Wenn die größte Gefahr für die Freiheit ihre gefühlte Selbstverständlichkeit ist, hätte es keinen besseren Ort geben können, um sich Ronald Reagans zu erinnern. Es gebe Orte, die nie ihre kalte Beklommenheit ablegten, sagte Karl-Theodor zu Guttenberg am Sonntagabend im ehemaligen Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen. Dort fand am 100. Geburtstag des 40. Präsidenten Amerikas die einzige offizielle Gedenkveranstaltung für den früheren amerikanischen Präsidenten in Berlin statt, was der Verteidigungsminister und CSU-Politiker „beschämend“ nannte. Dass auf Initiative von Hubertus Knabe, dem Direktor der heutigen Gedenkstätte, an diesem Ort der Unfreiheit dieses „Realisten der Freiheit“ gedacht werde, sei passend, denn heute sei Hohenschönhausen ein „Symbol der untergegangenen DDR“.
Wie Berlin sich an jenen Präsidenten erinnert oder auch nicht erinnern will, der 1987 vor dem Brandenburger Tor forderte: „Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder“, sagt einiges aus über das Geschichtsbewusstsein und die zähe Kraft alter ideologischer Zerrbilder. Gewiss, am Montag legten im Abgeordnetenhaus Parlamentspräsident Walter Momper und der derzeitige amerikanische Botschafter Philip Murphy sowie sein Vorgänger Richard Burt an Reagans Bild in der Ehrenbürgergalerie ein Gebinde nieder. Der Berliner Senat hielt hingegen keine weitere Würdigung für nötig. Der Vorschlag von amerikanischer Seite, vor dem Brandenburger Tor eine Gedenkplakette in den Boden einzulassen, wurde zurückgewiesen. Eine Podiumsdiskussion mit Burt am Montagabend stand entsprechend unter der Leitfrage: „Bin ich kein Berliner? Ronald Reagan und sein Vermächtnis“.
Der Abend in Hohenschönhausen machte deutlich, dass sich der lieblose Umgang mit dem Sieger des Kalten Krieges nicht allein mit taktischer Rücksichtnahme des roten Regierenden Bürgermeisters gegenüber seinem dunkelroten Koalitionspartner erklären lässt. Der Vorschlag des Verteidigungsministers, einen Platz oder zumindest eine Straße nach dem 40. Präsidenten zu benennen, wurde mit Hinweisen auf die Zuständigkeit der Bezirke abgewiegelt.
Guttenberg wollte sich aber so schnell nicht entmutigen zu lassen: „Eine Plakette am Brandenburger Tor wäre ein Zeichen und auch von diesem Senat nicht zu viel verlangt“, sagte er und fügte provozierend hinzu: „eine Plakette statt eines ideologischen Brettes vor dem Kopf“. Er habe sich in dieser Angelegenheit mit der Bundeskanzlerin besprochen und Angela Merkel teile diese Idee „genauso ausdrücklich wie das Unverständnis über die Regierung dieser Stadt“.
Guttenberg erinnert an das Klischee von Reagan als Cowboy
Das ideologische Brett vor dem Kopf wurde nicht allein von Ost-Berliner (Post-)Kommunisten gezimmert. Guttenberg, 1987 selbst noch ein Schüler, erinnerte daran, wie es seinerzeit in West-Berlin und in Bonn zuging: Damals habe die SPD gemeinsam mit der SED ideologische Papiere verfasst, die sogenannte Friedensbewegung sei Sturm gelaufen gegen den Nato-Doppelbeschluss und bis hinein in weite Kreise der akademischen Elite seien mit intellektueller Seichtheit Klischees über Reagan als schießwütigem Cowboy gepflegt worden.
Der Publizist Georg Gafron, selbst ein DDR-Flüchtling, ergänzte später, Helmut Kohl ausgenommen hätte in der Bundesrepublik kein maßgeblicher Politiker mehr an die Wiedervereinigung geglaubt. Und John Kornblum, seinerzeit amerikanischer Gesandter und stellvertretender Kommandant in der geteilten Stadt, wies darauf hin, wie schwierig es damals war, den Senat, der Sicherheitsbedenken geltend machte, davon zu überzeugen, Reagan vor dem Brandenburger Tor sprechen zu lassen. Da wirkte der damalige Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen gleich doppelt pikiert. Er wies Gafrons Behauptung zurück, gestand aber ein, dass er sich während der Rede Reagans darüber Sorgen machte, ob die West-Berliner Demonstranten oder aber die Ost-Berliner Machthaber die Veranstaltung stören könnten.
Kornblum schrieb die berühmte Wendung in Reagans Rede
Kornblum setzte nach. Er, der seinerzeit die berühmte Wendung in Reagans Rede schrieb, hatte die sowjetische Botschaft in Ost-Berlin über den Inhalt der Rede vorab informiert. Diese sei denn auch „eine Botschaft an die Bundesrepublik“ gewesen und nicht an Moskau. „Wir sind aktiv“ habe dies heißen sollen. Die Proteste gegen die Nachrüstung und die Ankunft Gorbatschows seien für Amerika zwei Schläge im Boxring gewesen, die Stimmung in Bonn habe sich danach merklich gewandelt, nicht nur die SPD habe sich vom Ziel der Wiedervereinigung verabschieden wollen, auch „im Bonner Kanzleramt“ habe es Leute gegeben, die von Washington ein „Agreement“ mit Moskau über den Status Berlins wünschten, an dessen Ende West-Berlin anerkannter Teil der Bundesrepublik, Ost-Berlin ein ebensolcher der DDR gewesen wäre. Deutschland sei stets an Stabilität interessiert gewesen, Amerika aber auch an Fortschritt und Freiheit. „Wir haben gestört“, sagte Kornblum, der Diepgens Stirnrunzeln in Kauf nahm, als er hinzufügte, er habe sich als „Sachverwalter der deutschen Nation“ gesehen.
Auf seine Weise bestätigte das Mario Röllig, der kurz nach Reagans Rede wegen „Republikflucht“ in Hohenschönhausen eingekerkert worden war. Gut zwei Jahrzehnte später saß er dort auf dem Podium. Er berichtete, was ihm in jenen dunklen Tagen Kraft und Glauben gegeben habe: ein Blick aus seinem kleinen Zellenfenster in den Himmel über Berlin, in dem dann und wann die Heckflosse einer PanAm-Maschine aufgetaucht sei.
Oh say can you see, by the dawns early light
Michael Radloff (melursus)
- 07.02.2011, 19:34 Uhr
Schande auf ihr Haupt !
Karl Dietrich Naumann (Huga)
- 07.02.2011, 20:01 Uhr
Die Linken verzeihen es Reagan nie
Gerhard Wruck (arbiter)
- 07.02.2011, 21:44 Uhr
Die SPD sollte sich schämen, die CDU sollte in sich gehen.
Gerhard Wruck (arbiter)
- 07.02.2011, 22:23 Uhr
Lasst uns sammeln - ich bin dabei! (@Herr Hauptmann)
Frank Beinborn (Neoliberal)
- 08.02.2011, 00:10 Uhr