Gerne schwärmt die hessische Kultusministerin Nicola Beer (FDP) von den Vorteilen des „Turbo-Abiturs“, nicht nur für ihre beiden Söhne, die in Frankfurt ein Gymnasium besuchen. Die Ministerin und Mutter von Zwillingen hält die Verkürzung der Gymnasialzeit von neun auf acht Unterrichtsjahre weiterhin für eine gelungene Schulreform, die Schülern einen früheren Start in Studium und Berufsleben ermögliche oder ein für die Charakterbildung wertvolles Jahr im Ausland. Trotzdem muss die Ministerin - nicht zuletzt auf massiven Druck ihres größeren Koalitionspartners CDU - die von Eltern und Schülern ungeliebte Reform bis Ende des Jahres „weiterentwickeln“ und eine „Wahlfreiheit“ für die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium einführen.
Zur neuen Freiheit gehört auch ein Versuch an wahrscheinlich rund 30 hessischen Gymnasien und kooperativen Gesamtschulen, die G8 und G9 parallel anbieten. Dort teilen die Eltern in der fünften Klasse der Schule mit, ob ihr Kind das Abitur nach acht oder neun Jahren ablegen soll. In der fünften und sechsten Klasse werden die Schüler zunächst noch nach dem Lehrplan für G8 unterrichtet. Erst am Ende der sechsten Klasse entscheidet die Schulleitung in Absprache mit den Eltern endgültig, in welchen Schulzweig das Kind wechseln soll.
Schon kurz nach der Übernahme ihres Amtes von ihrer Vorgängerin und Parteifreundin Dorothea Henzler sah sich Ministerin Beer gezwungen, als erste Amtshandlung eine Reform der G8-Reform in Angriff zu nehmen. Was die wegen dramatisch gesunkener Umfragewerte aus dem Amt gedrängte Ministerin Henzler drei Jahre lang versäumt hatte, sollte ihre Nachfolgerin auf Wunsch der Parteispitze um den stellvertretenden Ministerpräsidenten Jörg-Uwe Hahn richten. Nämlich den großen Unmut vieler Eltern über die 2004 vom damaligen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) eingeführte Verkürzung der gymnasialen Schulzeit endlich abzumildern. Gleich nach ihrer Berufung kündigte Ministerin Beer im Juni an, sie werde an G8 festhalten, aber viele Gespräche mit Eltern, Lehrern und Schülern zur Verbesserung der Reform führen.
Bouffiers bildungspolitische Wende
Doch bevor sie erste Vorschläge machen konnte, wurde sie von Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) vorgeführt. Ohne seine Ministerin zu informieren, verkündete Bouffier Mitte Juni auf dem Landesparteitag der hessischen CDU in Darmstadt nichts weniger als eine Rolle rückwärts bei der G8-Reform, die sein Vorgänger Koch noch als Meilenstein seiner Bildungspolitik gepriesen hatte. Alle hessischen Gymnasien sollen nach dem Willen Bouffiers noch vor der Landtagswahl, die voraussichtlich im Spätherbst 2013 stattfindet, zwischen G8 und einer Rückkehr zu G9 wählen können.
Mit seiner bildungspolitischen Wende wollte der CDU-Spitzenkandidat nicht nur den Elternprotest kanalisieren, sondern auch der SPD ein Wahlkampfthema aus der Hand schlagen, das im Januar 2008 entscheidend zu den Stimmenverlusten von fast 13 Prozentpunkten für die CDU beitrug. Koch und seine Kultusministerin Karin Wolff sahen sich in ihrem Wahlkampf mit Klagen vieler erboster Eltern konfrontiert, deren Kinder nach dem Ende der Unterrichts am Nachmittag angeblich kaum noch Zeit für Familie, Freunde, Freizeit und Sport hätten.
