16.01.2012 · Thüringen ordnet seine Gedenkstätten-Landschaft: Zeitzeugen und Zeithistoriker erinnern in verschiedener Weise an die SED-Diktatur.
Von Claus Peter Müller, ErfurtDas Ende des Sozialismus lebt in großen Fernsehbildern fort: Die Enge in der Prager Botschaft, die Flucht durch den Zaun in Ungarn, die Montagsdemos mit dem „Wir sind das Volk“ und schließlich der Mauerfall. Dann erfasste der Strudel der Veränderung beinahe jeden in der versinkenden DDR. Das einst Vertraute, aber auch das Unheimliche und Bedrohliche des alten Systems waren mit einem Mal Vergangenheit.
Nur wenigen kam mitten in dieser Zeit des Umbruchs der Gedanke, es in Bildern oder Symbolen zur Erinnerung zu bewahren, Grenzanlagen zu erhalten, Stasiunterlagen vor der Vernichtung zu sichern, die Agonie der DDR in Bildern zu fixieren oder vergebens um den Erhalt eines Grenzbahnhofes wie in Probstzella zu kämpfen.
In Thüringen entstanden aus dem Engagement Einzelner Gedenkorte wie Mödlareuth an der Grenze zu Franken, Schifflersgrund an der Grenze zu Hessen oder die Gedenkstätte für SED-Opfer im Torhaus der früheren MfS-Haftanstalt in Gera. An diesen Stätten erscheint heute so unglaublich, was einst Alltag war. Nun, da schon fast ein Vierteljahrhundert seit dem Zusammenbruch des Sozialismus durch Städte und Dörfer gezogen und eine neue Generation in der Transformation groß geworden ist, sichtet und ordnet Thüringen die Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur. Eine von Kultusminister Matschie (SPD) einberufene Historiker-Kommission hat eine „Landesförderkonzeption für Gedenkstätten und Lernorte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“ vorgelegt. Matschie ist stolz darauf, dieses Konzept jetzt präsentieren zu können.
In dem Konzept, das unter Leitung des Direktors der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora Volkhard Knigge entstand, kritisieren die Fachleute die bisherigen Gedenkstätten unmissverständlich. Doch es gäbe sie nicht, wenn Laien sie nicht gegründet und erhalten hätten. Über das deutsch-deutsche Grenzmuseum Mödlareuth heißt es, die Ausstellung stelle die Geschichte nur begrenzt dar.
In Schifflersgrund sehen die Historiker durch das Grenzmuseum die historischen Spuren nahezu vollständig „überformt“. Vor allem nehmen die Fachleute an einer „Ansammlung“ von „militärischem Gerät und Fahrzeugen“ Anstoß. Über „Point Alpha“, einen ehemaligen Vorposten der Amerikaner an der deutsch-deutschen Grenze in der Rhön, heißt es, „die historische Erschließung der Ortes fokussiert in überzeichneter Form auf dessen Stellenwert im Kalten Krieg.“
Dem ehemaligen Stasi-Gefängnis an der Erfurter Andreasstraße attestieren die Forscher dagegen, es zeichne sich durch historische Mehrdimensionalität und die zentrale Lage in der Landeshauptstadt aus. Das Haus sei in besonderer Weise geeignet, die Geschichte der SED-Diktatur und ihrer Überwindung darzustellen. Die Mitglieder der Kommission empfehlen schließlich die institutionelle Verbindung der Andreasstraße mit der „Stiftung Ettersberg zur vergleichenden Erforschung europäischer Diktaturen und ihrer Überwindung“ in Weimar.
Für Matschie ist es höchste Zeit, dass das Bewahrte für die Zukunft geordnet wird, „denn die Zahl der Engagierten ist klein, und sie kommen in ein Alter, da sie die Arbeit nicht mehr allein tun können“, sagt der Minister. Auch sei ein Konzept notwendig geworden, damit die Mittel nicht mehr wie bisher sporadisch verteilt werden. 5,6 Millionen Euro aus dem Vermögen der Parteien und Massenorganisationen der DDR sollen in die Gedenkstätte an der Andreasstraße investiert werden. Gleichwohl weiß Matschie aus der Begegnung mit Zeitzeugen, „dass das Thema auch 20 Jahre nach der friedlichen Revolution noch emotional besetzt ist, und das muss man ernst nehmen“.
