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Fußballfans in Mainz Die Ultras

 ·  Für die einen sind sie brutale Chaoten, die im Stadion nichts verloren haben. Andere halten sie für eine Friedensmacht in den Fanblocks. Was hat es mit dieser Subkultur auf sich? Eine Saison mit der Szene Mainz.

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© Rheinhessen on Tour Elf Stunden Zugfahrt für ein 0:2: Die Ultraszene Mainz vor dem Ausscheiden ihres Clubs im DFB-Pokal gegen den Viertligisten Holstein Kiel

Die Geschichte, die mit Hausdurchsuchungen in der Kaiserslauterer Ultraszene und mit der Einrichtung einer Ermittlungsgruppe vorläufig endet, beginnt am 3. Dezember 2011, an einem kalten Samstag kurz nach sieben Uhr morgens, als A. den Mainzer Hauptbahnhof betritt und ruft: „Hier kommt die hässliche Seite des Fußballs!“ Der Sonderzug für die Fahrt nach Wolfsburg, vom Verein FSV Mainz 05 organisiert und subventioniert, steht schon auf Gleis eins. Natürlich sind auch die Mainzer Ultras da, zu deren erweitertem Umfeld die Polizei etwa 150 bis 200 Leute rechnet, selbst wenn die USM, die Ultraszene Mainz, die an diesem Tag ihr Zehnjähriges feiert, nur 29 Mitglieder hat: drei Frauen, 26 Männer.

Der Mainzer Vorsänger, ein Lehrer, der bei jedem Spiel mit Mikro- oder Megafon die Kurve animiert, als wäre es sein letztes Mal, ist einer von ihnen. Wolfsburg sei eigentlich ein „scheiß Ziel“, sagt er. Heißt: ein Neutrum, das im Faltblatt „Blockbildung“, das die Ultras vor jedem Heimspiel an ihrem Stand im Stadion auslegen, unter „VfL Wolfsburg Fußball GmbH“ firmiert. Aber gerade bei solchen Auswärtsfahrten zeigt sich nach Ansicht der Ultras, wer bloß „Modefan“ ist und wer dem Verein auch bis in die Kreisklasse folgen würde.

„Jungs, was für eine geile Show!“

Oder nach Rumänien. Im August spielte Mainz dort gegen ein Team namens Gaz Metan Medias, es ging um die Qualifikation für die Teilnahme an der Europa-League. Viele Ultras, „Ultranahe“ und „Ultraorientierte“ hatten Ferienarbeit oder Überstunden gemacht, um die Reise bezahlen zu können. Natürlich ging man vom Weiterkommen aus. A. etwa, der wegen der Hochzeit seines Bruders nicht dabei war, was in der Szene nicht bei allen auf Verständnis stieß, hatte schon Urlaub für die nächste Runde eingereicht. Und dann das: Aus im Elfmeterschießen. „Da hast du Leute“, sagt der Vorsänger auf der Fahrt nach Wolfsburg, „die für den Verein alles, was sie haben, in die Waagschale werfen - und dann wird so eine Leistung abgeliefert. Natürlich stellst du da die Mannschaft zur Rede.“ Für manchen hieß das: Spieler am Zaun beschimpfen, Spieler am Zaun bespucken. Die Vereinsführung war darüber alles andere als amüsiert. „Wenn die Mannschaft den Fans wirklich so wichtig ist“, sagt Vereinssprecher Tobias Sparwasser, „wie kann man dann so schnell vergessen, was die gleichen Spieler zuvor in einer kaum für möglich gehaltenen Rekordsaison geleistet haben?“

Tatsächlich war das Erreichen der Europa-Quali für viele Ultras ein großes Ding. B., wie A. ein Veteran der Szene, der schon ein mehrjähriges Stadionverbot hinter sich hat, erzählt auf der Wolfsburg-Fahrt, wie sie damals, nach dem entscheidenden Spiel auf Schalke, den Mannschaftsbus am alten Bruchwegstadion mit Bengalos begrüßt haben und wie Nationalspieler Lewis Holtby als Erster ausstieg und zu ihm sagte: „Jungs, was für eine geile Show!“ Die Fotos von damals hat auch der Verein auf Facebook gepostet.

