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Gauck - Stationen eines Lebens Vier Jahreszeiten Widerstand

 ·  Joachim Gauck hat gelernt, sich und seinen Glauben gegen ein totalitäres System zu behaupten. Er überschritt Grenzen, ohne einen Eklat herbeizuführen. Weggefährten schätzten, was ihm auch künftig helfen dürfte: sein Redetalent.

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© dpa 1989 – Gauck spricht im Herbst des Wendejahres während einer Fürbittenandacht in der Marienkirche in Rostock

In seiner kleinen Montagmorgenandacht sprach der Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Mecklenburg auch über Gauck. Er freue sich über dessen Nominierung, sagte Andreas von Maltzahn in seinem Schweriner Amtssitz. Er freue sich, dass ein ehemaliger mecklenburgischer Pastor für das Amt des Bundespräsidenten vorgeschlagen worden sei. Noch dazu ein alter Bekannter. Er, Maltzahn, habe damals in der evangelischen Schülerarbeit zu Gauck aufgeschaut, seine innere Haltung und seinen Einsatz bewundert. Und seine Reden.

Vor allem für seine Reden wurde Gauck schon immer bewundert. 1940 wurde er in Rostock geboren. Sein Vater war Kapitän, geriet in englische Kriegsgefangenschaft, war dann Hafenarbeiter und wurde 1951 unter fadenscheinigen Gründen verhaftet und zu zweimal 25 Jahren Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt. 1955 wurde er begnadigt. Gauck wollte Journalistik oder Germanistik studieren - aber da er weder zu den Jungen Pionieren noch später zur Freien Deutschen Jugend gehörte, bekam er dafür keinen Studienplatz. Im blieb nur das Theologiestudium, aber er war sich nicht sicher, ob das überhaupt das Richtige für ihn sei. Er studierte in Rostock. Er heiratete seine Jugendliebe Hansi. Mit ihr hat er vier Kinder, die inzwischen erwachsen sind und von denen keines in der DDR ein Studium beginnen durfte.

Distanz zum Staat

Seit 1965 war Gauck im Dienst der mecklenburgischen Kirche. Nach dem Vikariat wurde er 1967 ordiniert und Dorfpastor in der Nähe von Güstrow. Dann bekam er in Rostock eine Pfarrstelle: in der eben erst gegründeten Gemeinde von Evershagen, dem ersten großen Neubaugebiet von Rostock. Nebenbei war er Stadtjugendpfarrer. Von 1982 an kümmerte er sich mit um die regionale Kirchentagsarbeit. Kirchentage der mecklenburgischen Kirche oder auch zusammen mit der pommerschen Kirche waren damals Großereignisse. Die Kirche trat in den öffentlichen Raum, und die Staatsgewalt verfolgte es mit misstrauischem Blick. Kirchentagsveranstaltungen waren überlaufen, weil sie Möglichkeiten für ein offenes Gespräch boten. Gauck habe, erinnert sich etwa der heutige Schweriner Oberkirchenrat Andreas Flade, immer so gesprochen, dass er die Grenzen zu dem, was der Staat hinnahm, stets leicht überschritt, es aber nie zum offenen Affront kommen ließ. Das sei jedes Mal sehr spannend gewesen. Hermann Beste, der von 1996 bis 2007 Bischof in Mecklenburg war, kennt Gauck seit Studientagen. Ein Pastor „mit erstaunlicher Durchsetzungskraft und Beharrlichkeit“ sei Gauck gewesen. Dass Helmut Schmidt 1988 zum Kirchentag nach Rostock gekommen sei und von der Kanzel der Marienkirche herunter gesprochen habe, sei Gaucks Verdienst gewesen. Als Pfarrer habe Gauck zu denen gezählt, so Beste, welche die Linie der Landesbischöfe Heinrich Rathke (1971 bis 1984) und Christoph Stier (1984 bis 1996) unterstützten, möglichst große Distanz zum Staat zu wahren.

In allen ostdeutschen Kirchen taten sich damals Gräben auf über die Frage, wie viel Anpassung erlaubt und wie viel Widerstand geboten ist, zumal die Antwort nicht nur für die Pastoren, sondern auch für deren Familien erhebliche Folgen hatte - wie es eben auch die Kinder Gaucks erfahren mussten. Sie teilten das Schicksal vieler Pastorenkinder, aber nicht aller. Die Pastorentochter Angela Merkel etwa durfte studieren. Im Unterschied zu Gauck zählte ihr Vater, der im vergangenen Jahr verstorbene Horst Kasner, zu einer unter Bischof Albrecht Schönherr vorherrschenden Strömung in der berlin-brandenburgischen Kirche, die einen Ausgleich mit dem Staat suchte und von einer inneren Nähe zwischen Christentum und Sozialismus ausging.

