http://www.faz.net/-gpf-84tt0

Russlands Trauma : Der Wunsch nach alter Größe und Macht

  • -Aktualisiert am

Skeptische Blicke: Bundeskanzler Helmut Kohl und Russlands Präsident Boris Jelzin nehmen am 31. August 1994 in Berlin-Treptow die Abschiedsparade russischer und deutscher Truppen ab. Bild: Barbara Klemm

Für Wladimir Putin war der Untergang der Sowjetunion die „größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts“. Die russische Elite sehnt sich danach, dass ihr Land wieder so mächtig wird wie einst. Darauf sollte der Westen reagieren - auch mit Abschreckung. Ein Gastbeitrag.

          Im Mai 1989 fand in Moskau zum ersten Mal eine Art Generalstabsbesprechung zwischen dem Generalinspekteur der Bundeswehr, damals Admiral Dieter Wellershoff, und dem sowjetischen Generalstabschef General Michail Moissejew statt. Der Besprechungsraum des sowjetischen Generalstabs war ein großer Würfel. Auf einer Seite war ein großes  Fenster, die übrigen drei Wände im oberen Teil mit hochwertigen Mosaiken gestaltet. Jedes zeigte den Ausschnitt aus einer Schlacht, versehen mit einer Jahreszahl. Im ersten Bild, „1709“, geht es um  die Schlacht bei Poltawa, in deren Verlauf die (übrigens auch zur Unterstützung der Ukraine geführte) Invasion des schwedischen Königs Karl XII. ihr unrühmliches Ende fand.

          Das nächste Mosaik zeigt „1812“: Die Schlacht an der Beresina. Frankreichs Kaiser Napoleon hatte diese nicht völlig verloren, aber die Verluste waren so gewaltig, dass der Rückzug aus dem russischen Reich danach in eine demütigende Flucht überging. Im dritten Mosaik sieht man schließlich Berlin im Jahre „1945“. Meiner Erinnerung nach hissen sowjetische Soldaten die Rote Fahne auf dem Brandenburger Tor. Die Botschaft, die sich der sowjetische Generalstab damit als immerwährende Mahnung erteilte, ist eindeutig: Russland hat alle Invasoren geschlagen, und es darf niemals mehr ein äußerer Feind in das Land eindringen.

          Fröhlicher Abschied: Ein russischer und ein deutscher Offizier stoßen vor dem Berliner Dom an. Bilderstrecke
          Fröhlicher Abschied: Ein russischer und ein deutscher Offizier stoßen vor dem Berliner Dom an. :

          Im vorletzten Jahr der Regierungszeit von Präsident Gorbatschow waren Teile der Generalität mit dessen Politik der Aussöhnung nicht einverstanden. Generalstabschef Moissejew war mit Abstand der Jüngste in der russischen Delegation. Er zeigte bei seinem Gespräch mit Admiral Wellershoff die diplomatische und politische Bereitschaft wie auch die Fähigkeit zur Gestaltung eines solch historischen Zusammentreffens. Dies wurde von den anderen, wesentlich älteren russischen Generalen nicht geteilt.

          Die beiden Delegationen saßen sich am einzigen Möbelstück des Raumes, einem etwa zwölf Meter langen und gut einem Meter breiten Tisch gegenüber. Als rangniedrigster Teilnehmer (Pressesprecher des Generalinspekteurs) saß ich an einem der Tischenden. Die Gespräche führten überwiegend die beiden in der Mitte sitzenden Delegationsleiter. Beide waren die ersten nicht kriegsgedienten Offiziere ihres Landes in dieser Funktion.

          Hass auf Michail Gorbatschow

          Mir gegenüber befanden sich zwei ranghohe hochdekorierte ältere Generale. Sie vermieden Augenkontakt und wollten weder mit mir, noch mit anderen deutschen Teilnehmern reden. Deutlich zeigten sie ihre Missbilligung der Gespräche, indem sie mehrfach auf den Tisch schlugen, sich laut räusperten, mit dem Stuhl Geräusche verursachten und kurze Bemerkungen über den Tisch riefen. Ihre Ablehnung war unübersehbar, die Störung der Übersetzungen nahe am Affront. Die Begegnung endete nach einer Pressekonferenz und einem exquisiten Abendessen versöhnlich, nicht zuletzt dank der diplomatischen Begabung des Admirals und anderer deutscher Offiziere.

          Ablehnung und Skepsis gegenüber der Westöffnung Russlands konnte man bei Offizieren, Diplomaten und Mitarbeitern der Geheimdienste seit den neunziger Jahren Jahren häufig begegnen. Einen tiefen Einblick in deren Einstellung lieferten meine Einsätze als Teamleiter von Rüstungskontrollaktivitäten nach dem KSE-Vertrag (Vertrag über Konventionelle Streitkräfte in Europa) sowie Maßnahmen der Vertrauensbildung nach dem Reglement der KSZE (Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa; heute Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa). Nach Ende der Inspektionen gab es bei gemeinsamen Abendessen mit genügend Getränken lange und intensive Gesprächen über die Weltlage.

          Weitere Themen

          Die SPD will immer noch nicht Video-Seite öffnen

          Martin Schulz : Die SPD will immer noch nicht

          Die SPD steht für eine große Koalition nicht zur Verfügung. Die Wähler sollten die Lage nach dem Scheitern der Jamaika-Sondierungen neu bewerten können, so Schulz.

          In den Ruinen von Küstrin

          Überreste einer Kleinstadt : In den Ruinen von Küstrin

          An der Oder kann man die Überreste einer deutschen Kleinstadt besichtigen. Der Krieg hat sie zermalmt. Aber viele Keller sind erhalten und erzählen Geschichten der früheren Hausbewohner. Wenn man nur ein bisschen gräbt.

          Topmeldungen

          Sie scheint gestärkt, nicht geschwächt: Bundeskanzlerin Angela Merkel nach dem Abbruch der Sondierungsgespräche.

          Jamaika-Ende bei ARD und ZDF : „Ich fürchte nichts“

          Die Auftritte der Bundeskanzlerin im Fernsehen nach dem Scheitern der Sondierungsgespräche setzen ein Zeichen. Dafür sorgen nicht die Journalisten, das macht Angela Merkel schon selbst. Sie will es nochmal wissen und regieren. Am liebsten, hören wir heraus, mit Schwarz-Grün.
          Atomanlage in Majak

          Majak : Russland bestätigt hohe Radioaktivität

          Im südlichen Ural wurde eine Konzentration des radioaktiven Ruthenium 106 gemessen, die den erlaubten Wert fast tausendfach übersteigt. Zuvor hatte Russland Warnungen aus Europa widersprochen.
          Ein herber Rückschlag für die hessische Stadt: Nicht Frankfurt, sondern Paris bekommt den Zuschuss für den Sitz der Europäischen Bankenaufsicht.

          Ema und Eba : Frankfurt und Bonn scheitern im Rennen um Brexit-Beute

          Statt Bonn und Frankfurt geht die Europäische Bankenaufsicht und die Europäische Arzneimittelagentur nach Paris und Amsterdam. Vor allem für Frankfurt ist das ein herber Rückschlag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.