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Ganztages-Betreuung : Die Kindheit wird verschult

Künftig öfter nachmittags: Unterricht. Bild: dpa

Die Parteien sind sich einig, dass Schüler öfter Ganztagsunterricht bekommen sollen. Immer mehr Kinder müssen immer länger in der Schule bleiben.

          Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, warnt vor einer Verstaatlichung der Erziehung. „Der Ausbau von Ganztagsschulen darf nicht dazu führen, dass Eltern bei jeglichen Erziehungs- und Betreuungsaufgaben denken: Dafür haben wir ja den Staat“, sagte Kraus der F.A.S. Wer seine Kinder abends „ohne Konflikte, ohne Hausaufgaben nur noch zum Kuscheln“ abholen wolle, mache es sich zu bequem. Es sei auch nicht erwiesen, dass Ganztagsschulen Halbtagsschulen überlegen seien. „Dafür gibt es keinen einzigen Pisa-Beweis“, sagte Kraus. Kinderärzte warnen zudem vor zu viel Programm für Kinder: Unstrukturiertes „Nichtstun“ sei wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Deutsche Kinderschutzbund fordert dagegen den Ausbau von Ganztagsschulen. „Gute Ganztagsschulen fördern die Entwicklung der Kinder“, sagte Geschäftsführerin Paula Honkanen-Schoberth der F.A.S. „Die Lernfächer sollten dabei über den Tag verteilt sein, dazwischen sollte es Schwerpunkte wie Kunst, Kochen, Bewegung oder das Erlernen von sozialen Fähigkeiten geben.“ Außerdem müsse es genug Ruheräume geben. So hätten Schulen „die Chance, zum Lebensort zu werden“.

          Union und SPD: Deutschland braucht mehr Ganztagesschulen

          Auch Union und SPD sind sich vor den Koalitionsverhandlungen einig, dass Deutschland mehr Ganztagsschulen brauche. Unterschiede gibt es bei der Frage, ob diese Schulform tatsächlich besser für Kinder sei als die Halbtagsschule. „Ganztagsschulen sind nicht an sich gut oder schlecht“, sagte Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) der F.A.S. „Entscheidend ist, dass die zusätzliche Zeit pädagogisch sinnvoll genutzt und gestaltet wird.“ Klar sei aber, dass der Bedarf an Ganztagsbetreuung nicht mit der Einschulung ende, sagte Wanka. „Deshalb werden die Angebote weiter ausgebaut werden müssen.“

          Auch die familienpolitische Sprecherin der Unionsfraktion, Dorothee Bär (CSU), kündigte an, die Union werde sich in dieser Legislaturperiode für den Ausbau der Ganztagsschulen engagieren. Dabei müssten auch „außerschulische Kräfte“ wie Vereine, Musikschulen oder ehrenamtliche Strukturen einbezogen werden, sagte Bär der F.A.S. Ziel sei, dass Eltern Beruf und Familie in Einklang bringen könnten. Eine Verpflichtung zum Besuch einer Ganztagsschule lehnt die Union ab. „Das Angebot soll freiwillig sein“, sagte Bär.

          Die SPD argumentiert ebenfalls mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Darüber hinaus hält sie Ganztagsschulen für die überlegenen Bildungsstätten. „Wir brauchen den Ausbau qualitativ hochwertiger Ganztagsschulen, um Kinder besser zu fördern und mehr Chancengleichheit im Bildungssystem herzustellen“, sagte Caren Marks, die Sprecherin der AG „Familie, Senioren, Frauen und Jugend“ der SPD-Bundestagsfraktion.

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