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Ein Berliner Depot bewahrt Gegenstände, die Flucht und Vertreibung dokumentieren

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Dinge, die von Flucht erzählen

Von PETER CARSTENS, Fotos MATTHIAS LÜDECKE

27.07.2017 · Ein Berliner Depot bewahrt Tausende Dinge, die an Flucht, Vertreibung und die damit verbundenen Schicksale erinnern. Irgendwann sollen sie Teil einer Ausstellung werden. Wir durften schon mal einen Blick auf die Erinnerungsstücke werfen.

A uf einem Stahlschrank des Depots liegt ein schwerer Kutscher-Mantel aus Masuren. Braunes Wildleder, gefüttert mit einem Webpelz, benutzt, abgewetzt und nach Jahren des Gebrauchs als Erinnerungsstück aufgehoben. Ein Baby wurde gegen Kriegsende 1945 darin eingewickelt und überlebte, geborgen vor Wind und Wetter, die Flucht aus dem Osten. Jetzt liegt der Mantel zunächst leihweise in der Sammlung der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung. Vielleicht wird er irgendwann in der geplanten Ausstellung zu sehen sein, die an das Schicksal von Millionen erinnern soll.

Frühjahr 1946: Viele Menschen mussten ihre Heimat in den ehemaligen deutschen Ostgebieten verlassen. Oft konnten sie auf den Fußmärschen nur das Nötigste mitnehmen. Foto: epd

Lange wurde in Deutschland selbst die Erinnerung vertrieben und verdrängt. Im kollektiven Gedächtnis der amputierten Teilstaaten waren die östlichen Landschaften und der Schmerz ihrer einstigen Bewohner Gespenster der Vergangenheit. Nicht einmal die alten Namen von Breslau oder Insterburg sollten fortexistieren. Abgesehen von ein paar verstreuten Heimatstuben gab es wenig. Die alljährlichen Treffen der Landsmannschaften aus Schlesien oder den Sudeten rochen nach Mottenkugeln und Revanche.

Flucht und Vertreibung nach dem 2. Weltkrieg

Grafik: dpa; Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung

Das hat sich inzwischen geändert. Vor rund zwanzig Jahren begann die damalige Vertriebenen-Präsidentin Erika Steinbach einen Ort zu suchen, um an die Ereignisse vor und nach Kriegsende zu erinnern, als rund 12 Millionen Deutsche ihre Heimat verlassen mussten. Ihr „Zentrum gegen Vertreibungen“ gewann viele Unterstützer, der damalige Innenminister Otto Schily zählte dazu, Otto Graf Lambsdorff und Joachim Gauck. Steinbach selbst wirkte aber zugleich wie ein Magnet für geschichtspolitischen Ärger jedweder Art. Inzwischen hat sie die CDU durch einen rechten Nebenausgang verlassen. Zum Glück war ihr Projekt da längst in die Obhut von Regierung und Parlament gekommen.

In Bonn wurde 2005 eine Bundesausstellung unter dem Namen „Flucht, Vertreibung, Integration“ ausgerichtet, dann die Bundesstiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ gegründet. Aber auch dort gab es Streit und vor allem Stillstand bei Konzeption und Bau eines Dokumentationszentrums. Inzwischen ist das Deutschlandhaus am ehemaligen Anhalter Bahnhof saniert, ein Neubau eingefügt. Etwa 2020 werden die Ausstellungsräume voraussichtlich eröffnet, alles dauert länger als geplant. Bis dahin lagern die künftigen Schaustücke in einem unauffälligen Depot in Berlin-Kreuzberg.

Die Epoche der Zwangsmigration

Medaille einer amerikanischen Hilfsorganisation für Helfer, die nach 1915 verfolgte Armenier unterstützt hatten

Aber es geht voran. Jetzt wurde von allen beteiligten Gremien das Konzept für die Dauerausstellung gebilligt. Die Direktorin Gundula Bavendamm hat sich zumindest als Diplomatin schon bewährt. Ihre Konzeption sieht vor, im ersten Teil des Museums einen Überblick über das zwanzigste Jahrhundert als Epoche der Zwangsmigration in Europa zu bieten. Hierzu gehören etwa die Vertreibung der Armenier und der Genozid an ihnen. Schon dieses Ereignis rief 1915 Nichtregierungsorganisationen auf den Plan, um Verfolgte aufzunehmen, Überlebenden zu helfen. Davon zeugt die abgebildete amerikanische Medaille. In weiteren Räumen werden Flucht und Vertreibung im Zusammenhang der europäischen Kriegs- und Nachkriegsgeschichte dargestellt. Im Zentrum steht dabei das Schicksal der Deutschen, aber auch andere Zwangsumsiedlungen und ethnische Säuberungen sollen ihren Platz finden. Der dritte Teil der geplanten Dauerausstellung ist den Neuankömmlingen in der Bundesrepublik und der DDR gewidmet.

