http://www.faz.net/-gpf-70jzx

Gauck bei der Bundeswehr : „Eine Stütze der Freiheit“

Gauck am Dienstag bei der Bundeswehr in Hamburg Bild: dapd

Mit Hochachtung ist Bundespräsident Gauck am Dienstag den Bundeswehrsoldaten begegnet. Das „freundliche Desinteresse“ der Gesellschaft kritisierte er. Und er sprach über eigene Erfahrungen: die Bundeswehr sei eine „Stütze der Freiheit“.

          Der General weiß, was er seinem Gast schuldig ist. „Freiheit“, intoniert also Generalmajor Achim Lidsba, „Freiheit beruht auf Erkenntnis; diese setzt Bildung voraus.“ Und: Soldaten zeigten die Bereitschaft, persönlich Verantwortung zu übernehmen, um diese Freiheit zu verteidigen. Die Begriffe, mit denen der Kommandeur der Führungsakademie der Bundeswehr Joachim Gauck begrüßt, Freiheit und Verantwortung, sind es dann auch, um die der Bundespräsident in seiner Ansprache kreist.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Gauck hat sich die Schmiede des Offiziernachwuchses als Ort ausgesucht, um seinen Antrittsbesuch als Bundespräsident bei der Bundeswehr zu machen. Hier eine Rede zu halten hat eine gewisse Tradition. Johannes Rau hat hier als erster Bundespräsident Absolventen eines Generalstabslehrgangs verabschiedet und bei der Gelegenheit seine Vorstellungen über sicherheitspolitische Interessen und Aufgaben Deutschlands zwei Jahre nach den Terroranschlägen von 2001 dargelegt. Horst Köhler rief vor fünf Jahren in einer bemerkenswerten Rede die jungen Offiziere auf, gerne auch in der Öffentlichkeit ihre eigenen Gedanken im Klartext zu vertreten.

          Gauck ging nun auf ein anderes Wort ein, das Köhler geprägt hatte, das „freundliche Desinteresse“ der Gesellschaft an der Bundeswehr. Sie stehe zwar mehr denn je unter Beobachtung der Medien. „Und doch ist sie im öffentlichen Bewusstsein nicht sehr präsent.“ Der Bundespräsident machte als Gründe dafür einerseits äußere Faktoren aus, die räumliche Distanz, die mit immer weiteren Standortschließungen zunimmt. Schon gar die Distanz auch im Vorstellungsvermögen der meisten Zivilisten in Deutschland dafür, wie es im Kosovo oder am Hindukusch zugeht. Andererseits aber kritisierte Gauck „unsere glücksüchtige Gesellschaft“, die es nur schwer ertragen könne, „dass es wieder deutsche Gefallene“ und Kriegsversehrte gebe und daher ein „Nicht-Wissen-Wollen“ vorziehe.

          Zugleich begründete Gauck die Notwendigkeit von Militäreinsätzen mit dem wiederkehrenden Satz: „Freiheit ist ohne Verantwortung nicht zu haben.“ Gerade die Deutschen wüssten, dass Frieden, Freiheit und Achtung der Menschenrechte nicht von allein entstünden, seien es ausländische Soldaten gewesen, die einst „unserem Land die Voraussetzungen dafür schenkten“. Gewalt werde immer ein Übel bleiben. Aber die Welt sei nun einmal „nicht geheilt, sondern tief gespaltenen“, formulierte der Theologe. Und daher könne Gewalt „notwendig und sinnvoll sein, um ihrerseits Gewalt zu überwinden“. Allerdings müssten militärische Einsätze begründet, und es müsse diskutiert werden: „darüber, ob sie die gewünschten Ziele erreichen oder schlimmstenfalls neue Gewalt schaffen, und auch darüber, ob wir im Einzelfall die Mittel haben, die für ein sinnvolles Eingreifen nötig sind.“ Diese Fragen gehörten in die Mitte der Gesellschaft.

