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Gentrifizierung in Freiburg : Schwarmstadt ohne Wohnraum

Bewohner in der Wiehre haben Angst vor Sanierung und Abriss. Auch Birgit Anders fürchtet Mieterhöhungen. Bild: Rüdiger Soldt

Freiburg ist beliebt, aber Wohnraum fehlt. Jetzt steht sogar eine Wohnungsbaugenossenschaft unter dem Verdacht zu gentrifizieren.

          Die Freiburger Wiehre ist ein traumhafter Wohnort in Deutschland. Es gibt Gründerzeitvillen mit Anwaltskanzleien, neureiche Häuser im toskanischen Landhausstil und gute Luft aus dem Schwarzwald. Mit der Höllentalbahn ist man schnell in Freudenstadt oder am Freiburger Hauptbahnhof. Bundestrainer Jogi Löw wohnte viele Jahre in der Wiehre; der Kabarettist Matthias genießt die Vorzüge des Freiburger Vorzeigestadtteils bis heute. Nur ein Problem gibt es in dieser heilen südbadischen Welt: ein Polizist, ein Lehrer, eine Krankenschwester können sie sich schon lange nicht mehr leisten.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Kaltmieten von 1500 Euro aufwärts für 80 Quadratmeter sind in Freiburg keine Seltenheit. In der Wiehre kann eine Zweizimmerwohnung mit 75 Quadratmetern auch schon mal 1900 Euro im Monat kosten. Die Quadratmeterpreise für Wohnflächen sind in den vergangenen Jahren in der südbadischen Sonnenstadt stark gestiegen: 2007 lag der Quadratmeterpreis noch bei 2648 Euro, heute muss man 4825 Euro bezahlen. Der Umzug in die Rheinebene oder in ein Schwarzwaldtal, ist schon lange keine Lösung mehr: Kleine Reihenhäuser sind dort unter 600.000 Euro nicht mehr zu haben.

          Das Thema Wohnungsnot und Mieten gehört zu den wichtigsten im gerade angelaufenen Freiburger Oberbürgermeisterwahlkampf. Dieter Salomon (Grüne) bewirbt sich am 22. April für eine dritte Amtszeit. Die Wohnungsnot war lange Zeit nicht unbedingt das Leib-und-Magen Thema des Oberbürgermeisters. 2006 wollte er die städtische Wohnungsbaugesellschaft für eine halbe Milliarde Euro verkaufen – als Beitrag zur Haushaltssanierung. Im Rathaus prognostizierte man, dass Freiburg Einwohner verlieren werde. Das Gegenteil trat ein. Die Bürger stoppten den Verkauf per Bürgerentscheid. Die Wohnungsnot konnte auch das nicht aufhalten. Freiburg wächst jährlich um 2000 Einwohner.

          „Ich zahle die Hälfte meiner Rente für meine Miete“

          Wie stark das Thema emotionalisiert zeigt sich gerade in einer Siedlung in der Quäkerstraße in der Wiehre. Die Mieterinitiative „Wiehre für alle“ kämpft seit Monaten gegen den geplanten Abriss eines gelben Häuserriegels. Er gehört der Genossenschaft „Familienheim“. Noch lässt sich dort mit einer Miete von 6,90 Euro gut leben. Die Mieter fürchten aber, dass das bald anders sein könnte. Denn der dreigeschossige Gebäuderiegel mit 30 Wohnungen, gebaut zu Beginn der fünfziger Jahre, soll bald abgerissen werden. Die Mieter stehen vor einer absurden Situation: Obwohl sie Genossenschaftler sind, sollen sie als Mieter weichen. Betätigt sich das Familienheim also als „Gentrifizierer“?

          Marianne Schmidt steht am Fenster ihres gut aufgeräumten Schlafzimmers. Kruzifix an der Wand, Zierkissen ordentlich aufgestellt. Die 73 Jahre alte Frau wohnt seit dreißig Jahren in der Wiehre und seit 15 Jahren in der Quäker-Siedlung. Wenn sie aus dem Fenster schaut, sieht sie die Zukunft, und die gefällt ihr nicht: neue Stadtvillen, die vom Familienheim vor wenigen Jahren gebaut worden sind. Tiefgaragen, Aufzüge, Marmor, Loftwohnungen und großzügige Dachterrassen. „Ich zahle die Hälfte meiner Rente für meine Miete, 550 Euro. Dafür kriege ich noch nicht einmal im Umland eine Wohnung. Und ich bin ja eigentlich Genossenschaftlerin geworden, damit ich hier alt werden und an mein Ende kommen kann“, sagt sie.

          Die Quäkerstraße wird zum Wahlkampfthema

          Die Mieterinitiative hat berechnet, dass Frau Schmidt, falls sie in die Neubauten der Genossenschaft einziehen sollte, mindestens 700 Euro Miet- und Nebenkosten zahlen müsste. Denn die neuen Wohnungen seien größer, die Nebenkosten höher. Wenn die Rentnerin keine Sozialwohnung bekomme, müsse sie mit 900 Euro rechnen. „Wir erleben hier Verhaltensweisen, die man selbst bei Großinvestoren nicht erlebt“, sagt Bertold Albrecht von der Mieterinitiative. Die Bewohner hätten im Sommer Briefe bekommen, in denen ihnen Ersatzwohnungen angeboten worden seien, gerade mal 21 Tage Bedenkzeit habe die Genossenschaft ihren Mitgliedern gegeben. „Entmietung“ nennt Albrecht das. Die Genossenschaft argumentierte zunächst, dass die Siedlungshäuser nicht sanierungsfähig seien, dabei sind viele Wohnungen in einem guten Zustand, nur außen, an den Fassaden, bröckelt der Putz. Es fehlen Aufzüge, eine energetische Sanierung ist ebenfalls dringend nötig.

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