Dort, im sowjetischen Machtbereich, waren die rund vier Millionen Vertriebenen zum Schweigen verdammt. Beschönigend wurden sie „Umsiedler“ genannt. Aufzeichnungen waren rar, Museen nicht erwünscht. Im Westen hingegen konnten die Vertriebenen ihre Erinnerungen leichter wachhalten. Sie organisierten sich in großen Verbänden, pflegten Traditionen und Zusammenhalt. Doch die Mehrheit der Geflüchteten und Vertriebenen blieb diesen Vereinigungen fern und versuchte in aller Stille, sich unter den Westdeutschen zu integrieren. Auch ihnen und ihren Nachfahren will das Dokumentationszentrum ein Ort der Erinnerung und Anerkennung werden.

In der DDR war das Erinnern an die Vertreibung unerwünscht. Ein junger Mann nahm in den siebziger Jahren heimlich Gespräche mit seiner Mutter auf, die aus Wolhynien stammte.

Die Konzeption der Ausstellung erläutert auf fünfzig Seiten das starke Bemühen, die Verbrechen an Millionen deutschen Geflüchteten und Vertriebenen in den Zusammenhang der deutschen Kriegs- und Vernichtungspolitik jener Zeit zu stellen. Soll heißen: Von nichts kam es nicht. Das unterstreicht die Architektur, die es den Besuchern erlaubt, durch die Fenster des Vertriebenen-Museums Blicke auf die Ruinen der benachbarten Gestapo-Folterkeller am Prinz-Albrecht-Gelände zu werfen. Auch das Holocaust-Denkmal ist nicht weit.

Ein Räuber in Strick: Er erinnert Ernst Schmidt an seine alte Heimat Hotzenplotz im heutigen Tschechien. Seine Frau hat den Räuber angefertigt – und später noch ein Exemplar für das Museum.
Eine Kinderzeitschrift, zurückgelassen im heutigen Südpolen, als die Ukrainische Familie 1946 in die Sowietunion umgesiedelt wurde. Gefunden wurde das Helft 2007 auf dem Dachboden.
Für die Gegenwart von Vertreibung und Flucht steht diese Rettungsweste, gefunden 2016 bei Pozzallo auf Sizilien.

So entsteht ein komplexer, ausbalancierter Rahmen für Dokumente und Erinnerungsstücke, die später das Museum ausmachen werden. Noch lagern sie in dem gemieteten Depot in Berlin Kreuzberg. Rund sechstausend Objekte liegen und stehen in Regalen: Koffer, Schlitten, Hausschlüssel, alte Bibeln und etwa hundert laufende Meter Archivalien, Briefe, Dokumente, Fotos.

Mit dem Handwagen auf der Flucht

Dazu gehören auch einige typische Handwagen. Kurz vor Kriegsende wurden sie zum wichtigen Transportmittel für die wenigen Habseligkeiten der Flüchtenden und Vertriebenen. Der hier gezeigte gehörte der Donauschwäbin Sophie Webel. Im Oktober 1944 musste sie ihr Heimatdorf im heutigen Serbien verlassen. Mit ihren drei Töchtern und drei Enkelkindern machte sie sich auf den Weg, fast tausend Kilometer legten sie zurück, die geschwächte Großmutter wurde über einen großen Teil der Strecke im Handwagen gezogen. Nach der Ankunft im Westen hob die Familie den Wagen auf, eine Urenkelin hat ihn der Stiftung übergeben.

Objekte wie diese sind es, die das künftige Museum zu einem Erinnerungsort machen sollen für das Leid, die Schmerzen, aber auch das Heimweh, das die damaligen Flüchtlingsströme ebenso begleiteten wie die heutigen. Weil das so ist, liegt im Depot auch die Schwimmweste eines Mittelmeer-Flüchtlings.


Link zur Website des künftigen Dokumentationszentrums:
„Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 27.07.2017 16:21 Uhr