http://www.faz.net/-gpf-6ynno

Gauck als Bundespräsident vereidigt : „Unsere Demokratie wird leben“

  • Aktualisiert am

Bundespräsident Gauck während der ersten programmatischen Rede seiner Amtszeit Bild: dpa

Joachim Gauck ist als elfter Bundespräsident vereidigt worden. Im Anschluss hielt er seine erste programmatische Rede als Staatsoberhaupt. Darin rief er dazu auf, „in der Krise mehr Europa zu wagen“. Scharf verurteilte er den Rechtsextremismus. „Euer Hass ist unser Ansporn“, sagte er. Deutschland sei für ihn ein „Land des Demokratiewunders“.

          Joachim Gauck ist als elfter Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland vereidigt worden. Bei der gemeinsamen Sitzung von Bundestag und Bundesrat am Freitag in Berlin leistete er den Amtseid mit der religiösen Formel: „So wahr mir Gott helfe“. Im Anschluss hielt der 72 Jahre alte Theologe seine erste programmatische Rede als Staatsoberhaupt.

          Darin rief Gauck die Menschen in Deutschland zu Zuversicht auf. „Ängste vermindern unseren Mut wie unser Selbstvertrauen. Und manchmal so entscheidend, dass wir beides ganz und gar verlieren können“, sagte Gauck. Er nannte Deutschland ein „Land des Demokratiewunders“. Entgegen aller Skepsis habe Deutschland nach dem Schrecken des Zweiten Weltkrieges eine „stabile demokratische Ordnung“ herstellen können. Er lobte in diesem Zusammenhang auch die 68er-Bewegung in Westdeutschland und das Streben nach Freiheit der Bürger in Ostdeutschland.

          „Wir stehen zu diesem Land, nicht, weil es so vollkommen ist, sondern weil wir nie ein besseres gesehen haben“, sagte Gauck. Die Demokratie sei stärker als ihre Feinde. Nicht sie, sondern die Demokratie werde leben. Gauck appellierte an die Bevölkerung und die Politik, nicht auf Distanz zur Demokratie zu gehen. Er bat die Bevölkerung und die Politik um Vertrauen in seine Person und seine Amtsführung. „Ich bitte sie alle, mutig und immer wieder damit zu beginnen, Vertrauen in sich selbst zu setzen.“

          Gauck erinnerte an ein Zitat des indischen Pazifisten Mahatma Gandhi (1869-1948), wonach nur ein Mensch mit Selbstvertrauen Fortschritt machen und Erfolge haben könne. Wörtlich sagte das neue Staatsoberhaupt: „Ob wir den Kindern und Enkeln dieses Landes Geld oder Gut vererben werden, das wissen wir nicht. Aber dass es möglich ist, nicht den Ängsten zu folgen, sondern den Mut zu wählen, davon haben wir nicht nur geträumt. Das haben wir gelebt und gezeigt.“

          „Wir lassen unser Land nicht im Stich“

          Gauck rief zur entschlossenen Abwehr des Rechtsextremismus auf. „Euer Hass ist unser Ansporn. Wir lassen unser Land nicht im Stich“, sagte er unter großem Beifall. Gauck fügte in Richtung der Rechtsextremisten hinzu: „Ihr werdet Vergangenheit sein und unsere Demokratie wird leben.“

          Er versprach außerdem, Wulffs Engagement für eine bessere Integration von Menschen mit Migrationshintergrund fortzusetzen. Alle Menschen, die in Deutschland leben, sollten sich hier auch zu Hause fühlen können. Als Wunschbild nannte Gauck ein Deutschland, das „soziale Gerechtigkeit, Teilhabe und Aufstiegschance“ miteinander verbindet. Niemand dürfe den Eindruck haben, kein Teil der Gesellschaft zu sein, weil er „arm, alt oder behindert“ sei.