Ankunft in Wolfsburg. Viele haben schon Schlagseite. Nicht so die Leute von der USM. Sie wissen, dass sie fit sein müssen - für den „Support“, vor allem aber, um die Banner und Zaunfahnen, ihr Allerheiligstes, das nicht nur B. verteidigen würde „wie sonst nur meine Tochter“, unbeschadet ins Stadion zu bringen. C., 29 Jahre alt, vormals einer der führenden USM-Köpfe und „als graue Eminenz“, wie er es nennt, immer noch hochgeachtet, sagt, Ultrasein sei wie ein Beruf, nur unbezahlt. Ganz unrecht hat er nicht, wenn man die vielen Wochenstunden zum Maßstab nimmt, die manche aufwenden, um Choreographien für die Kurve zu planen, Fantreffen zu organisieren, Internetseiten zu pflegen oder auch mal an einer Schule beim Ausbessern eines Sportplatzes mitzuhelfen.

Dieses Engagement ist einer der Gründe dafür, warum der Fanforscher Jonas Gabler lange nach dem Wolfsburg-Spiel in einer Loge der neuen Mainzer Coface-Arena vom „großen Potential“ dieser „Subkultur“ spricht - „gerade für die Befriedung der Stadien“. Gut 200 Leute sind im April zu seinem Vortrag gekommen, auch Eltern, um sich anzuhören, was ihre Kinder in der Freizeit so machen. Zumindest an diesem Abend können sie einigermaßen beruhigt nach Hause gehen: Gabler weist etwa darauf hin, dass das Aufkommen der Ultras in den neunziger Jahren zumindest in Deutschland, wo sich die große Mehrheit als antirassistisch versteht, ganz wichtig gewesen sei für das Zurückdrängen von Rechtsradikalismus und Homophobie in den Stadien. Oder: dass er baff sei, wie diszipliniert Ultras sein könnten. Sie gäben sich ihre eigenen Regeln und hielten sich auch noch daran. Oder: dass in den Ultragruppen Jugendliche unterschiedlichster Schichten zueinanderfänden und ihre soziale Kompetenz schulten. „Unbezahlte Jugendarbeit“, nennt Gabler das.

Feindbild Polizei

Es ist natürlich nur ein Zufall, dass tags zuvor die Spieler des Vereins CFC Genua von ihren eigenen Ultra-Fans dazu genötigt wurden, ihre Trikots auszuhändigen, weil sie es nicht wert seien, die Farben des Vereins zu tragen. Gabler, der sich in der italienischen Ultraszene, in der Rechtsradikalismus ein großes Problem ist, bestens auskennt, sagt zwar, dass es im Vergleich dazu in Deutschland harmlos zugehe. Er mahnt seine Zuhörer aber auch zur Mäßigung, warnt vor „Rudellogik“ und der Neigung, jeden Exzess mit der eigenen „Fankultur“ zu rechtfertigen. Zumindest was den Vorfall in Genua betrifft, sehen das in Mainz nicht alle so. C. sagt: „Fans sollten überall eine solche Macht haben.“

Etwa 450 Mainzer stehen nun im Wolfsburger Bahnhof: „Hier/regiert/der FSV!“ Wie bei jedem Auswärtsspiel sind schon die Polizisten da, um die Fans zum Stadion zu eskortieren. Der Fußweg läuft vergleichsweise normal ab. Manche Mainzer müssen nach der langen Zugfahrt aufs Klo, dürfen aber nicht durch die Polizeikette. In solchen Situationen schwellen gerade den Jüngeren, unter denen das Feindbild Polizei besonders ausgeprägt ist, „schon mal die Eier an“, wie es ein älterer Ultra ausdrückt.

Was das auch heißen kann, zeigt sich einige Wochen später beim Heimspiel gegen Nürnberg, das wegen eines noch ungeklärten Vorfalls in der Vorrunde mit schwerwiegenden Folgen für einen Nürnberger Ultra eine gewisse Brisanz hat: Schon beim gemeinsamen Gang vom Bruchweg zum Stadion muss ein Mainzer, der von fern Nürnberg-Fans ausgemacht haben will, von anderen zurückgehalten werden: „Reg dich ab, ist bloß eine Familie.“

