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Dienstag, 18. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Geliebte DDR Ohne Gott und Sonnenschein

 ·  Sie hatte „auch Stärken“, sagen ihre neuen Verteidiger jetzt. Auch? Wieso so zaghaft? So halbherzig? Die DDR war ein Land, das seine Bürger so sehr liebte, dass es sie gar nicht hergeben wollte. Lydia Harder singt das Loblied auf den Arbeiter- und Bauernstaat.

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Für Kinder zum Beispiel war die DDR ein Paradies. Platz gab es für alle, da musste man einfach dazugehören. Spielen, malen, basteln, singen. Besonders gerne sang man das Lied vom Volkspolizisten: „Und wenn ich mal groß bin, damit ihr es wisst, dann werde ich auch so ein Volkspolizist.“ Denn Polizisten brauchte die DDR natürlich echt viele; jemand musste ja aufpassen, dass nichts aus der Reihe lief und niemand auf dumme, freilaufende Gedanken kam.

Die ostdeutschen Kinder waren auch nicht zufällig besonders geschickt mit den Händen. Während die antiautoritären Westkinder das Mobiliar im Kinderladen zerlegten, wachten die Erzieherinnen der DDR behutsam darüber, dass die kleinen Staatsbürger nicht über den Papierrand hinwegmalten und den Stift richtig hielten. Schon hier wurde das Abdriften in die Anarchie klug im Keim erstickt. Malte das Kind den Stiel einer Sonnenblume blau an, wurden die Eltern konsultiert. Hatte der Nachwuchs zu Hause etwa ohne Aufsicht gemalt? War das Weltbild falsch eingefärbt?

Panzer mit Wasserfarben malen

Die Erziehung wurde liebevoll überwacht, einschließlich des Stuhlgangs beim Gruppentopfen. Um die Samen für die richtige Weltanschauung frühzeitig zu säen, besuchte schon mal ein Offizier der Nationalen Volksarmee (NVA) die Kindergärten. Er erzählte vom Kampf gegen den Imperialismus, dessentwegen ja auch Vati monatelang nicht nach Hause kam. Dann durften die Kinder mit Wasserfarben Panzer malen.

Noch progressiver waren die Wochenkrippen. Nach der Devise „Krippenkinder sind klüger“ gaben die fleißigsten Eltern ihren Säugling hier kurz nach der Entbindung ab. Montags wegbringen, samstags abholen. Mutti und Vati konnten gewiss sein, dass ihr Kind schon hier für Frieden und Sozialismus gewonnen wurde.

Die Kleinen genossen ihre antifaschistische Erziehung in den Institutionen des Arbeiter-und-Bauernstaates, der so erpicht auf Kinder war. „Meister Nadelöhr“ erzählte seine Märchen. „Frau Puppendoktor Pille“ wusste auf alle Sorgen Rat. Das Sandmännchen streute Sand.

Wir Jungpioniere

Größer geworden, lernte man in der sozialistischen Schule, seine Mitwelt genau zu beobachten. Als vorbildlicher Schüler durfte man oftmals zum Unterrichtsbeginn vor die Klasse treten. Man benannte Mitschüler, die undiszipliniert am Tisch saßen. Eine echte Herausforderung, wo doch alle in Einheitshaltung mit verschränkten Armen den Rücken durchgedrückt hielten. Also zeigte man die Auffälligen an, die Verdächtigen. So wurden Sozialkompetenz und Urteilsvermögen früh geschult. Für die Volksgesundheit sorgte das Verfahren auch.

Als Erstklässler durfte man endlich seiner mittlerweile gefestigten Ideologie Ausdruck verleihen. Beim Fahnenappell trug der Jungpionier das blaue, von der vierten Klasse an dann als Thälmannpionier das rote Halstuch. Er paradierte, hob die Hand zackig schräg über den Kopf zum Gruß. Immer bereit. Er hatte sogar eigene zehn Gebote. Nicht von Gott, an dessen Haltung zum Sozialismus bestanden ja erhebliche Zweifel. Aber viel lebensnäher: Wir Jungpioniere lieben den Frieden. Wir Jungpioniere achten alle arbeitenden Menschen und helfen überall tüchtig mit. Wir Jungpioniere treiben Sport und halten unseren Körper sauber und gesund.

Die Welt lag den Ostdeutschen zu Füßen

Große Dinge haben die Kinder so vollbracht; sie haben mitgeholfen, Talsperren anzulegen, Wasserleitungen zu verlegen. Durch die Patenschaft der NVA wurde auch früh die Begeisterung für den Soldatenberuf geweckt. Berührungsängste mit dem Militär gab es ohnehin keine. Im Militärferienlager hissten sie die Flagge und stampften im Gleichschritt. Das zeugt doch von einem unverkrampften Verhältnis zu Waffen und Abenteuer. Völlig unverständlich, warum die „Linkspartei“ heute dieses wertvolle Erbe leugnet. Da ist doch klar, welcher Staat in Wahrheit der historisch überlegene war. Wie viele Westkinder mussten dagegen ihre Spielzeugpanzer gegen Bauklötze aus Naturholz eintauschen.