          Gauck sprach mit Hochachtung zu den Soldaten, die zur Hingabe bereit seien „in Zeiten, da jeder für sich selbst Verantwortung zu übernehmen hat und zu viele meinen, daran schon schwer genug zu tragen“. Er verwies auf seine Lebenszeit in einem Staat, in dem die „Volksarmee“ nicht dem Volk gedient, sondern es unterdrückt habe. „Es sind keine guten Gefühle, die bei mir hochkommen, wenn ich mich erinnere an die Aufmärsche, an die Militarisierung der Schulen, an die Erziehung zum Hass, ... an die militärische Absicherung einer unmenschlichen Grenze nicht gegen einen Aggressor, sondern gegen das eigene Volk.“ Die Bundeswehr dagegen „ist keine Begrenzung der Freiheit, sondern eine Stütze der Freiheit.“ So sprach Gauck in persönlichen Worten, aber doch vorwiegend über seine eigenen Begriffe und Erfahrungen. Es ist zu erwarten, dass weitere Besuche bei den Soldaten, auch im Auslandseinsatz, folgen.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Trump: Bleiben im Irak-Konflikt neutral

          Regierung gegen Kurden : Trump: Bleiben im Irak-Konflikt neutral

          Die militärische Eskalation im Nordirak weckt Ängste vor einem neuen Bürgerkrieg in der Region. Deutschland bricht seine Ausbildungsmission ab, Amerikas Präsident Trump will seine Soldaten aus den Gefechten raushalten. Beide fürchten, dass der eigentliche Gewinner der IS sein könnte.

          Massenflucht der Rohingya Video-Seite öffnen

          Burma : Massenflucht der Rohingya

          Die Zahl der aus Burma fliehenden muslimischen Rohingya ist nach Angaben der Vereinten Nationen drastisch gestiegen. Sie fliehen vor Gewalt und Hunger. Im Süden von Bangladesch droht sich nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation eine Cholera-Epidemie auszubreiten. In den Flüchtlingslagern werden Platz, Wasser und Nahrung knapp.

          Konsumklima in Europa auf hohem Niveau Video-Seite öffnen

          GfK : Konsumklima in Europa auf hohem Niveau

          In der Europäischen Union ist die Stimmung der Konsumenten so gut wie seit Jahren nicht mehr. Das Barometer stieg am Ende des dritten Quartals um knapp 2 Punkte auf 20,9 Zähler im Vergleich zum Vorquartal, wie die Gesellschaft für Konsumforschung am Mittwoch mitteilte.

          Topmeldungen

          Monokulturen und der Einsatz von Agrarchemikalien stehen im Verdacht als Auslöser des Insektenschwunds.

          75 Prozent weniger Insekten : „Wir befinden uns mitten in einem Albtraum“

          Das Insektensterben lässt sich nicht mehr abstreiten. Der oft kritisierte Krefelder Entomologen-Verein hat jetzt in einer Langzeitstudie gezeigt: Die Populationen sind seit der Wende um drei Viertel geschrumpft. Welchen Anteil hat die Landwirtschaft, welchen das Klima?
          Im Mittelpunkt des Interesses: Der Parteikongress in Peking lähmt sogar den Straßenverkehr.

          Zurück in die Zukunft : China will wieder mehr Staat

          Auf dem Parteikongress ordnet Xi Jinping seine Prioritäten neu. Mehr Planwirtschaft und Kontrolle sollen China zu neuer Größe führen. Welche Folgen könnte das haben?
          Andrea Nahles und Thomas Oppermann, kurz nachdem sie zu seiner Nachfolgerin gewählt wurde. Oppermann schielt jetzt auf das Amt des Bundestags-Vizepräsidenten – nur ist er da nicht der einzige.

          Neuer Bundestag : Das Postengeschiebe hat begonnen

          Die Nominierung des Kandidaten für die Bundestags-Vizepräsidentschaft bereitet der SPD einige Schwierigkeiten. Währenddessen hält die FDP für den Posten ihrer Partei eine Überraschung bereit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.