          Gauck rief dazu auf, auch in der Euro-Krise nicht am europäischen Gedanken zu zweifeln. „Das Ja zu Europa gilt es zu bewahren“, sagte der Bundespräsident. Gerade in Krisenzeiten sei die Neigung besonders ausgeprägt, sich in den Nationalstaat zu flüchten. „Gerade in der Krise heißt es deshalb: Wir wollen mehr Europa wagen.“ Wörtlich sagte Gauck: „Europa war für meine Generation Verheißung. Für meine Enkel ist Europa längst aktuelle Lebenswirklichkeit mit grenzüberschreitender Freiheit und den Chancen und Sorgen einer offenen Gesellschaft. Nicht nur für meine Enkel ist diese Lebenswirklichkeit ein Gewinn.“

          Bundespräsident Gauck legt den Amtseid auf das Grundgesetz ab, das Bundestagspräsident Lammert in Händen hält Bilderstrecke
          Bundespräsident Gauck legt den Amtseid auf das Grundgesetz ab, das Bundestagspräsident Lammert in Händen hält :

          Bundestagspräsident Norbert Lammert bezeichnete die Wahl Gaucks als Zeichen des unaufhaltsamen Fortschritts beim Zusammenwachsen von Ost und West. Das erste in der DDR aufgewachsene Staatsoberhaupt habe das Leben in Unfreiheit persönlich erlebt, sagte Lammert vor der Vereidigung. Gauck werde getragen von einer Woge der Sympathie. Die Erwartungen an ihn seien hoch.

          Bundesratspräsident Horst Seehofer (CSU) würdigte Gaucks Wahl als wichtigen Meilenstein in der Geschichte Deutschlands. Der ostdeutsche Theologe stehe wie kaum ein Zweiter für den Satz der friedlichen Revolution in der DDR von 1989 „Wir sind ein Volk“, sagte der bayerische Ministerpräsident, der zwischenzeitlich kommissarisches Staatsoberhaupt war. Lammert und Seehofer dankten dem zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff, er habe wichtige Impulse für Zusammenhalt und Integration gesetzt. Wulffs Frau Bettina habe „dem modernen Deutschland ein Gesicht gegeben“, sagte Seehofer. Nach der Zeremonie im Reichstagsgebäude wollte die Bundeswehr Gauck vor dem Schloss Bellevue, dem Amtssitz des Bundespräsidenten, mit militärischen Ehren begrüßen.

          Der frühere evangelische Pastor und DDR-Bürgerrechtler war am vergangenen Sonntag von der Bundesversammlung mit großer Mehrheit zum Bundespräsidenten gewählt worden. Er war von Union, SPD, FDP und Grünen für das höchste Staatsamt nominiert worden. Gauck ist Nachfolger von Christian Wulff, der am 17. Februar von seinem Amt zurückgetreten war.

          Quelle: FAZ.NET

          Weitere Themen

          Auf der B1 von West nach Ost Video-Seite öffnen

          Deutschlandreise : Auf der B1 von West nach Ost

          Kurz vor der Bundestagswahl hat sich F.A.S.-Redakteurin Anna Steiner auf eine Reise quer durch Deutschland begeben, um herauszufinden, wie es den Menschen in unserem Land geht.

          Russland rechnet mit Merkel

          Bundestagswahl : Russland rechnet mit Merkel

          In Moskau wird über die Bundestagswahl in viel milderem Ton gesprochen, als über die Präsidentenwahlen in Amerika und Frankreich. Man will Berlin schließlich wieder als Partner gewinnen.

          Topmeldungen

          SPD-Wahlkampffinale in Aachen : Er rettet, was zu retten ist

          Nach Monaten der Euphorie glaubt fast niemand mehr an einen Wahlsieg der SPD. Trotzdem bringt Martin Schulz bei seinem letzten großen Wahlkampfauftritt seine Kampagne in Würde zu Ende – „egal, was morgen rauskommt“.

          Merkels Nachfolge : Wer ist kanzlertauglich in der CDU?

          Seit zwölf Jahren regiert Angela Merkel als Bundeskanzlerin, noch länger herrscht sie als Parteivorsitzende über die CDU. Wer könnte in der Partei ihr Erbe antreten? FAZ.NET stellt vier mögliche Nachfolger vor.
          Alois Karl (in blauer Steppjacke) auf Wahlkampftour in Ebermannsdorf

          Die CSU im Wahlkampf : Der schwarze Alois und die AfD

          Die Oberpfalz ist der CSU seit Jahrzehnten treu. Doch die AfD könnte auch hier die politischen Verhältnisse durcheinanderbringen. Wie gehen die Christsozialen mit der Konkurrenz von rechts um? Ein Ortsbesuch.

          40 Jahre nach dem Terrorherbst : Die „Landshut“ ist zurück in Deutschland

          Die Lufthansa-Maschine „Landshut“ ist zurück nach Deutschland gebracht worden. Vor 40 Jahren hatten Terroristen das Flugzeug entführt und den Piloten erschossen. Jetzt soll die „Landshut“ in ein Museum – aber ein Konzept gibt es noch nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.