In der Freien Deutschen Jugend (FDJ) lernte man die Nazivergangenheit der Deutschen im anderen Deutschland kennen. Man machte sich bereit für die Bereitschaft, längeren Militärdienst zu leisten. Brachte man es bis zum Ausbilder, kam man viel herum. Kuba, Kambodscha, Syrien. Die Welt, oder zumindest weitsichtig ausgewählte Teile davon, lag den Ostdeutschen zu Füßen.

Die Intelligenzlerquote

Die DDR-Kinder waren nicht nur fleißiger und sauberer. Sie waren auch viel intelligenter, und das ohne Pisa-Schock. So gab es im Deutschunterricht selten einen Schüler, der bei der Interpretation eines Klassikers versagte. Man musste immer nur den Klassenfeind finden - in Goethes „Faust“ zum Beispiel Mephisto, den alten Kapitalisten. Im Klassenbuch wurden die Schüler in hilfreiche Kategorien eingeordnet: A für Arbeiterkind, B für Bauernkind und I für Angehörige der Intelligenz. Die Intelligenzlerquote wurde so gering wie möglich gehalten. Viele Kinder aus bourgeoisen und Theologenfamilien wurden von dem Druck, unbedingt Abitur zu machen, entlastet. Wenn es trotz Quote immer noch nicht reichte, konnten sich weniger Begabte schon mal für drei Jahre Militärdienst verpflichten. So bekam man ganz sicher einen Studienplatz.

Besonders im geisteswissenschaftlichen Studium wurde dann die Tugend der Treue (zum Sozialismus) geschult. Und welch eine Entlastung war dieser Sozialismus; wer forschte, wusste immer schon, zu welchem Ergebnis er kam: Klassenkampf. Wenn Theologenkinder unbedingt studieren wollten, hatten sie auch ein Fach zur Auswahl: Theologie. Man wusste, das Thema Kirche erledigt sich ohnehin von selbst. Muss man auslaufen lassen. Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein.

Alles entschied sich von selbst: die Zukunft, die Kaffeesorte

Und was da nicht alles dabei war: Äpfel, Kartoffeln, Kohl. Von wegen Mangelwirtschaft. Man hatte immer genug zu essen in der DDR. Weil man zur Jugendweihe gern Dosenananas servierte, wurde die eben schon ein Jahr vorher gehortet. Die Textilien hielten ewig. Die Sparsamkeit der DDR-Bürger übersteigt die Vorstellungskraft des verschwenderischen Westens. Der Klassenfeind versuchte, sich anzubiedern, indem er Pakete schickte. Wieder stellt sich die Frage nur rhetorisch: Wer war da der moralisch Überlegene?

Mit Abwägungen musste man sich in der wohlgeordneten DDR-Welt nicht quälen. Es entschied sich alles von selbst, die Zukunft, die Kaffeesorte. Wem ist die Freiheit nicht manchmal zu schwer?

In der Kaufhalle waren die Verpackungen nicht so bunt, aber dafür auch nicht giftig. Umweltschützer waren die DDR-Bürger auch. Sie sammelten und verwerteten alles. Jeden Papierfetzen, jeden Aluminiumdeckel. Man wusste natürlich, dass man nicht in den schillernden Flüssen baden darf. Die waren schadstoffbelastet, weil man für den Sozialismus eben kräftig düngte. Volle drei Prozent der Gewässer blieben trotzdem ökologisch intakt.

„Größere Untertrikotagen für unsere Frauen, bitte!“

Das Leben war ein einziger, ewiger Urlaub. Und das Wetter war auch viel freundlicher. Wer braucht das langweilige Mittelmeer und unfreundliche, ölige italienische Kellner, wenn man auch an der Ostsee sonnenbaden kann? Man wusste die Dinge noch zu schätzen; schließlich hatte man sich zehn Jahre auf den Trabi vorgefreut.

Die Menschen waren auch viel schöner. Natürlicher. Nackter. Sportlicher. Sport war Staatssache. Der Staatssekretär für Körperkultur warf mit Ehrenurkunden um sich. Und mit Anabolika wurde auch nicht gegeizt. Auf dem Sportabzeichen stand: Bereit zur Arbeit und zur Verteidigung der Heimat.

Sowieso war der Zusammenhalt das Beste. Der Arbeiter-und-Bauern-Staat war eine dienstleistungsfreie Gesellschaft. Man half sich gegenseitig. Die Menschen rückten eng zusammen. Im Plattenbau kuschelten sich alle Milieus unter ein Dach, auf dem exakt gleichen Grundriss. So kam kein Neid auf. Hatte ja jeder das Gleiche. Die Kinder wuchsen ohne Markenwahn auf. Höchstens auf Westprodukte waren sie ein bisschen fixiert. Wenn es an etwas fehlte, dann machte der mündige DDR-Bürger einfach eine Eingabe, also eine Meldung an das zuständige Ministerium. Und die wurde gelesen. Als es wieder mehr Fleisch zu essen gab und der Brustumfang der Damen anschwoll, es aber keine Büstenhalter in Extragröße gab, wandte man sich an die Behörden: Größere Untertrikotagen für unsere Frauen, bitte! Das war echte Fürsorge.

