Home
http://www.faz.net/-gpf-77pqo
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Gastbeitrag Leider kein Anfänger mehr

Bundespräsident Gauck hat viele Hoffnungen enttäuscht. Schon ein Jahr nach seiner Wahl ist er zum Berufspolitiker geworden. Der unbequeme Mahner ist dabei auf der Strecke geblieben.

© dapd Vom unbequemen Mahner zum geschmeidigen Politprofi? Peter Gauweiler (CSU) stellt Bundespräsident Joachim Gauck (Foto) nach einem Jahr im Amt kein gutes Zeugnis aus

Vor kurzem fragte der „Spiegel“ unseren Bundespräsidenten: „Empfinden Sie sich selbst als Angehöriger der politischen Klasse?“ Antwort: „Ja, klar.“ Ist das eine gute Nachricht? Nach seinen ersten 100 Tagen als unser neues Staatsoberhaupt hatte Gauck noch gesagt, er fühle sich „als Vertreter der Bevölkerung bei der Politik“. Das war das Gegenteil von dem, was er jetzt sagt.

Die Nummer eins der Bundesrepublik war am besten als Anfänger. Zu Beginn seiner Amtszeit im Schloss Bellevue, im März 2012, bot der Mann aus Ostdeutschland ein Bild innerer und äußerer Freiheit. Man konnte ihn tanzen sehen - um die Grenzpfähle der Gedankenpolizei und die demokratischen Herdentiere aller politischen Lager herum. Denen fielen fast die Augen heraus. Selbst wenn er sich nur nachträglich und mit kurzen Bewertungen zu Wort meldete. Bei der „Islam gehört zu „Deutschland“-Debatte zum Beispiel. Oder beim „Existenzrecht-Israels-ist-deutsche-Staatsräson-Sermon“.

„Unorigineller geht es nicht“

Völlig unbefangen, mit spielerischer Leichtigkeit, über jedes Glatteis. Gauck damals im traditionellen Sommergespräch des ZDF: Für ihn genüge es nicht, „benutzte Formeln zu reproduzieren und zu wiederholen“. Da war einer, der die Berliner Sprachwende vom hellen Blitz zum nassen Streichholz nicht mitmachen wollte. Das Kanzleramt war wirklich beunruhigt. Seit einiger Zeit aber mehren sich die Anzeichen, dass sich die Gewappelten von der Spree in Sachen Gauck wieder zurücklehnen können.

„Das Irritierende an der Rede Gaucks war ihre Vorhersehbarkeit“, urteilte die „Neue Zürcher Zeitung“ über seine „erste große Rede seit dem Amtsantritt“. Es ging über Europa, auf einer vom Bundespräsidialamt organisierten Veranstaltung namens „Bellevue-Forum“, erfunden zu dem Zweck, anlasslose Reden zu halten. Die „NZZ“ weiter: „Der Ruf nach mehr Bekennermut, Gestaltungswille und Bannerträgern ist seit Jahren das ceterum censeo der Europa-Freunde. Unorigineller geht es nicht, in Deutschland hört man kaum anderes.“ Das traf wie eine kalte Dusche. Aber wer die Rede gehört oder gelesen hat, kann nur sagen: Wie wahr und wie schade! Oder um es in der Sprache Gaucks von vor einem Jahr zu sagen: „benutzte Formeln“, reihenweise. Wer, wie der Verfasser, Gauck gleich mehrfach gewählt hat, 2012 und 2010, durfte sich an die dänische Schriftstellerin Tanja Blixen erinnern: „Wen die Götter strafen wollen, dessen Wünsche erfüllen sie!“

Mehr zum Thema

Vor zwölf Monaten bestand Bundespräsident Gauck in Sachen Europa noch darauf, dass EU und Euro der Bevölkerung unbedingt „besser erklärt“ werden müssen. In aller Offenheit kritisierte er, dass die Energie und die Entschlossenheit fehle, „der Bevölkerung sehr offen zu sagen, was geschieht eigentlich im Moment“. Beim Bellevue-Forum dagegen wurden nur Sprechtafeln in die Höhe gehalten: „mehr Europa“, „mehr Vereinheitlichung“, „Bannerträger, nicht Bedenkenträger“, „Deutschland hat vom Euro kräftig profitiert“. Herr Bundespräsident, glauben Sie das wirklich? Der Gauck von vor einem Jahr hätte nicht mehr Bekenntnisse vom Volk gefordert, sondern mehr Erkenntnisse für das Volk verlangt. Hat er die Seiten gewechselt?

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
25 Jahre Beitritts-Beschluss Eine Entscheidung in selbst erkämpfter Freiheit

Vor 25 Jahren beschloss das erste frei gewählte DDR-Parlament den Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland. Bei der Feierstunde im Rohbau des Berliner Schlosses, wo einst der Palast der Republik stand, würdigt die Ost-Beauftragte das historische Datum. Mehr

23.08.2015, 17:40 Uhr | Politik
Die Queen in Deutschland Bilder vom Auftakt des Staatsbesuchs

Mit einem Empfang bei Bundespräsident Gauck im Berliner Schloss Bellevue hat der offizielle Teil des Staatsbesuchs von Elizabeth II. am Mittwoch in Berlin begonnen. Mehr

24.06.2015, 13:19 Uhr | Gesellschaft
Gaucks Faustische Kontraste Präsident von Dunkeldeutschland

Joachim Gauck spricht von einem manichäisch bipolaren Deutschlandbild, das eine helle und eine dunkle Seite habe. Trotz Angriffen auf Asylbewerberunterkünfte leuchtet Deutschland – wie macht es das bloß? Mehr Von Edo Reents

28.08.2015, 14:13 Uhr | Feuilleton
Flüchtlingspolitik Gauck nennt Angriffe auf Flüchtlingsheime "widerwärtig"

Der Wind, der mancherorts in Deutschland weht, bereitet Bundespräsident Joachim Gauck Sorge. Auf dem Symposium Wer ist Wir? ging es im Berliner Schloss Bellevue um Identität, Zugehörigkeit und Zusammenhalt in Deutschland. Und den sieht Gauck zunehmend gefährdet. Mehr

09.07.2015, 15:04 Uhr | Politik
Ab sofort im E-Paper lesen Wie die Bundesregierung Flüchtlinge schon in Afrika stoppen will

Im E-Paper der F.A.Z. von morgen finden Sie Hintergründe, Meinungen und besondere Geschichten. Mehr

26.08.2015, 19:55 Uhr | Aktuell

Veröffentlicht: 16.03.2013, 15:47 Uhr

Dieser Strom wird nicht verebben

Von Rainer Hermann

Wer je geglaubt haben sollte, der Nahe Osten sei weit weg und gehe uns nichts an, ist eines Besseren belehrt. Und es werden weiter Flüchtlinge aus der Region zu uns kommen. Die Konflikte sind nicht rasch zu lösen. Mehr 39