Hartmut Mehdorn, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn AG, gilt gemeinhin als Sturkopf. Als einer, der sich von einmal getroffenen Entscheidungen kaum wieder abbringen läßt. Im Streit um die Gestaltung des Berliner Hauptbahnhofs mußte der Architekt Meinhard von Gerkan, der sich von der Bahn in seinen Urheberrechten verletzt sieht, vor Gericht ziehen, um seine Ideen durchzusetzen - und hat doch nach seinem Erfolg in der ersten Instanz am Dienstag nur von Mehdorn zu hören bekommen, die Bahn werde eben in die Berufung gehen (siehe: Gericht: Bahn muß Berliner Hauptbahnhof umbauen).
In einem anderen Zwist aber hat Mehdorn nun überraschend eingelenkt. In einer gemeinsamen Erklärung mit Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) ließ Mehdorn am Freitag mitteilen, die Bahn werde eine Ausstellung zur Geschichte der Reichsbahn im Nationalsozialismus und zu ihrer Rolle bei den Deportationen der europäischen Juden in die Vernichtungslager zeigen, und zwar „sowohl in Bahnhöfen als auch in deren unmittelbarer Nähe“. Damit, heißt es ausdrücklich, entspreche die Bahn AG „auch einem besonderen Anliegen von Bundesminister Tiefensee“.
Hast und Eile
Vor vier Wochen noch hatte Mehdorn in einem Gespräch mit dieser Zeitung erklärt, auf Bahnhöfen herrschten „Hast und Eile. Es sind keine Orte für ein derart ernstes Thema wie den Holocaust.“ Es könne dort „keine seriöse, tiefgehende Befassung mit solch einem Thema geben,“ hatte der Vorstandsvorsitzende der Bahn damals gesagt und vor einer Konfrontation mit der Geschichte des Holocaust nach dem Motto „shock and go“ gewarnt. Eine Übernahme der von den Publizisten Serge und Beate Klarsfeld für die französische Bahn SNCF konzipierten Ausstellung „11.000 jüdische Kinder. Mit der Reichsbahn in den Tod“ lehnte Mehdorn entschieden ab und behielt seinem Unternehmen das Recht vor, „selbst zu entscheiden, wie wir mit unserer Vergangenheit verantwortlich umgehen“. (Siehe auch: Interview: Wir Bahner brauchen keine neue Ausstellung, wir haben eine)
Für diese Haltung ist Mehdorn heftig gescholten worden. Mehrere Bundestagsabgeordnete warfen ihm vor, er scheue die Auseinandersetzung mit der Verstrickung der Reichsbahn in den Völkermord. Der FDP-Verkehrsfachmann Horst Friedrich wurde mit der Bemerkung zitiert, Mehdorn tanze dem Bund „auf der Nase herum.“ Nun ist Mehdorn, dem öffentlicher Druck ja durchaus nicht unbekannt ist, die Sache politisch offenbar doch zu heikel geworden.
Nur in ruhigeren Bereichen
Er gestand - gewiß auch mit Rücksicht auf die Schwierigkeiten des geplanten Börsengangs seines Unternehmens - zu, die umstrittene Ausstellung auch auf Bahnhöfen zu zeigen, allerdings, wie von der Bahn zu hören ist, nicht auf den Bahnsteigen selbst, sondern in ruhigeren Bereichen der Verkehrsstationen und in nahegelegenen Ausstellungsorten. Dafür konnte Mehdorn durchsetzen, daß „Grundlage der Ausstellung“ die „bereits bestehende Dauerausstellung im DB Museum in Nürnberg“ sein wird, die die Zeit zwischen 1933 und 1945 keineswegs ausspart. Ziel sei es, heißt es in der Pressemitteilung von Tiefensee und Mehdorn, „die Rolle der Reichsbahn im Holocaust aufzuzeigen. Im Mittelpunkt steht dabei das unermeßliche Leid der deportierten jüdischen Kinder“.
Details der künftigen Wanderausstellung, die nicht exklusiv an Standorten der Bahn AG gezeigt, sondern auch interessierten Institutionen zur Übernahme angeboten werden soll, erarbeiten nun Fachleute. Sie sollen dabei in die bestehende Schau vor allem neuere Erkenntnisse der biographischen Forschung der letzten Jahre einarbeiten. Auch Frau Klarsfeld soll gebeten werden, „ihr Material zur Verfügung zu stellen, um Elemente der Ausstellung ,11.000 Kinder' in die neue Ausstellung zu integrieren“, heißt es. Der Hamburger Historiker Jan Philipp Reemtsma hingegen, mit dem Tiefensee Vorgespräche über eine Ausstellung auf den Bahnhöfen geführt hatte, wird nach Auskunft des Verkehrsministeriums wohl nicht an der jetzt vereinbarten Präsentation mitarbeiten. Eröffnet werden soll die Wanderausstellung am 27. Januar 2008, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des NS-Regimes, in Berlin.