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Gauck und die Freiheit Risiken und Nebenwirkungen

 ·  Joachim Gauck redet gut, aber oft zu viel. Als Präsident muss er neue Themen finden. Seine Tränen muss er sparen, seine Eitelkeit kontrollieren.

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© Getty Images Gauck glaubt an die Kraft seiner Worte

Redner wäre die angemessene Bezeichnung, um die Tätigkeit von Joachim Gauck zu beschreiben. Vorträge und Reden zu halten ist sein Hauptberuf seit Jahren. Gauck glaubt an die Kraft seiner Worte. Es gehe ihm nie nur darum, einfach schön zu reden, sagt er, sondern er wolle Leute damit zum Handeln bewegen. „Es ist mir immer gelungen, Menschen zu etwas zu bringen, was sie sonst nicht getan hätten.“ So schätzt er die Wirkung seines Auftritts ein.

Gauck beeindruckt, weil er frei spricht, die Zuhörer unmittelbar angeht, Gefühle weckt. Seine Reden sind wie Predigten. Der einstige Pastor aus Rostock formuliert einen quasitheologischen Anspruch an sie, wenn er sagt, es gehe ihm in einer Zeit der kommunikativen Störung darum, den Leuten zu sagen, „wozu sie da sind“. Das klingt anmaßend. Für einen Theologen, und sei es im Gewand eines modernen Wanderpredigers, mag es ein angemessener Anspruch sein. Aber ist es das auch für einen Bundespräsidenten?

Ein ungewohnter, unmoderner Klang

Gauck will Mutmach-Reden halten. Das könnte, überhaupt und besonders in Zeiten von Krisen, eine der vornehmsten Aufgaben des Staatsoberhaupts sein. Er will, dass die Bürger sich freuen, in einer so freien Gesellschaft zu leben, „dass sie gegen ihre Ängste leben und dass sie dieses Land lieben“. Darunter tut es der Volkstherapeut Gauck nicht. Indes, nicht jeder Bürger will therapiert werden.

In einer nüchternen Zeit pflegt Gauck das Pathos. Das ist ein ungewohnter, unmoderner Klang, der viele fasziniert. Aber Pathos muss sparsam eingesetzt werden, um nicht hohl zu werden. Für einen Bundespräsidenten Gauck könnte es sich schnell abnutzen, zu einer belächelten Masche werden.

Freiheit, Demokratie und Verantwortung, Gaucks Großthema, ist für einen Bundespräsidenten ein Muss. Es ist freilich sein einziges Thema. Er hat es sich über Jahre erarbeitet, hat dazu viel gelesen. Glaubwürdig wirkt er, weil es mit seiner Biographie in der DDR und danach zu tun hat. Zwar ist Gauck klug genug, sich in Interviews zu aktuellen Fragen zu äußern. Zum Bundeswehreinsatz in Afghanistan hat er vor seiner ersten Kandidatur gesagt: „Wir führen dort nicht Krieg, wie andere Deutsche früher Krieg geführt haben. Ich wünsche mir, andere deutsche Armeen wären auch mit so tollen Motiven ausgezogen.“ Mit solchen Einlassungen bekommt er Applaus. Es ist ein klares Bekenntnis dazu, mit dem Einsatz militärischer Gewalt Böses zu wenden – und auch ein Gegenstück zu Margot Käßmanns „Nichts ist gut in Afghanistan“. Aber sein Bekenntnis wird der Problematik des Einsatzes am Hindukusch ebenso wenig gerecht wie der Satz der ehemaligen Bischöfin.