Wenige Wochen vor der Landtagswahl 2008 gestand Koch die Schwierigkeiten bei der Einführung von G8 ein und versprach, die Probleme zu beheben. Schüler müssten seit der Reform gerade in den unteren Klassen „sehr, sehr viel Stoff in kurzer Zeit durchnehmen“, sagte Koch. Es müsse deshalb eine „zweite Runde des Entrümpelns der Lehrpläne geben“. Und in die „Verantwortung der Schule“ gehöre es, den „Nachmittagsunterricht ebenso zu begrenzen“ wie die „Menge der Hausarbeiten“. G8 dürfe „nicht mehr Stress bedeuten als G9“.
G8 habe sich bewährt
Das offenbar immer noch nicht eingelöste Versprechen des heutigen Baukonzernlenkers Koch will Nicola Beer unter anderem mit Hilfe von „Unterrichtsberatern“ verwirklichen. Die in den Schulämtern angesiedelten Fachleute sollen Schulleiter bei ihrer Aufgabe unterstützen, den Schulalltag bei G8 zum Wohl der Kinder „richtig zu takten“. G8 müsse nicht nur Möglichkeiten zum Lernen, sondern auch Zeit zum „Üben und Entspannen bieten“. Vielen Schulen, so sagt die Ministerin, sei dies schon gelungen. Dort sei der Stundenplan schon so angepasst, dass sich Unterricht, Hausaufgaben, Lern- und Übungsphasen sowie die Zeit für Bewegung und Entspannung „sinnvoll“ abwechselten. Ziel all dieser Bemühungen sei es, dass die Schüler an den meist zwei langen Unterrichtstagen zwischen 16 und 16.30 Uhr mit fertigen Hausaufgaben heimgehen können. Dann bleibe Zeit für Vereine und Sport, „für Freunde und zum Musizieren“.
Wer sein Kind dennoch lieber ein Jahr länger lernen lassen will, kann von Schuljahresbeginn 2013/14 an hoffen. Mitte Dezember will die schwarz-gelbe Koalition im Hessischen Landtag das Schulgesetz entsprechend ändern, um die Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 an Gymnasien einzuführen - eine Forderung, die ursprünglich vor Jahren von den Grünen erhoben wurde. Damit ein Gymnasium künftig auf den alten Weg zum Abitur zurückkehren kann, müssen aber etliche gesetzliche Hürden genommen werden. Die Schulkonferenz muss auf Grundlage einer auch pädagogisch und organisatorisch begründeten Konzeption mit Zweidrittelmehrheit zustimmen. Einverstanden sein müssen auch Schulträger, Schulelternbeirat und Schülervertretung. Genehmigt werden muss die Entscheidung durch das Staatliche Schulamt und in letzter Instanz vom Kultusministerium.
Ministerin Beer glaubt nicht, dass viele Gymnasien von der Option auf G9 Gebrauch machen werden. Aus Sicht der meisten Lehrer, Eltern und Schüler, die 2013 erstmals das Abitur nach acht Jahren Gymnasium ablegen, habe sich G8 „bewährt“. Letztlich komme es für die meisten Schüler auf die Frage an: „Wie schätze ich subjektiv den Vorteil ein, ein Jahr früher mit der Schule fertig zu sein? Will ich dieses Jahr noch im geschützten Raum Schule verbringen oder nutze ich die Zeit für einen Aufenthalt im Ausland oder ein freiwilliges ökologisches Jahr?“
Dummheit ist Unentlich, oder?
Michael Hochmuth (Mitdenker1)
- 16.10.2012, 19:45 Uhr
@ Hans-Peter Fischer „Staatliche Schulen belohnen immer noch
primär das Repetieren.....“
Jens Muche (Me-110)
- 14.10.2012, 13:21 Uhr
War die Zustimmung zu G8 jemals über 20%?
Matthias Katte (Hovac)
- 14.10.2012, 10:15 Uhr
Herumexperimentieren am lebenden Objekt
Stefan Zhentan (comsen)
- 14.10.2012, 09:22 Uhr
Staatliches Schulversagen. G8 oder G9 sekundär. Inhalte
maßgeblich - und die sind miserabel.
Closed via SSO (HHPPFF)
- 14.10.2012, 07:36 Uhr