Vor dem Stadion „rappelt es“

Auf dem Rückweg rennen auf einmal etwa zehn der vielleicht achtzig Leute, die gerade noch über Gott und die Welt gesprochen haben, wie vom Hafer gestochen zu einem geparkten Bus: Angeblich sind da Nürnberg-Fans, die Stress machen. Fehlalarm. Wenig später tauchen dann sechs Vermummte am Ende der Straße auf, mutmaßlich wieder Nürnberger. Etwa zehn Polizisten marschieren in Sichtweite hinter den Mainzern. Einer sagt: „Die werden nicht zu sechst auf achtzig Leute draufgehen.“ Tun sie doch. Sie rennen los, die Mainzer ebenfalls, einer von ihnen springt mit den Füßen in einen der Angreifer. Danach ziehen die sechs ihre Kapuzen ab, herzen die Mainzer: Es sind 05-Ultras, Fleisch vom eigenen Fleisch. Ein Scherz also. Kurz darauf löst sich die Gruppe auf. Manche wollen noch in die Kneipe eines befreundeten Wirts gehen, um ihm, wie der Vorsänger sagt, zu helfen, die Beerdigung seines Bruders zu bezahlen. Ein anderer sagt: „Ich geh’ heim, scheißen. Passiert eh nix mehr.“

In Wolfsburg läuft einer der Jüngeren neben einem Polizisten her, sagt zu ihm mehrmals: „Du Lutscher.“ Es bleibt zunächst dabei. Erst vor dem Stadion „rappelt es“, wie es so schön heißt. Schlagstöcke fliegen, Polizeipferde bäumen sich auf. Manche Ultras verhalten sich so, wie es der Polizist Jörg Müller, Einsatzplaner für die szenekundigen Beamten bei der Polizeidirektion Mainz, im Gespräch Wochen später sagen wird: „Am Spieltag erkenne ich sie zum Teil nicht wieder.“ Andere hingegen stehen eher abseits, sei es, weil sie sich beruflich nichts anderes erlauben können oder weil sie, auch das gibt es durchaus, zu Gewalt ein eher distanziertes Verhältnis haben.

Auswärtsfahrt ist Pyrozeit

In jedem Fall ist kaum auszumachen, woran sich der Tumult entzündet hat. Manche Ultras sagen, eine der Ihren sei von einem Polizisten einfach so am Hals gepackt worden. Ein Ultranaher, von Beruf Beamter, schildert es einem Kumpel am Handy so: Auf beiden Seiten sei „rumgeprollt“ worden, man habe dann halt die Szenerie nicht schnell genug verlassen. Jörg Müller wiederum, in Wolfsburg nicht anwesend, lässt sich später von anderen Polizisten berichten, einer, der gar nicht zur USM gehöre, habe sich mit einem Kollegen angelegt, den habe man „rausziehen“ wollen. Müller will gar nicht ausschließen, dass seine Kollegen „in dem Gewusel später vielleicht auch jemanden festgenommen haben, der sich eher passiv verhalten hat“ - sprich also: den Falschen. Er bemängelt aber, dass die Ultras in so einem Fall nicht einfach mal die „Füße stillhalten“ könnten. Für viele kommt das nicht in Frage. A. sagt: „Egal, was einer gemacht hat, ich würde ihn befreien.“ Es kommt zu Verhaftungen. Im Sehr-Schnellverfahren werden vom VfL Wolfsburg Stadionverbote ausgesprochen. Ein früheres USM-Führungsmitglied, das auch nicht unbeteiligt war, wird alsbald wieder laufengelassen. Der Mittzwanziger hat noch nie eine Anzeige oder ein Stadionverbot bekommen. „Du musst dich clever verhalten“, sagt er, „auch gegenüber Polizisten.“

Auswärtsfahrt ist Pyrozeit. Manchmal jedenfalls. Die Ultras wissen sehr wohl, dass sie es sich zu Hause nicht leisten können, Bengalos zu zünden. „Die eigenen Fans würden uns zerfleischen“, sagt einer. Natürlich gibt es auch vor dem Wolfsburger Stadion Einlasskontrollen. Aber selbst Polizist Müller sagt: „Wer es darauf anlegt, bekommt die Bengalos in die Kurve.“ Versteckt werden sie am Körper, in Büstenhaltern, in Krückstöcken. Um die Fackeln dort verschwinden zu lassen, kann es nötig sein, sie abzusägen, zumindest bei Italien-Importen, deren Griff man nicht einklappen kann. Das macht es dann noch gefährlicher, weil man so die Leuchtfeuer, um die 2000 Grad heiß, nur mehr schwer halten kann.

