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Gentrifizierung Skandal im Sperrbezirk

Das Schicksal einer kleinen Buchhandlung brachte einen ganzen Hamburger Stadtteil in Wallung - und wurde zum Symbol für das, was Stadtsoziologen „Gentrifizierung“ nennen.

© Bode, Henning Vergrößern Ungewollt berühmt: Der neue Eckladen von Robert Wohlers

Als Anfang des Jahres die Hamburger Buchhandlung Dr. Robert Wohlers & Co. von der Langen Reihe 68/70 in die Lange Reihe 38 umzog, halfen viele Bewohner des Stadtteils St. Georg mit. Sie trugen Bücherkisten und feierten die Neueröffnung mit Punsch. Schon immer war die Buchhandlung einer der Treffpunkte im Stadtviertel. Jetzt ist sie ungewollt berühmt geworden als Symbol für das, was Stadtsoziologen „Gentrifizierung“ nennen und was politisch gern „Yuppisierung“ genannt wird - die Verdrängung der bisherigen Einwohnerschaft eines Viertels.

Frank Pergande Folgen:  

Im Unterschied zu anderen Viertel war die Ansiedlung von wohlhabenden Bürgern in St. Georg sogar politisch gewollt. Inzwischen hat dieser Prozess aber Folgen, die abermals die Politik auf den Plan gerufen haben. Jürgen Wohlers, der Inhaber der Buchhandlung in dritter Generation, ist über so viel Symbolik nicht glücklich. Die Geschichte fing damit an, dass er eine Frist für die Verlängerung seines bestehenden Mietvertrages versäumte. Daraufhin schickte ihm der Vermieter einen neuen Vertrag: Statt 1.400 Euro sollte Wohlers nunmehr 4.100 Euro Miete zahlen. Wohlers wendete sich an einen Rechtsanwalt gleich gegenüber, an Helmut Voigtland. Juristisch war zwar nichts zu machen, aber Voigtland war auch Vorsitzender des Bürgervereins St. Georg - gegründet 1880.

In dieser Funktion schrieb er einen offenen Brief an den Vermieter, der im Übrigen auch Mitglied des Bürgervereins war, inzwischen aber ausgetreten ist. Voigtland forderte: „Geben Sie Ihren Mietern eine faire Chance hierzubleiben.“ Der Vermieter empfand das als Angriff, sprach von „Terror“, dem er ausgesetzt sei, und erkannte darin „antisemitische Untertöne“.

Ein Einwohnerverein gegen Gentrifizierung

Das wiederum rief bekannte jüdische Bewohner aus St. Georg auf den Plan, so die Schriftstellerin Peggy Parnass und die Schauspieler Dominique Horwitz und Peter Maertens. Sie sprachen von einer „ungeheuren Frechheit“. Daraufhin schmähte der Vermieter Frau Parnass als „RAF-Sympathisantin“. St. Georg hatte seinen Skandal. Demonstrationen wurden organisiert, mal als Mahnwache vor der Buchhandlung, mal als Pfeifkonzert vor dem Büro des Vermieters. Spätestens jetzt wusste auch ganz Hamburg von dem Streit.

Der Bürgermeister des Stadtbezirks Hamburg-Mitte, Andy Grote (SPD), schaltete sich ein. Er holte alle Beteiligten an einen Tisch und sprach mit den Grundeigentümern in der Langen Reihe. Es ging ja nicht nur um Wohlers allein. Auch das Kräuterhaus war betroffen, ebenfalls ein Traditionsgeschäft in der Langen Reihe. Freilich: Eine verdrängte Buchhandlung eignet sich besser als Symbol für ungeliebte Gentrifizierung. Außerdem fand das Kräuterhaus rasch ein neues Quartier. Zwar ist es nun schwerer zu finden, aber der Duft leitet einen schon. Das Geschäft hat jetzt viel mehr Platz, sogar für kulinarisch-kulturelle Spaziergänge. Auch das Lager liegt gleich neben dem Verkaufsraum, nicht mehr wie früher ein paar Häuser weiter.

Jürgen Wohlers aber hätte aufgeben, hätte er nicht die Solidarität seiner Nachbarn erfahren. Die haben sich im Bürger- und im Einwohnerverein organisiert, wobei der letztere vor einem Vierteljahrhundert als Gegenstück zum ersteren gegründet worden war. Der Einwohnerverein tritt gegen jede Form von Gentrifizierung auf, lehnt also auch die Vorstellungen der Stadt Hamburg für die Stadtteilentwicklung ab. Der Verein liebt es laut, gern auch mit Trillerpfeifen. Anderen in St. Georg ist das zu laut und - zu links.

Schon 1980 sollte St. Georg verändert werden

Am Ende bekam der Fall der Buchhandlung eine besondere Wendung. Felix Schlatter schaltete sich ein, der prominente Betreiber des Hotels „Wedina“ gleich um die Ecke, das als Literaturhotel bekannt wurde und eng mit dem Literaturhaus Hamburg zusammenarbeitet. Schlatter wollte einen Teil der Miete für Wohlers übernehmen. Der Vertrag kam nicht zustande, angeblich weil Schlatter zu früh an die Öffentlichkeit ging. Am Ende aber fand sich für Wohlers ein kleiner Eckladen, wo derzeit noch fleißig geräumt, geputzt und gestrichen wird.

Der neue, kleinere Laden hat für Jürgen Wohlers aber einen großen Nachteil: Wie soll er hier noch sein Antiquariat unterbringen? Erst einmal nutzt er die Kellerräume einer Schule gleich nebenan. Immerhin: Solche unkonventionellen Lösungen sind in St. Georg möglich. Auch das taugt als Symbol. 11.000 Menschen leben mittlerweile in dem Stadtteil, dessen Ruhm in der Republik immer weiter wächst.

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Veröffentlicht: 03.02.2013, 14:43 Uhr