Eine Debatte über die Vergangenheit

Gauck hatte 1992 in einem Interview mit der Zeitung „Welt am Sonntag“ gesagt, die Kirche in der DDR habe „mehr Achtung als Kritik verdient für ihre Haltung während der Jahre des real existierenden Sozialismus“. Allerdings habe es auch „einige Wirrköpfe“ gegeben, „die meinen, dass es quasi zu den Amtspflichten eines Pfarrers gehört hätte, dauernd mit der Stasi zu sprechen“. Gaucks Äußerung, die Evangelische Kirche in Deutschland werde „sehr sorgfältig prüfen“, ob sie „die von Teilen der Kirche so hochgeschätzte fürsorgliche oder vorsichtige Behandlung von Vergangenheit sogar noch auf die Forschung ausdehnt“, ist eine wohl kaum verklausulierte Kritik am Versuch der Kirchenleitungen, eine Debatte über die Vergangenheit wenn nicht zu unterbinden, so doch zumindest einzudämmen. In gewisser Weise radikalisierte sich Gauck bei seinem Reden über Menschenrechts- und Umweltfragen bis 1989 immer mehr. Das musste die Staatssicherheit auf den Plan rufen.

Seit Mitte der siebziger Jahre wurde Gauck beobachtet. 1983 wurde der Operativvorgang „Larve“ angelegt. Seine Mitstreiter in der Kirchentagsarbeit wollen indes keine Sonderrolle für Gauck sehen, so bekannt er auch schon damals war. „Wir waren ein Team, wir hatten einen gemeinsamen Außenfeind, das band uns zusammen“, erzählt Jutta Schnauer, eine seiner Begleiterinnen von damals. Das habe Gauck dann auch „auf geradem Weg in die Marienkirche geführt“, als dort die Rostocker Proteste gegen das SED-Regime begannen, zunächst als Mahngottesdienste, schließlich als Demonstrationen, die Gauck dann anführte. Er wurde Sprecher des Neuen Forums. Da war es dann mindestens genauso ein gerader Weg, dass Gauck in die Politik ging, zuerst in die Volkskammer, das erste und letzte frei gewählte DDR-Parlament. Hört man sich um unter jenen, die ihn damals in Rostock begleitet haben, ist das Lob für die Bundespräsidentenentscheidung einhellig. Gelobt wird vor allem der überzeugende Redner. Mit der Büroarbeit und den Akten habe er es nicht so gehabt, heißt es. Er sei eitel, man könne es ihm aber auch mal sagen.

Der Weg aus dem kleinen Rostock sozusagen in die große Welt hat Spuren hinterlassen. Von seiner Frau lebt Gauck schon lange getrennt. Auch sie kennen viele in der Hansestadt. Sie gehört zu denen, die sich nahe der Marienkirche im Café Marientreff um besonders einsame Menschen kümmern. Der Zufall will es, dass Rostock Gauck gerade die Ehrenbürgerwürde angetragen hat. Im Frühjahr des vergangenen Jahres hatten sich gleich mehrere Rostocker an das Bürgerschaftspräsidium mit diesem Ansinnen gewandt, erzählt die Präsidentin Karina Jens (CDU). Das sei sogleich auf offene Ohren gestoßen, Gauck sei ja „hinlänglich bekannt in der Stadt“. Das Präsidium hatte den Vorschlag besprochen, alle Fraktionen waren dafür - außer der Fraktion der Linkspartei freilich. Mehr als ein Jahr zog sich das Verfahren hin. Unter anderem war zu klären, wer eigentlich für Ehrenbürgerschaften zuständig ist. Der parteilose Oberbürgermeister Roland Methling wurde gefragt, ob er das Verfahren betreiben wollte. Er wollte nicht. So blieb es bei der Bürgerschaftspräsidentin. Gauck erhielt einen entsprechenden Brief - und sagte, formvollendet wie immer, zu.

Am 20. März soll in nichtöffentlicher Sitzung der Bürgerschaft das Thema besprochen werden, am 7. April soll die Entscheidung fallen. „Und dann geht es beim Termin um protokollarische Fragen, bei denen dann schon das Bundespräsidialamt mitreden dürfte“, meint Frau Jens. Ende April, Anfang Mai soll es so weit sein. Auch Oberbürgermeister Methling, eben erst im Amt bestätigt, kann sich nun mit einem Bundespräsidenten schmücken. Es gebe eine „mehr als deutliche Mehrheit“ für ihn, freut sich Methling. Aber offenbar sind doch nicht alle für Gauck. Die „Ostsee-Zeitung“ aus Rostock hat am Montag das Ergebnis einer Online-Umfrage veröffentlicht. In dieser sprachen sich zwei Drittel der Befragten gegen Gaucks Kandidatur aus.

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Jahrgang 1958, politischer Korrespondent für Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern mit Sitz in Schwerin.

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Jahrgang 1979, Redakteur in der Politik.

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