Es ist noch nicht lange her, da waren Schlägereien und Pyro in deutschen Stadion kaum eine Schlagzeile wert, in den achtziger, neunziger Jahren. Wenn damals, als es in den Kurven noch nicht so eng und steil war und vornehmlich Männer ins Stadion gingen, „gezündet“ wurde, schwärmte auch mancher Reporter von der „südländischen Atmosphäre“. Heute hingegen heißt es nur noch: „Chaoten“, zuletzt wieder beim Spiel Düsseldorf gegen Hertha. In diesem Urteil sind sich Politiker, Journalisten, viele normale Fußballfans und auch Theo Zwanziger ziemlich einig. Der frühere DFB-Präsident war es, der den Pyro-Dialog mit den Ultras einseitig aufgekündigt hat - laut Thomas Beckmann, dem Leiter des vom Verein unabhängigen Mainzer Fanprojekts, ein „Supergau“.

Zwanziger beklagte auch eine „neue Gewalt“ im Fußball. Das Problem: Die einschlägige Statistik der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze gibt diese Einschätzung zumindest für die Saison 2010/11 nicht her. Zwar ist eine leichte Zunahme der Verletztenzahl - nicht zuletzt wegen des vermehrten Einsatzes von Pfefferspray durch die Sicherheitskräfte - festzustellen, aber eben auch ein Rückgang der polizeilichen Einsatzstunden und der Strafverfahren. Bei 17,5 Millionen Erst- und Zweitliga-Zuschauern heißt das: 0,005 Prozent wurden verletzt, gegen 0,033 Prozent wurden Strafverfahren eingeleitet.

Als die Mannschaften in Wolfsburg den Rasen betreten, passiert, womit man bei einer Jubiläumsfahrt von Ultras, die etwas auf sich halten, rechnen muss: Mehrere Mainzer ziehen sich Sturmhauben über, damit sie auf Fotos nicht zu identifizieren sind. Dann wird gezündet, mit Fackeln aus deutscher Produktion. Folge: 6000 Euro Strafe für den Verein. 2005, bei der 100-Jahr-Feier von Mainz 05, hat der Mainzer Manager Heidel, der bei den Ultras nach wie vor Ansehen genießt, eine solche Strafe selbst übernommen. Mit Duldung des Vereins hatten die Ultras damals vor dem Spiel gegen Schalke im Innenraum des Bruchwegstadions ihr Feuerwerk gezündet. „Eine derartige Aktion würde heute nicht mehr unterstützt werden“, sagt dazu der Verein. Wahrscheinlich wäre auch eine Aufstiegsfeier wie 2004 nicht mehr möglich. C. hat damals von Verantwortlichen des Vereins ein Einlassbändchen für die offizielle Party im Mainzer Theater bekommen. Danach haben sie in einer Kneipe bis in den Morgen auf den Tischen getanzt: Heidel, der damalige Trainer Klopp, Ultras. Erst drei Tage später ist C. aus dem Traum erwacht - als er an der Endstation einer Buslinie vom Fahrer geweckt wurde.

Das Spiel gegen Wolfsburg endet nach einem 0:2-Rückstand mit 2:2. Unter den Ultras ist das danach kein großes Thema mehr. Auch Beckmann, in Wolfsburg mit im Sonderzug, ist schon aufgefallen, dass kaum mehr über Spiel, Taktik oder Aufstellung gesprochen wird - worüber normale Fans eben so reden. Den Grund dafür sieht er freilich weniger bei den Ultras selbst, sondern darin, dass „sie von außen immer mehr mit Dingen konfrontiert werden, die eigentlich nicht zum Fußball gehören“. Als die Mainzer aus dem Stadion kommen, warten die vorher Festgenommenen schon.

Morgen, neun Uhr, Choreographie vorbereiten

Beckmann ist froh darüber, denn andernfalls hätte die Gefahr bestanden, dass die Ultras in Wolfsburg geblieben wären, um auf die Ihren zu warten. Einer, der Stadionverbot bekommen hat, weint bitterlich. Der Vorsänger umarmt ihn. Wochen später wird das Verbot aufgehoben - wegen Verwechslung. Als der Sonderzug schließlich spätnachts in Mainz einfährt, kommt eine SMS vom „Choreo-Nazi“: morgen, neun Uhr, Choreographie vorbereiten.

