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Veröffentlicht: 16.03.2013, 15:47 Uhr

Gastbeitrag Leider kein Anfänger mehr

Bundespräsident Gauck hat viele Hoffnungen enttäuscht. Schon ein Jahr nach seiner Wahl ist er zum Berufspolitiker geworden. Der unbequeme Mahner ist dabei auf der Strecke geblieben.

von Peter Gauweiler
© dapd Vom unbequemen Mahner zum geschmeidigen Politprofi? Peter Gauweiler (CSU) stellt Bundespräsident Joachim Gauck (Foto) nach einem Jahr im Amt kein gutes Zeugnis aus

Vor kurzem fragte der „Spiegel“ unseren Bundespräsidenten: „Empfinden Sie sich selbst als Angehöriger der politischen Klasse?“ Antwort: „Ja, klar.“ Ist das eine gute Nachricht? Nach seinen ersten 100 Tagen als unser neues Staatsoberhaupt hatte Gauck noch gesagt, er fühle sich „als Vertreter der Bevölkerung bei der Politik“. Das war das Gegenteil von dem, was er jetzt sagt.

Die Nummer eins der Bundesrepublik war am besten als Anfänger. Zu Beginn seiner Amtszeit im Schloss Bellevue, im März 2012, bot der Mann aus Ostdeutschland ein Bild innerer und äußerer Freiheit. Man konnte ihn tanzen sehen - um die Grenzpfähle der Gedankenpolizei und die demokratischen Herdentiere aller politischen Lager herum. Denen fielen fast die Augen heraus. Selbst wenn er sich nur nachträglich und mit kurzen Bewertungen zu Wort meldete. Bei der „Islam gehört zu „Deutschland“-Debatte zum Beispiel. Oder beim „Existenzrecht-Israels-ist-deutsche-Staatsräson-Sermon“.

„Unorigineller geht es nicht“

Völlig unbefangen, mit spielerischer Leichtigkeit, über jedes Glatteis. Gauck damals im traditionellen Sommergespräch des ZDF: Für ihn genüge es nicht, „benutzte Formeln zu reproduzieren und zu wiederholen“. Da war einer, der die Berliner Sprachwende vom hellen Blitz zum nassen Streichholz nicht mitmachen wollte. Das Kanzleramt war wirklich beunruhigt. Seit einiger Zeit aber mehren sich die Anzeichen, dass sich die Gewappelten von der Spree in Sachen Gauck wieder zurücklehnen können.

„Das Irritierende an der Rede Gaucks war ihre Vorhersehbarkeit“, urteilte die „Neue Zürcher Zeitung“ über seine „erste große Rede seit dem Amtsantritt“. Es ging über Europa, auf einer vom Bundespräsidialamt organisierten Veranstaltung namens „Bellevue-Forum“, erfunden zu dem Zweck, anlasslose Reden zu halten. Die „NZZ“ weiter: „Der Ruf nach mehr Bekennermut, Gestaltungswille und Bannerträgern ist seit Jahren das ceterum censeo der Europa-Freunde. Unorigineller geht es nicht, in Deutschland hört man kaum anderes.“ Das traf wie eine kalte Dusche. Aber wer die Rede gehört oder gelesen hat, kann nur sagen: Wie wahr und wie schade! Oder um es in der Sprache Gaucks von vor einem Jahr zu sagen: „benutzte Formeln“, reihenweise. Wer, wie der Verfasser, Gauck gleich mehrfach gewählt hat, 2012 und 2010, durfte sich an die dänische Schriftstellerin Tanja Blixen erinnern: „Wen die Götter strafen wollen, dessen Wünsche erfüllen sie!“

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Vor zwölf Monaten bestand Bundespräsident Gauck in Sachen Europa noch darauf, dass EU und Euro der Bevölkerung unbedingt „besser erklärt“ werden müssen. In aller Offenheit kritisierte er, dass die Energie und die Entschlossenheit fehle, „der Bevölkerung sehr offen zu sagen, was geschieht eigentlich im Moment“. Beim Bellevue-Forum dagegen wurden nur Sprechtafeln in die Höhe gehalten: „mehr Europa“, „mehr Vereinheitlichung“, „Bannerträger, nicht Bedenkenträger“, „Deutschland hat vom Euro kräftig profitiert“. Herr Bundespräsident, glauben Sie das wirklich? Der Gauck von vor einem Jahr hätte nicht mehr Bekenntnisse vom Volk gefordert, sondern mehr Erkenntnisse für das Volk verlangt. Hat er die Seiten gewechselt?

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