27.01.2005 · Vor sechzig Jahren wurde Auschwitz-Birkenau befreit. Etwa tausend Überlebende des Vernichtungslagers, Staatsoberhäupter und Regierungschefs haben vor den Augen der Welt auch vor einer Wiederkehr des Antisemitismus in Europa gewarnt.
Etwa tausend Überlebende des Vernichtungslagers Auschwitz, Vertreter von mehr als vierzig Regierungen, Staatsoberhäupter, Regierungschefs und Minister haben am Donnerstag vor den Augen der Welt sowie mehreren tausend Besuchern der Befreiung des Lagers vor sechzig Jahren gedacht.
Am 27. Januar 1945 hatte die vorrückende sowjetische Armee das damals soeben von den Deutschen verlassene Vernichtungslager erreicht. Sie fand dort etwa 7000 verhungernde, oft sterbende Häftlinge vor. Etwa 1,1 Millionen Menschen, vor allem Juden, aber auch Polen, russische Kriegsgefangene, Sinti und Roma, waren auf Befehl der nationalsozialistischen Führung Deutschlands bis zu diesem Tag in Auschwitz in fabrikartigen Anlagen getötet worden.
Das Leid der Opfer verpflichtet
Im Rahmen des von der polnischen Regierung ausgerichteten Festprogramms erinnerte die französische Politikerin Simone Veil als Vertreterin der jüdischen Opfer an ihre Leidensgenossen, die Auschwitz nicht überlebt hatten. „Was wäre aus ihnen geworden, aus den Millionen jüdischer Kinder, die hier in ihrer Kindheit oder in ihrer Jugend ermordet wurden“, fragte Frau Veil: „Alles, was ich weiß, ist, daß ich nicht aufhören kann zu weinen, wenn ich an sie denke, und daß ich sie nie vergessen werde.“
Der frühere Widerstandskämpfer und spätere polnische Außenminister Bartoszewski, auch er ein früherer Gefangener von Auschwitz, gab der Hoffnung Ausdruck, daß das Leid der Opfer kommende Generationen verpflichten werde, „in Achtung vor der Würde eines jeden Menschen“ zu leben sowie Fremdenhaß und Antisemitismus zu bekämpfen.
„Hat die abschreckende Kraft der Schoa nachgelassen“
Aus Rücksicht auf das Alter der anwesenden Überlebenden sprachen von den zahlreichen Staatsgästen nur der polnische Präsident Kwasniewski als Gastgeber, der Präsident Israels, Katsav, als Vertreter der Juden sowie der russische Präsident Putin als Repräsentant des Landes, dessen Soldaten Auschwitz befreit hatten. Zu den Staatsoberhäuptern, die nicht das Wort ergriffen, gehörte neben dem französischen Präsidenten Chirac auch Bundespräsident Köhler.
Katsav dankte den Alliierten des Zweiten Weltkriegs, den sowjetischen und amerikanischen Soldaten, Großbritannien, auch dem Widerstand in Polen und anderen besetzten Ländern für ihren Einsatz für die Befreiung Europas. Katsav erinnerte aber auch daran, daß die Alliierten zu wenig getan hätten, um die „Völkermordindustrie“ der Deutschen frühzeitig zu zerstören. Der Präsident Israels beklagte die Zeichen einer wiedererwachten Judenfeindlichkeit in Europa: „Wir stehen vor einer Wiederkehr des Antisemitismus in Europa. Könnte es sein, daß die abschreckende Kraft der Schoa nachgelassen hat?“
Katzav rief Europa dazu auf, die Erinnerung an den Massenmord in Auschwitz als festen Bestandteil der politischen Kultur zu verankern. „Auschwitz muß den zentralen Platz im kollektiven Gedächtnis des vereinten Europa erhalten“.
„Im Herzen der zivilisierten Welt“
Der polnische Präsident Kwasniewski hatte vor dem Festakt einige der sowjetischen Soldaten, die an der Befreiung von Auschwitz teilgenommen hatten, mit hohen polnischen Orden ausgezeichnet. Der russische Präsident Putin, der eine außergewöhnlich kurze Ansprache hielt, schloß mit den Worten, die Welt müsse alles dafür tun, damit „all das, was hier geschah, sich nie wiederholen kann“.
Auschwitz habe sich „im Herzen der zivilisierten Welt“ ereignet, sagte der amerikanische Vizepräsident Dick Cheney. Die Geschichte der NS-Lager zeige, „daß das Böse real ist“. Umso wichtiger sei der Widerstand dagegen.
Gedenkstunde im Bundestag
Im Deutschen Bundestag haben Versuche der Annäherung an das unfaßbare Ausmaß des Grauens und Warnungen vor dessen Instrumentalisierung die Gedenkstunde an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz bestimmt.
Der Publizist Arno Lustiger bedauerte die Notwendigkeit, die Verharmlosung des Völkermordes an den Juden unter Strafe stellen zu müssen, und er warnte gleichzeitig davor, Auschwitz als Metapher zu mißbrauchen. Lustiger sagte, das Postulat „nie wieder Auschwitz“ werde dadurch ausgehöhlt.
Als Beispiele eines solchen Mißbrauchs nannte er Äußerungen von Günter Grass, der gegen die Wiedervereinigung Deutschlands argumentiert habe, Auschwitz spreche dagegen, und die Äußerungen von Politikern, die die militärische Intervention in Bosnien und im Kosovo mit der Metapher vom drohenden „Auschwitz“ begründet hätten.
Lustiger erinnerte an das Schicksal der Juden, die der Verfolgung in der Verborgenheit in Deutschland entkommen konnten, und bedauerte, daß weder sie noch ihre Helfer genügend im allgemeinen Bewußtsein stünden. Die aktuellen rechtsextremistischen Vorfälle vor allem der sächsischen NPD bestimmten auch den Tenor der Gedenkstunde. Lustiger fragte, ob es „nicht an der Zeit“ sei, „daß deutsche Verfassungsrichter ihre Samthandschuhe ausziehen, wenn es sich um Feinde unserer Verfassung und Demokratie handelt“.
Thierse: Wir sind nicht wehrlos
Bundestagspräsident Thierse sagte, die Äußerungen der NPD-Abgeordneten, die unter anderem die Zerstörung Dresdens als „Bomben-Holocaust“ bezeichnet hatten, kämen einer Demaskierung gleich. Für jeden sei nun sichtbar: „Es sitzen wieder Neonazis in einem deutschen Parlament.“
Das demokratische Deutschland sei nicht wehrlos, sagte der Bundestagspräsident: „Wir dürfen denen unsere Sprache und unsere Plätze nicht überlassen.“ Thierse sagte mit Blick auf die NPD-Äußerungen, in Dresden und überall in Deutschland müsse verhindert werden, daß die Erinnerung an die deutschen Opfer und die Trauer über das Leid auch der Deutschen mißbraucht werde für neonazistische Propaganda.
Das Europäische Parlament in Brüssel gedachte mit einer Schweigeminute der Befreiung von Auschwitz. In dem Vernichtungslager ermordeten die Nazis eineinhalb Millionen Menschen, die meisten von ihnen Juden. Bei der Befreiung des Lagers trafen die sowjetischen Soldaten noch etwa 7.000 Überlebende an. Die meisten anderen Häftlinge waren von deutschen Soldaten zu Todesmärschen nach Westen gezwungen worden.