In den zehn Jahren USM, die beim folgenden Heimspiel gegen den HSV noch einmal mit einem riesigen Transparent gefeiert werden, hat sich viel getan. Aufstieg in die Bundesliga, Abstieg, Wiederaufstieg, der Umzug ins neue Stadion, mit dem sich die meisten Ultras inzwischen arrangiert haben. Tradition spielt in Mainz eine vergleichsweise geringe Rolle. Verfeindete Szenen begründen das mit dem angeblichen Mangel an Mainzer Tradition. Vor allem in den Jahren unter Trainer Klopp hat Mainz an Popularität gewonnen: Als ein „selbstironischer, sympathischer Familienverein, der trotz großer Emotionalität auch mit Niederlagen gut umgehen kann“, wie Sprecher Sparwasser sagt. „Genau das hat uns ein Gesicht, einen Geist gegeben.“ Der Verein und „die übergroße Mehrheit der Fans“ wollten genau so bleiben. Viele Ultras haben hingegen ein Problem mit dem Netter-Karnevalsverein-Image. Beckmann, der auch Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte ist und sich selbst als „Lobbyist der Fans, auch der Ultras in ihrer Form als Jugendsubkultur“ bezeichnet, hat dafür Verständnis: „Als selbst ein Bayern-Fanclub eine Fanfreundschaft mit den Mainzern haben wollte, war klar, dass dies nicht auf Gegenliebe stoßen würde.“

Das war in der Saison 2004/2005. Seitdem hat sich auch in der USM viel verändert. Hauptgrund für einen personellen Umbruch vor etwa zwei Jahren waren Unstimmigkeiten in der Führung über die weitere Ausrichtung, aber auch Privates hat eine Rolle gespielt. Bei Leuten, die fast familiär - „eine Mutter, ein Verein, eine Ultragruppe“, sagt C. - miteinander verbunden sind, ist das kein Wunder. Die ältere Ultra-Generation beobachtet die jüngere aber nach wie vor: mit Wohlwollen, weil die Szene in Mainz zuletzt sehr aktiv war. Aber auch mit Skepsis, weil mit der Zahl der Leute auch die Zahl derer zunehme, die nicht mehr wüssten, was es heißt, Ultra zu sein. Früher habe man sich diesen Status hart erarbeiten müssen, sagt C. „Heute kriegen die Leute die aufgeschnittenen Brötchen hingelegt. Sie müssen nur noch den Belag draufmachen.“

Für die Fahrt zum Pokalspiel in Kiel, drei Tage vor Heiligabend, gibt es wieder einen Sonderzug, diesmal wurde er im Wesentlichen von den Ultras selbst organisiert. Die Subciety, die Nachwuchsorganisation der USM, hat Brötchen geschmiert, E., eine der drei USM-Frauen, verkauft die Fahrkarten, sammelt von den Unter-Sechzehnjährigen Einverständniserklärungen der Eltern ein und lässt jeden, der mit will, eine Haftungsverpflichtung unterschreiben. „Wenn man selber für Schäden aufkommen muss, für die sonst Mainz 05 geradesteht, bekommt man ein Gefühl dafür, wie sehr man dem Verein schaden kann“, sagt sie. Der Gästeblock im Kieler Stadion ist so weit hinter dem Tor, dass man auf der Gegengerade von den Ultras fast nichts hört. Der Vorsänger gibt trotzdem alles. Von den Spielern kann man das nicht behaupten. Nach dem 0:2 in der 64. Minute fliegen Fahnenhalter aus dem Gästeblock. Als kurz darauf die Lage zu eskalieren droht, verlässt die USM samt Banner das Stadion. „Es sollte kein zweites Rumänien geben“, sagt E. danach. Die Maßnahme wirkt: Wie nach der Mehrzahl der Spiele sind keine weiteren Vorfälle zu verzeichnen. Nur die Kieler Spieler grölen nach ihrer Qualifikation fürs Viertelfinale gegen Dortmund in die Kameras der ARD: „BVB, Hurensöh-öh-ne!“

