Home
http://www.faz.net/-gpg-qgw2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Genforschung Testballon Klonforschung

12.04.2005 ·  Der Kanzler sucht nach einem Versuchsgelände für eine neue Biopolitik. Schließlich soll Deutschland bei der Verteilung der Forschungsgelder der EU reichlich bedacht werden.

Von Christian Schwägerl
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Zur Ausrüstung jedes Politikers gehören Testballons. Diese läßt man, bemalt mit Aufschriften, die als anstößig, strittig oder gar skandalös gelten könnten, zu einem möglichst ungewöhnlichen Zeitpunkt steigen. Ist bei den Zuschauern und Mitbewerbern des permanenten politischen Ballonwettbewerbs das Entsetzen über die lancierte Botschaft groß, darf sich der Ballon in den Weiten des Raums verlieren.

Trifft er aber wider Erwarten auf Gleichgültigkeit oder sogar auf überraschenden Applaus, kann über eine Serienfertigung nachgedacht werden. Gleich zwei solche Ballons sind nun auf dem Feld der Biopolitik aufgestiegen. Auf beiden prangte das Reizwort „Klonen“.

Verklausulierte Andeutungen

Am 17. März hat sich Bundeskanzler Schröder (SPD) in bislang unübertroffener Klarheit zum „therapeutischen Klonen“ bekannt. Bei seiner Regierungserklärung im Bundestag sagte er, er halte die „Zurückhaltung“ des Parlaments bei der Zulassung des therapeutischen Klonens für „nicht richtig“ und sei bei diesem Thema im übrigen mit der FDP, die sich für die medizinische Nutzung des Klonens ausspricht, einer Meinung.

Bislang hatte Schröder nur verklausulierte Andeutungen in diese Richtung gemacht. Der SPD-Vorsitzende Müntefering hat nun nachgelegt und dem „Rheinischen Merkur“ gesagt, er lehne das therapeutische Klonen nicht ab und sei offen, „weiterzugehen“. „Wir können nicht andere im Ausland forschen lassen, von ihren Ergebnissen profitieren, uns selbst aber die Hände reinwaschen“, fügte er hinzu. Damit stellt sich die SPD-Spitze gegen das Embryonenschutzgesetz von 1991, das es verbietet, Embryonen zu Forschungszwecken zu nutzen oder gar zu erzeugen. Einer Deklaration der Vereinten Nationen gegen jedwedes Klonen am Menschen scheinen weder Schröder noch Müntefering eine Bedeutung beizumessen, obwohl ihr Deutschland erst Anfang März zugestimmt hat. Ließe man das Klonen zu medizinischen Zwecken in Deutschland zu, erledigten sich auch fast alle anderen Grenzen für Stammzellforscher.

Große Erwartungen

Noch ist die Klontechnik nur Gegenstand der Grundlagenforschung und damit weit davon entfernt, im medizinischen Alltag von Ärzten eingesetzt zu werden. Doch die Erwartungen sind groß, weshalb den Bundeskanzler die Angst umtreibt, Deutschland könnte mit seiner restriktiven Gesetzgebung den Anschluß an eine „Basisinnovation“ des 21. Jahrhunderts verlieren. Kritiker, vor allem aus den Reihen der CDU und CSU und der Kirchen, sehen das Verfahren dagegen als gezielte Erzeugung von Embryos als Medizinprodukte an und warnen vor der Zweitnutzung medizinischer Erkenntnisse für die Erzeugung geklonter Babys.

Geht es nach den Befürwortern des Verfahrens, sollen aus gespendeten Eizellen und dem Erbgut kranker Menschen so bald wie möglich geklonte Embryonen erzeugt werden. Aus deren Stammzellen will man paßgenaues Ersatzgewebe züchten und sodann dem Kranken sein eigenes Klongewebe implantieren. Auch bei der Suche nach genetischen Ursachen von Krankheiten gilt das Klonen als potentiell hilfreich. Der Schotte Ian Wilmut will die erzeugten Embryonen als Studienmodelle verwenden. Er versucht, Mutationen auf die Spur zu kommen, die eine schwere Lähmungskrankheit in Gang setzen. Für seine Klonforschung hat Wilmut drei Tage vor Schröders Regierungserklärung von der Bundesregierung 45.000 Euro Preisgeld bekommen, was wohl als weiterer „Testballon“ gelten darf.

Fördergelder im Blickpunkt

In der Regierung wird es für unwahrscheinlich gehalten, daß Schröder und Müntefering das Embryonenschutzgesetz noch vor der Bundestagswahl kippen wollen. In Brüssel bietet sich aber in den kommenden Monaten Gelegenheit, die neue Politik im Probebetrieb anzuwenden. Dort wird über die Forschungsförderung der EU für zwischen 2007 und 2013 verhandelt. Es geht um 70 Milliarden Euro und um die ethischen Grenzen beim Geldausgeben. Der für Gesundheitsforschung zuständige Direktor der EU-Kommission, Octavi Quintana Trias, hat vergangene Woche auf einer Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin dargelegt, wohin seiner Ansicht nach die Reise geht: Wo immer in letzter Zeit über die verbrauchende Embryonenforschung entschieden worden sei, hätten sich die Befürworter durchgesetzt.

Quintana Trias berichtete, daß mit Gemeinschaftsgeldern bisher fünf Projekte gefördert worden sind, bei denen menschliche embryonale Stammzellen im Spiel waren. Klonen sei bis 2006 grundsätzlich von der EU-Förderung ausgeschlossen. In den 25 Mitgliedstaaten biete sich ein buntes Bild: Das Forschungsklonen sei bisher nur in Belgien, Schweden und Großbritannien erlaubt. Stammzellen „überzähliger Embryonen aus Kliniken für künstliche Befruchtung“ dürften in zehn Ländern gewonnen werden. In fünfzehn Ländern sei zumindest Forschung an solchen Zellen erlaubt, nur in fünf sei dies verboten. Für die gemeinschaftliche Forschungsförderung bedeute der gesetzgeberische Flickenteppich, daß jeder Antrag als Einzelfall geprüft werde. Kein Wissenschaftler bekomme Geld für etwas, was in seinem Heimatland verboten sei.

Menschliche Gewebezucht

Der Fachmann aus Brüssel plädierte dafür, das gegenwärtige Prozedere beizubehalten und Klonprojekte bis 2013 von der Förderung auszunehmen. Doch nach der Regierungserklärung wird dies wohl auf Widerstand ausgerechnet aus Deutschland treffen, das bisher für einen restriktiven Kurs eingetreten ist. Bleibt der Bundeskanzler bei seiner Auffassung, wird er die Vertreter in Brüssel anweisen, nun für ein möglichst freizügiges Regelwerk zu kämpfen. EU-Gelder könnten dann in die Gewebezucht aus „überzähligen“ oder eigens erzeugten Embryonen fließen.

Vom Geldfluß aus Brüssel würden zwar zunächst nur Forscher in anderen Ländern profitieren, die weniger strenge Gesetze haben als Deutschland. Doch gerade der Fortschritt anderswo hat sich zum beliebten Argumentationsmuster und zur Quelle der Angst in Schröders Biopolitik entwickelt. Forschungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD), die sich bisher gegen jedes Klonen ausgesprochen hat, hält sich bedeckt. „Wir sollten in der Stammzellforschung verschiedene Türen offenlassen“, sagte sie beim Kongreß der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Quelle: F.A.Z., 12.04.2005, Nr. 84 / Seite 4
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel