

Schröder tat's auf seine Art

Bei einem seiner letzten Auftritte als Kanzler begleiteten rund 600 geladene Gäste Schröder. Darunter war sein halbes Kabinett: Verteidigungsminister Peter Struck, Finanzminister Hans Eichel, Justizministerin Brigitte Zypries und Gesundheitsministerin Ulla Schmidt, die Schröder besonders herzlich umarmte. Dabei waren auch der designierte neue Vizekanzler Franz Müntefering und der künftige Außenminister Frank-Walter Steinmeier, einer derjenigen Weggefährten, die Schröder bereits seit seiner Zeit in Hannover begleiten.

Auch Schröders Mutter Erika Vosseler hatte es sich nicht nehmen lassen, den Abschied ihres Sohnes aus nächster Nähe zu verfolgen. Bei knackiger Kälte harrte die 92jährige zusammen mit anderen Ehrengästen auf der Tribüne im Rathauspark aus. Unter den Gästen waren ferner der Kanzlerfreund und Chef des Fußball-Bundesligisten Hannover 96, Götz von Fromberg, Scorpions-Musiker Klaus Meine, die Sängerin Katja Ebstein und die Schauspieler Esther Schweins und Ottfried Fischer. Der strenge Geruch von Teerfackeln lag in der Luft, als der Kanzler die Kulisse kurz vor 21 Uhr zusammen mit seiner Frau Doris in einer schwarzen Limousine verließ.

Malen will er nicht

Und was wird Schröder machen, wenn er am Dienstag endgültig in die Garde der Altkanzler aufrückt? Seine Memoiren schreiben, sich um seine Tochter kümmern, wieder als Anwalt arbeiten? Auf die Frage nach seiner Zukunft verriet der Kanzler am Samstag abend immerhin, was er definitiv nicht zu machen gedenkt. Mit einem Augenzwinkern dementierte er eine Ankündigung seines Freundes, des Künstlers Bruno Bruni - dieser hatte vor kurzem behauptet, Schröder wolle sein Talent als Maler erproben.

Würdigung durch Köhler

Bundespräsident Horst Köhler hat die Leistungen des scheidenden Bundeskanzlers Gerhard Schröder (SPD) gewürdigt. Schröder sollte am Samstag abend in Hannover mit einem Großen Zapfenstreich durch die Bundeswehr verabschiedet werden.

In einem Beitrag für die „Neue Presse“ schrieb Köhler, Schröder habe sich „bleibende Verdienste um unser Land erworben“. Der Bundespräsident führte „gute Gründe“ auf, Schröder und seiner Regierung dankbar zu sein. Als Beispiele nannte er den Bundeswehreinsatz im Kosovo an der Seite der Nato-Partner, den Beitrag Deutschlands zur Einführung des Euro und zur Erweiterung der Europäischen Union. Weiter schrieb er: „Mit hohem politischen Mut und Arbeitseinsatz entwarf Gerhard Schröder die Agenda 2010 und setzte sie gegen große Widerstände durch. Für mich gibt es keinen Zweifel daran, daß diese Politik der inneren Erneuerung, dem Wohle Deutschlands dient.“

Seine letzte Rede

Schröder hielt am Samstag vor der Arbeiterwohlfahrt seine letzte öffentliche Rede als Bundeskanzler. Er gab sich überzeugt, daß die neue Bundesregierung, die CDU, CSU und SPD miteinander bilden wollen, seinen Kurs fortsetzen werde. Der scheidende Kanzler sagte: „Trotz des einen oder anderen Fehlers haben wir das Land in die richtige Richtung verändert.“ Zu Schröders Nachfolgerin soll am Dienstag die CDU-Vorsitzende Angela Merkel gewählt werden.

Schon Konrad Adenauer (CDU) wurde als erster Kanzler der Bundesrepublik 1963 mit militärischen Ehren aus dem Amt verabschiedet. Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier wählte zur Würdigung des scheidenden Kanzlers damals ähnliche Worte wie Köhler heute: „Konrad Adenauer hat sich um das Vaterland verdient gemacht.“

Der Schröder zu Ehren abgehaltene Große Zapfenstreich ist die höchste Form der Ehrerweisung durch deutsche Soldaten. Sie hat ihre Ursprünge im 16. Jahrhundert. Damals gab ein Truppenführer mit einem Streich auf den Zapfen eines Fasses den Beginn der Nachtruhe bekannt. Als Zeremonie wurde der Zapfenstreich 1813 vom preußischen König Friedrich Wilhelm III. eingeführt. Zu dem Ritual gehören musikalische Elemente. Schröder hatte gewünscht, das Stabsmusikkorps der Bundeswehr möge die „Moritat von Mackie Messer“ von Kurt Weill, „Summertime“ von George Gershwin und das von Claude Francois und Jacques Revaux komponierte „Comme d'habitude“ spielen, das als Frank Sinatras „My Way“ weltbekannt wurde. Der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle sagte, es sei „schon eine Zäsur für unser Land, wenn jetzt mit Bundeskanzler Gerhard Schröder die Achtundsechziger per Zapfenstreich verabschiedet werden“.

Union ruft zur geschlossenen Wahl Merkels auf

Unterdessen riefen zahlreiche Unionspolitiker zur geschlossenen Wahl Frau Merkels durch die Fraktionen von CDU/CSU und SPD auf. Der stellvertretende CDU-Vorsitzende Christoph Böhr sagte, Frau Merkel müsse von beiden Fraktionen geschlossen gewählt werden. In jüngster Zeit hatte es Mutmaßungen gegeben, besonders in der SPD könnten einige Abgeordnete nicht für Frau Merkel stimmen. Dagegen sagte der zur SPD-Linken gehörende Bundestagsabgeordnete Ottmar Schreiner, es werde nicht zu einer größeren Zahl von Nein-Stimmen gegen Frau Merkel kommen.

Der designierte Vorsitzende der Unionsfraktion, Volker Kauder (CDU), kündigte an, die neue Bundesregierung werde in den ersten Wochen eine Reihe von Gesetzesvorhaben auf den Weg bringen. Im Gespräch mit der „Bild am Sonntag“ nannte Kauder das Ende der Eigenheimzulage, die Verbesserung von Abschreibungsmöglichkeiten und die Fortführung des Verkehrswege-Beschleunigungsgesetzes.

Für eine bessere Art des Umgangs zwischen Opposition und Regierung sprachen sich Westerwelle und die Vorsitzende der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, Renate Künast, im Gespräch mit dieser Zeitung aus. Der politische Stil werde sich nun in Deutschland positiv verändern, sagte Westerwelle. „Und das deshalb, weil gewisse Achtundsechziger nun weg sind.“ Mit dem Abgang von Bundeskanzler Gerhard Schröder und Außenminister Joschka Fischer (Grüne) sei „die Zeit der Macho-Häme auf der Regierungsbank gottlob aus und vorbei“, sagte Westerwelle. Frau Künast stimmte zu, daß nun „andere Generationen am Ruder“ seien. Alle sollten sich vornehmen, den politischen Gegner „menschlich niemals unfair und mies“ zu behandeln.

Quelle: FAZ.NET mit Material von dpa / elo. / mwe. / wus. / Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 20.11.2005
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