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Kommentar : Blutsbrüder

Der französische Präsident Emmanuel Macron und der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier umarmen sich am Freitag am Hartmannsweilerkopf. Bild: AFP

Die Europäer sollten nicht glauben, sie seien für alle Zeit gegen jene Wahnzustände gefeit, die sie in den „Großen Krieg“ führten. Es war wichtig und richtig, dass Macron und Steinmeier daran erinnerten.

          Vor neunundneunzig Jahren endete ein Weltkrieg, von dem jene, die ihn, oft genug an Leib oder Seele versehrt, überlebt hatten, noch nicht wussten, dass er eines Tages der „Erste“ heißen würde, weil er schon die Frucht des nächsten Weltenbrandes in sich trug, der noch monströser werden sollte. Der „Große Krieg“, wie ihn Briten und Franzosen nennen, ist gut erforscht. Ein Rest des Unerklärlichen aber bleibt.

          Wie konnten die europäischen Völker jubelnd in eine Selbstzerstörungsorgie ziehen, aus der sie vier Jahre lang nicht mehr herausfanden, bis sie in mehrfacher Hinsicht ausgeblutet waren? Auch danach hörte der Hass nicht auf. Millionen waren im Trommelfeuer umgekommen, Großreiche waren zerfallen, Hunger und Krankheiten grassierten – aber die „Erbfeindschaft“, Revanchismus und National(sozial)ismus blühten auf. Nur zwei Jahrzehnte nachdem die europäischen Kulturnationen endlich, zu Tode erschöpft, voneinander abgelassen hatten, stürzten sie sich wieder aufeinander.

          Eine Renaissance nationalistischen Denkens

          Hätten Kaiser, Könige, Zaren und Generäle vor einem Jahrhundert gehandelt, wie sie handelten, wenn sie gewusst hätten, was sie ihren Völkern, Ländern und sich selbst antun, mit entsetzlichen Folgen auch für die nächsten Generationen? Wir wissen, was kam, und haben daraus den Imperativ „Nie wieder!“ abgeleitet. Deutschlands Eintreten für die europäische Einigung wird unmittelbar von dieser Erfahrung und Erkenntnis angetrieben.

          Doch die Zahl der Menschen, die zumindest noch den Schrecken des Zweiten Weltkriegs erlebten, schrumpft zusammen. Gleichzeitig ist nicht nur in Europa eine Renaissance nationalistischen Denkens zu erkennen. Das Fieber vom Sommer 1914 hat die Welt zum Glück noch nicht wieder ergriffen. Doch sollten gerade die Europäer nicht so arrogant sein zu glauben, die Menschheit sei für alle Zeit gegen kollektive Wahnzustände gefeit.

          Es war daher richtig und wichtig, dass der deutsche und der (jüngere) französische Präsident auf dem Hartmannsweilerkopf gemeinsam in die Vergangenheit und in die Zukunft Europas blickten. Deutsche und Franzosen sind in drei Kriegen zu Blutsbrüdern geworden, deren Schicksale, bei allen Unterschieden, untrennbar miteinander verbunden sind. Das sollte man auch und gerade dann nicht vergessen, wenn es im politischen Tagesgeschäft wieder schwieriger wird.

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