Die Hinrunde endet mit Platz 14, damit musste man rechnen. Schlimmer für die Ultras war das lustlose Ausscheiden in den Pokalwettbewerben. Am schlimmsten aber war die Niederlage in Kaiserslautern, in der „Stadt der Inzucht“, wie es in einem Schmähgesang heißt, bei den „Hurensöhnen aus der Pfalz“. Wegen der größeren geographischen Nähe könnte man meinen, dass Eintracht Frankfurt der Hauptfeind der Mainzer ist, aber das stimmt nicht, schon wegen der ungleichen Kräfteverhältnisse, die ein Mainzer so beschreibt: „Bei den Frankfurtern ist die Sektion Stadionverbot größer als bei uns die gesamte Szene.“ Auch körperlich ist Frankfurt überlegen. Bei „Drittortauseinandersetzungen“, wie es im Polizeijargon heißt, ist das nicht ganz unwichtig. Viele Ultras haben nichts am Hut mit diesen Kämpfen unter Ausschluss der Öffentlichkeit, die - 20 gegen 20, 30 gegen 30, keine Waffen, kein Angriff auf Leute, die am Boden liegen - auf irgendeinem Acker stattfinden und vor allem in der viel stärker gewaltorientierten Hooliganszene nach wie vor ein Thema sind. Nur gilt eben selbst hier: Was auch nur einer aus der Szene macht, fällt auf alle zurück. In diesem Fall soll es ungefähr so gewesen sein: Nachdem die Mainzer zunächst gezögert hatten, bekamen sie in einer Mainzer Ultrabar „Besuch“ von Frankfurtern. An jenem Tag war Sperrmüll, deshalb sind angeblich auch ein paar Mikrowellen durch die Gegend flogen. Danach kam es zum Kampf, natürlich gewann Frankfurt. Seitdem sind die Verhältnisse geklärt - so sehr, dass Frankfurter und Mainzer zwischenzeitlich schon Seit’ an Seit’ auf dem Acker gestanden haben sollen.

Mit Lauterern, die das Kürzel „USM“ mit „ultraschnelle Muschis“ aufzulösen pflegen, wäre das undenkbar. Die freundlichste Einschätzung von Mainzer Seite kommt noch von C.: Er wisse auch, dass es da intelligente Leute gebe, die „nicht mit Kartoffeln werfen“. „Viele bestätigen aber doch das Klischee.“ A. sagt, die Spiele gegen Lautern seien so, „wie wenn einer jedes halbe Jahr deine Freundin angräbt“. Und selbst E., die Frau also, nennt die Lauterer „ein Drecksvolk“. Gewöhnliche Fans schreckt solche Unerbittlichkeit ab. „Früher sind bis zu 15.000 Mainzer nach Lautern mitgefahren“, sagt Sparwasser. „Zuletzt waren es nicht einmal mehr 2000.“

„Selbstreinigungsprozess“ in den Kurven

Vor dem Rückspiel in Mainz ist noch mal Zeit zum Luftholen: Fankongress in Berlin Mitte Januar. Die organisatorisch eingebundenen Mainzer sind mit einer großen Abordnung gekommen. Auch in Berlin würde Polizist Müller manche der Ultras kaum wiedererkennen, diesmal aber aus anderem Grund: Selbst Fans verfeindeter Gruppen sitzen da zusammen auf dem Podium, um in einer Ernsthaftigkeit über fanpolitische Themen zu debattieren, die manches Uni-Hauptseminar in den Schatten stellt. Nur die Polizei wollte der Einladung nicht folgen. Der Kongress kulminiert in einer Podiumsdiskussion, in der ein Vertreter der Deutschen Fußballliga einen „Selbstreinigungsprozess“ in den Kurven verlangt. Ein Fananwalt erwidert, es gehe hier um Menschen, nicht um die Entfernung von Schmutz.

Es kommt der 25. Februar, Heimspiel gegen Lautern. Der Vorsänger hat ein gutes Gefühl: An Fastnacht habe er „aus Mannschaftskreisen“ gehört, dass die Spieler heiß seien. So ist es. Nach dem 1:0 in der zweiten Minute durch Zidan schießt der nach langer Verletzung wiedergenesene Szalai in der 17. Minute das 2:0, rennt danach vor den Block der wütenden Lauterer und zeigt auf das Knie, dessen Außen- und Kreuzband ein Jahr zuvor unter Zutun des Lauterer Torwarts gerissen waren. Als er damals vom Platz getragen wurde, verhöhnte ihn das Lauterer Publikum. Weitere Provokationen folgen: Während Lautern zündet, halten die Mainzer ständig neue Plakate mit Verunglimpfungen des Gegners hoch. Das Spiel endet 4:0. Ein paar Wochen später steht die Partie in Augsburg an - auch brisant, weil Mainzer von den Augsburgern mal eine Fahne „abgezogen“ haben. Nicht zuletzt deshalb fahren ungewöhnlich viele 05er ins Bayerische. Mag sein, dass die etwa 50 vermummten Lauterer, die nachts den heimkehrenden Mainzer Bussen vor dem Bruchwegstadion auflauern, damit nicht gerechnet haben. Was bis zum Eintreffen der Polizei folgt, ist jedenfalls ein Inferno, der „Verteidigungsfall“, wie E. es ausdrückt. Mainz, so erzählen es nicht nur Mainzer, soll siegreich daraus hervorgegangen sein.

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Jahrgang 1979, Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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