Eine menschliche und eine schwierige Seite

Gauck hat bei seinen Auftritten zum Thema Freiheit über die Jahre reichlich Routine entwickelt. Versäumt hat er, sich ein anderes Thema in ähnlicher Weise anzueignen. Viele in der Union, von der Kanzlerin bis hin zu Landespolitikern mit einem Hang zu Schwarz-Grün, wünschten sich Klaus Töpfer als Präsidentschaftskandidaten, weil sie ihn für geeignet hielten, brennende Probleme mit hoher Sachkenntnis anzusprechen. Der einstige Umweltminister, so heißt es, hätte die Energiewende begleiten, die Versöhnung von Wirtschaft und Ökologie thematisieren, das Verhältnis zu den Entwicklungsländern in den Blick rücken können. Die Erwartung, ein Bundespräsident müsse solche Themen besetzen, ist in der Politik weit verbreitet. „Gauck hingegen sagt bisher gar nichts, wenn auch sehr schön“, spottet ein Landespolitiker der CDU. Einfach nur geredet werde ohnehin zu viel. Man müsse nicht nur das Herz, sondern auch die Köpfe bewegen. Als Bundespräsident wird sich Gauck daher zwei oder drei neue Themen suchen müssen. Es wird kaum die Sphäre des Ökonomischen sein, die ihm fremd ist. Aber es könnte eine Wertedebatte sein über die Frage, was das Fundament unserer westlichen Zivilisation ist.

Als Gauck vor seiner ersten Kandidatur sich in der Fraktion der Grünen vorstellte, waren viele gerührt und begeistert. Gauck sprach von „Magie“, wenn er die Emotionalität der Begegnung beschrieb, von „Gänsehaut“ sprachen Teilnehmer. Besonders bewegend war, als die Abgeordnete Ekin Deligöz, die aus der Türkei stammt, ihn fragte, ob denn auch sie zu dem Volk gehören würde, dessen Präsident er sein wolle. Gauck schwieg lange auf die Frage, kämpfte mit den Tränen. Dass eine Abgeordnete des Bundestags nicht wusste, ob sie zum Volk dazugehört, das machte ihm zu schaffen. Auch als er später davon erzählte, wurden ihm die Augen feucht. Wenn er aus seinen Memoiren liest, kann er mitunter nicht weiterlesen, weil er mit den Tränen kämpft – etwa an der Stelle, wo er über die Ausreise seiner Söhne aus der DDR schreibt. Gauck kann andere berühren, aber er ist auch oft selbst berührt von sich. Das hat eine menschliche und eine schwierige Seite. Denn die tränenreiche Ergriffenheit ist in den vergangenen Jahren ein Teil der Routine des Vortragsredners Gauck geworden. Ein Bundespräsident wird öffentlich mit seinen Tränen sparsam umgehen müssen.

Als Joachim Gauck nach der friedlichen Revolution in der DDR Sonderbeauftragter der Bundesregierung für die Stasi-Unterlagen wurde, ging es in einer Runde mit Vertrauten darum, wie er sich nennen sollte. „Sonderbeauftragter der Bundesregierung“ oder „der Sonderbeauftragte der Bundesregierung“. Gauck entschied sich damals für „der Sonderbeauftragte“. Das klinge wichtiger, soll er gesagt haben. Der eigentlich unbedeutende Vorgang beleuchtet einen Wesenszug Gaucks: die Eitelkeit. Er kleidet sie oft in die Form scheinbarer Bescheidenheit. Etwa, wenn er im Kanzleramt sagte, dass er kein Supermann und auch nicht fehlerfrei sei. Das zu formulieren bedeutet auch, dass er annimmt, es könnte anderes vermutet werden. Gauck glaubt, dass er seine Eitelkeit hinter sich gelassen habe, dass es nur alte Reflexe seien, die ihm da einen Streich spielen. Für die Außenwirkung aber ist das gleichgültig.

Auf seinen Veranstaltungen hat Gauck in den vergangenen Jahren Zustimmung, Sympathie und oft Verehrung erfahren. Das hat seine Eitelkeit nicht gedämpft. In der Verbindung mit dem Amt des Präsidenten könnte sie ihm gefährlich, ja zum größten Risiko werden. Gauck wird darauf achten müssen, dass er in seiner Umgebung Vertraute hat, die als Korrektiv wirken. Für den Bundespräsidenten Gauck wird es darauf ankommen, aus den Routinen der vergangenen Jahre herauszubrechen, sich neu zu definieren. Das ist mit 72 Jahren nicht leicht. Seine Ansage im Kanzleramt, dass er ja jetzt schon getan habe, was ein Bundespräsident tue, nur eben ohne einen Apparat, deutet darauf hin, dass er das noch nicht verstanden hat.

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Jahrgang 1963, politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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