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Gedenken an die DDR : Ringen um Deutungshoheit

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Der Kampf der Zeitzeugen: Vor zwei Jahren besetzten frühere Häftlinge das ehemalige Stasi-Gefängnis an Erfurts Andreasstraße, um zu verhindern, dass das Gebäude abgerissen wird Bild: Roger Hagmann

Thüringen ordnet seine Gedenkstätten-Landschaft: Zeitzeugen und Zeithistoriker erinnern in verschiedener Weise an die SED-Diktatur.

          Das Ende des Sozialismus lebt in großen Fernsehbildern fort: Die Enge in der Prager Botschaft, die Flucht durch den Zaun in Ungarn, die Montagsdemos mit dem „Wir sind das Volk“ und schließlich der Mauerfall. Dann erfasste der Strudel der Veränderung beinahe jeden in der versinkenden DDR. Das einst Vertraute, aber auch das Unheimliche und Bedrohliche des alten Systems waren mit einem Mal Vergangenheit.

          Nur wenigen kam mitten in dieser Zeit des Umbruchs der Gedanke, es in Bildern oder Symbolen zur Erinnerung zu bewahren, Grenzanlagen zu erhalten, Stasiunterlagen vor der Vernichtung zu sichern, die Agonie der DDR in Bildern zu fixieren oder vergebens um den Erhalt eines Grenzbahnhofes wie in Probstzella zu kämpfen.

          Unglaublich, was einst Alltag war

          In Thüringen entstanden aus dem Engagement Einzelner Gedenkorte wie Mödlareuth an der Grenze zu Franken, Schifflersgrund an der Grenze zu Hessen oder die Gedenkstätte für SED-Opfer im Torhaus der früheren MfS-Haftanstalt in Gera. An diesen Stätten erscheint heute so unglaublich, was einst Alltag war. Nun, da schon fast ein Vierteljahrhundert seit dem Zusammenbruch des Sozialismus durch Städte und Dörfer gezogen und eine neue Generation in der Transformation groß geworden ist, sichtet und ordnet Thüringen die Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur. Eine von Kultusminister Matschie (SPD) einberufene Historiker-Kommission hat eine „Landesförderkonzeption für Gedenkstätten und Lernorte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“ vorgelegt. Matschie ist stolz darauf, dieses Konzept jetzt präsentieren zu können.

          In dem Konzept, das unter Leitung des Direktors der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora Volkhard Knigge entstand, kritisieren die Fachleute die bisherigen Gedenkstätten unmissverständlich. Doch es gäbe sie nicht, wenn Laien sie nicht gegründet und erhalten hätten. Über das deutsch-deutsche Grenzmuseum Mödlareuth heißt es, die Ausstellung stelle die Geschichte nur begrenzt dar.

          Nahezu vollständig „überformt“

          In Schifflersgrund sehen die Historiker durch das Grenzmuseum die historischen Spuren nahezu vollständig „überformt“. Vor allem nehmen die Fachleute an einer „Ansammlung“ von „militärischem Gerät und Fahrzeugen“ Anstoß. Über „Point Alpha“, einen ehemaligen Vorposten der Amerikaner an der deutsch-deutschen Grenze in der Rhön, heißt es, „die historische Erschließung der Ortes fokussiert in überzeichneter Form auf dessen Stellenwert im Kalten Krieg.“

          Dem ehemaligen Stasi-Gefängnis an der Erfurter Andreasstraße attestieren die Forscher dagegen, es zeichne sich durch historische Mehrdimensionalität und die zentrale Lage in der Landeshauptstadt aus. Das Haus sei in besonderer Weise geeignet, die Geschichte der SED-Diktatur und ihrer Überwindung darzustellen. Die Mitglieder der Kommission empfehlen schließlich die institutionelle Verbindung der Andreasstraße mit der „Stiftung Ettersberg zur vergleichenden Erforschung europäischer Diktaturen und ihrer Überwindung“ in Weimar.

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