Es gab keine politischen Skandale

Die sozialistische Frau hatte alles, wovon das bayrische Hausmütterchen nur träumen konnte. Berufstätige Mütter wurden geehrt, lange vor Ursula von der Leyen. Sie übten technische Berufe aus und durften Nachtschichten in Fabriken schieben. Erfolgreich wurden sie vor dem Dasein der verzweifelten Hausfrau geschützt.

Man machte alles im Kollektiv. Frühstückspause, Marschieren am 1. Mai, Schlange stehen. Jeder war für jeden da. Es gab immer einen, der zuhörte. Der aufpasste, dass die Kinder nicht mit staatsfeindlicher Hetze aufwachsen mussten. Zogen Eltern die DDR in den Schmutz, dann bekam das Kind eben einfach neue. Und das eigene Leben blieb fast nie undokumentiert, so gewöhnlich es auch verlief. Man hinterließ etwas, und meistens sogar in Schriftform. Manchmal war es auch die eigene Tochter, die den Lebensroman mitschrieb. Oder der Ehemann.

Man wurde immer beschützt, das darf man nicht vergessen. Die Welt war groß genug und doch überschaubar. Nie verlor man den Überblick. Dafür sorgte auch die „Aktuelle Kamera“. Deren Nachrichten hatten stets einen roten Faden. Man mutete den Arbeitern und Bauern nicht zu, sich durch zu viele Zeitungen zu quälen oder durch Berge von Wahlprogrammen. Es gab keine politischen Skandale.

Eliteförderung - auch nach dem Fall der Mauer

Kunst und Kultur waren jedermann zugänglich. Theater, Museen und Konzerte waren bezahlbar. Die Volkskunst des sozialistischen Realismus verstand auch jeder. Keine Brüll- und Schreiexzesse wie im westlichen Regietheater. Hier zählte das Handwerk. An den Kunsthochschulen wurde gemalt, hier wurden keine kaputten Fernsehmonitore übereinandergestapelt.

In Schutz genommen wurde der DDR-Bürger vor Aggressoren im In- und Ausland, vor dem verfaulenden Kapitalismus, vor den Nazis, die irgendwo da draußen auf ihre Stunde warteten. Und vor sich selbst. Jeder DDR-Bürger wusste, was er sagen durfte und was nicht. Man legte großen Wert auf die Meinung des Einzelnen. Es ist doch schön, wenn der Staat den eigenen Lebensweg durchplant wie einen verlängerten Fünfjahresplan. Man hatte so weniger Sorgen. Es gab schnelle Aufstiegschancen für jeden, der einen Sinn für Ideologien mitbrachte. Solche Fähigkeiten halfen oft sogar noch nach dem Fall der Mauer - ein Beweis dafür, dass die Eliteförderung der DDR nicht ganz verkehrt gewesen sein kann.

So sehr liebte die DDR ihre Bürger

Und auf wie vieles konnte man stolz sein. Ostblock war Fortschritt, von Korruption war noch nichts bekannt geworden. Von der Sowjetunion lernen hieß siegen lernen. Die Russen waren die Ersten im All, zunächst mit dem Satelliten, dann mit Laika, der Hündin, schließlich mit Gagarin, dem Menschen. Die Brüder in der UdSSR haben keine Popmusik und kein Softeis erfunden, aber dafür Soljanka, die Datsche und den Lada. Allein durch die deutsch-sowjetische Freundschaft hatte man auf Anhieb fast drei Milliarden Freunde. Wer war da in Wirklichkeit abgeriegelt?

Dem gefestigten, gereiften DDR-Bürger wurde mit dem Eintritt in das Rentenalter schließlich sogar zugetraut, sich bei Ausflügen von der Verdorbenheit des Klassenfeindes zu überzeugen. Nicht zu lange, sondern tageweise. Niemand wurde überstrapaziert. Die Alten kamen immer irgendwie erleichtert aus dem Reklamezirkus zurück. Sie waren längst immun. Nur jeder tausendste Rentner kam nicht wieder. Dieses Risiko war einkalkuliert.

So sehr liebte die DDR alle ihre Bürger, dass sie sie gar nicht hergeben wollte. Deswegen baute sie, man hört ja immer wieder davon, sogar eine Mauer. Hm. So eine richtig gute Begründung ist das nicht, zugegeben. Und dass die Mauer der einzige Fehler der DDR gewesen wäre, das lässt sich nun auch nicht behaupten. Vielleicht ist sie nur das deutlichste Zeichen dafür, wie ernst es der DDR damit war, ihren Bürgern das Glück zu bringen oder doch das, was sie dafür hielt. Todernst geradezu.

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