Enttäuscht, gar verbittert, dass er eben nicht ernst genommen werde, ist Joachim Heise. Er ist Zeitzeuge und der Vorsitzende des Vereins „Freiheit e. V.“, in dem sich ehemalige politische Häftlinge zusammengefunden haben. Heise hatte 1980 einen Ausreiseantrag gestellt, sich an die Ständige Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin gewandt und dort Informationen zu seinem Fall hinterlassen. Wegen landesverräterischer Nachrichtenübermittlung und Widerstands gegen die Staatsgewalt wurde er daraufhin zu drei Jahren Haft verurteilt. 1984 kaufte ihn die Bundesrepublik frei, und er zog nach Hanau. Heute lebt Heise wieder im thüringischen Nordhausen. Vor zwei Jahren, in einem kalten Januar, als die ganze Stadt schneebedeckt war, hatten Heise und andere ehemalige Häftlinge das alte Stasi-Gefängnis an der Andreasstraße besetzt. Sie fürchteten, dass das Haus abgerissen werden sollte. Sie aber wollten es in eigener Trägerschaft als Gedenkstätte erhalten.
Am 4. Dezember 1989 hatten Bürgerrechtler die Bezirkszentrale der Staatssicherheit an der Erfurter Andreasstraße gestürmt und besetzt. Es war die erste Stasizentrale in der DDR, die Freigeister in ihren Besitz genommen hatten. In der Untersuchungshaftanstalt der Stasi sammelten Bürgerrechtler nach dem Zusammenbruch der DDR Unterlagen aus den Kreisdienststellen des MfS. Das Gefängnis wurde später weiter als solches genutzt. Von 2002 an bis 2004 stand es leer. Im März 2004 erhielt die Thüringer Landesbeauftragte für die Stasiunterlagen, Hildigund Neubert (CDU), einen Anruf der Denkmalpflege, dass das Stasigefängnis abgerissen werden solle, um Parkplätze zu schaffen. Frau Neubert und die Gesellschaft für Zeitgeschichte, die aus den ehemaligen Bürgerrechtlern und Stasibesetzern hervorgegangen war, organisierten eine Ausstellung im ehemaligen Stasi-Knast. Bald kamen Zeitzeugen hinzu, die hier eingesessen hatten, und boten Führungen an. Unter ihnen war auch Heise.
Ministerpräsident Althaus (CDU) ließ sich für die Idee gewinnen, im Gefängnis eine Gedenkstätte einzurichten. Doch lange Zeit geschah nichts. Im Sommer 2009, wenige Wochen vor der Landtagswahl, nach der Althaus nicht mehr Ministerpräsident sein sollte, installierte die Landesregierung die Thüringer Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur „Gedenken, Erinnern, Lernen“, die sich der Haftanstalt annehmen sollte.
Nach der Landtagswahl und der Bildung einer Koalition von CDU und SPD wandte sich Matschies Ministerium der Sache zu. Doch von Beginn an war das Verhältnis zwischen „Freiheit e. V.“ und dem Ministerium von Misstrauen durchsetzt. Denn am Morgen des 15. Dezember 2009, erzählt Heise, habe er noch ein freundliches und konstruktives Gespräch im Kultusministerium mit Staatssekretär Deufel (SPD) geführt, aber am Nachmittag desselben Tages von einem Immobilienentwickler gehört, dass der Abriss von Teilen des Gefängnisses geplant sei. Daraufhin besetzten die ehemaligen Häftlinge die Anstalt im Januar 2010. Das Kultusministerium lehnte jedoch die Trägerschaft des Vereins „Freiheit e.V.“ für eine Haft-Gedenkstätte ab. Seither hat Heise über die Geschehnisse Buch geführt. Das Vertrauen gegenüber dem Ministerium kehrte nie zurück.
Heute fühlt sich Heise hintergangen. Sein Verein sei zwar immer zur Mitarbeit eingeladen, aber in der inhaltlichen Mitarbeit blockiert worden. Historisch bedeutsame Zellentüren, die sich schon auf dem Weg in den Müll befanden, hat Heise aufgespürt und gerettet. Sein Verein habe das Haus an der Andreasstraße gegen Diebstahl gesichert, „aber dann wurde uns die Anwesenheit verwehrt“. Heises Hoffnung, dass die ehemaligen Gefangenen das Haus erhielten, trog. Die Entwicklung habe offenbart, dass die Stiftung Ettersberg immer schon als Träger des Gefängnisses vorgesehen gewesen sei.
In der Tat hat Thüringens Ministerpräsidentin Lieberknecht (CDU) jüngst die Satzungsänderung der „Stiftung Ettersberg“ gut geheißen, damit diese Stiftung mit der unselbständigen Stiftung „Gedenken - Erinnern -Lernen“ zur „Stiftung Ettersberg. Europäische Diktaturforschung - Aufarbeitung der SED-Diktatur -Gedenkstätte Andreasstraße“ fusionieren kann. Frau Lieberknecht äußerte die Erwartung, dass sich beide Partner in der neuen Stiftung auf Augenhöhe begegnen und auch die ehemaligen Häftlinge des MfS angemessen im neu zu schaffenden Beirat „Aufarbeitung“ des Stiftungszusammenschlusses vertreten sein werden.
Der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Ettersberg, Hans-Joachim Veen, berichtet, dass die Fusion der beiden Stiftungen schon weitgehend abgeschlossen ist. Am 17. Juni 2012 will sich die neue Stiftung konstituieren. Die Verpflichtungen, die das Ministerium gegenüber den Zeitzeugen, den Stasihäftlingen und den Opfern des Stalinismus eingegangen ist, will die fusionierte Stiftung übernehmen. Parallel ist das Grobkonzept für eine Dauerausstellung entwickelt worden. Die zweite Etage des Hauses wird dem Thema Haft gewidmet, und Veen wünscht sich die Mitwirkung der ehemaligen Häftlinge. In der ersten Etage sollen in einer Dauerausstellung zentrale Fragen der SED-Diktatur bearbeitet werden.
Heise wiederum fürchtet, das Thema Haft, das die Zeitzeugen lebendig darstellen könnten, komme an der Andreasstraße künftig zu kurz. Als DDR-Museum sei die Andreasstraße nicht geeignet. Dieses Thema sei im zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig besser aufgehoben. Im Übrigen habe er kein Problem mit Wissenschaftlern, solange sie nicht behaupteten, die Deutungshoheit zu haben.
Veen meint dazu: „Wir müssen noch um die Mitwirkung der Häftlingsverbände kämpfen. Ich werde alles tun, um sie einzubeziehen. Sie sind so wichtig, weil sie Zeitzeugen sind und den Ort damit authentisch machen. Sie geben Auskunft über die Willkür des Repressionsapparates. Das ist unverzichtbar.“ Die Verbände der Zeitzeugen und Opfer haben einstimmig für den neuen Leiter der Gedenkstätte an der Andreasstraße, den Berliner Historiker und Publizisten Jochen Voit, votiert. Voit sei sensibel und habe Erfahrung mit Zeitzeugenprojekten, sagt Matschie. An diesem Dienstag wird Voit in Erfurt vorgestellt.
"Geschichtspolitik" und Strafgesetze für
"falsche" Geschichtsschreibung
Lüko Willms (l.willms)
- 18.01.2012, 11:13 Uhr
Genossenschaften
Arndt Ludwig (Lorddersith)
- 18.01.2012, 09:23 Uhr
@Herrn Willms; mindestens zwei Meinungen über die "DDR"
wird es auf lange Zeit geben:
Detlef Symietz (Symietz)
- 18.01.2012, 09:21 Uhr
Wenigstens ein Bundesland, was sich darum kümmert.
Werner Holt (manudave)
- 18.01.2012, 09:10 Uhr
Wenigstens ein Bundesland, was sich darum kümmert.
Werner Holt (manudave)
- 18.01.2012, 09:10 Uhr
Claus Peter Müller Jahrgang 1960, politischer Korrespondent für Nordhessen und Thüringen mit Sitz in Kassel.
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