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Kommentar : Professoren, mischt euch endlich wieder ein!

Viele Professoren haben es sich längst abgewöhnt, für die Wissenschaftsfreiheit einzustehen und sie täglich zu erkämpfen. Bild: dpa

Das hohe Gut der Wissenschaftsfreiheit treten Universitäten viel zu oft mit Füßen. Es bräuchte sie als starke Stimmen gegen Populisten und einfache Wahrheiten, aber sie schweigen. Damit muss Schluss sein.

          Der „Professor“ kam zu seinem Namen, weil man von ihm erwarten konnte, dass er sich nicht nur auf sein Fach versteht, sondern es auch in völliger Unbefangenheit in der Öffentlichkeit vertritt. Inzwischen wird man fragen müssen, was aus der lateinischen „professio“, dem Bekenntnis und der öffentlichen Äußerung, geworden ist. Denn nichts wird dem Berufsstand des verbeamteten und deshalb freien Hochschullehrers derzeit weniger zugetraut als der mutige Gebrauch der freimütigen Rede. Immer seltener macht er – Ausnahmen bestätigen die Regel – von diesem Vorrecht Gebrauch.

          Rücksichtnahmen nach allen Seiten sind üblich geworden: ängstliches Schielen auf Kollegen, Mitarbeiter, Studenten, auf die Hochschulleitung oder jene Instanzen, die an Hochschulen für „Genderterror“ und Sprachzwänge verantwortlich zeichnen. Dabei könnte kaum jemand von seiner Rede- und Denkfreiheit großzügiger Gebrauch machen als Wissenschaftler an Universitäten und deren Leitungen.

          Ihre Arbeit ist geschützt durch das Recht auf Wissenschaftsfreiheit, das nicht nur Lehrende und Leitende, sondern auch Forscher im Mittelbau umschließt. Die Wissenschaftsfreiheit bewahrt sie vor jeder Form von Konformitätszwängen durch Hochschulleitungen. Rektoren und Präsidenten haben die Pflicht, auch unbequemen Wissenschaftlern Freiräume zu sichern und sich als Dienstherren schützend vor sie zu stellen, wenn sie innerhalb und außerhalb der Universität verleumdend und zu Unrecht angegriffen werden.

          Auch die Hochschulleitung muss für Wissenschaftsfreiheit kämpfen

          Doch davon sind viele Universitätspräsidien und -rektorate weit entfernt. Ihre Stärkung in Hochschulgesetzen und das neumodische Gerede von guter „Governance“ und strategischer Führung – beides keine unwesentlichen Kriterien bei der Gesamtbeurteilung einer Universität innerhalb der Exzellenzinitiative – haben Freiräume nicht vergrößert, sondern verengt. Längst haben Präsidenten und Rektoren Zensurscheren in ihren Köpfen, die sie im Vier-Augen-Gespräch zu solch fragwürdigen Äußerungen bringen wie: „Ich kann das ja nicht sagen.“ Warum eigentlich nicht? Weil dann die eigene Wiederwahl gefährdet sein könnte, weil irgendeine Statusgruppe der Universität keinen Gefallen daran findet? Weil dann ein Shitstorm auf irgendeinem obskuren Internetportal über die eigene Institution hereinzubrechen droht? Oder weil das Ministerium die Ohren spitzt?

          Wenn Hochschulleitungen nicht mutig für die Wissenschaftsfreiheit kämpfen, können sie das auch nicht von ihren Professoren erwarten. Besonders übel wird es dann, wenn Rektoren die Macht der Präsidialverfassung dazu missbrauchen, Professoren zu disziplinieren, weil sie sich in der Öffentlichkeit in missliebiger Weise geäußert oder die eigene Institution kritisiert haben. Auch das ist in der jüngsten Vergangenheit selbst an Universitäten vorgekommen, die eine Exzellenzplakette vor sich hertragen.

          Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts dazu ist eindeutig: „Wissenschaft ist ein grundsätzlich von Fremdbestimmung freier Bereich autonomer Verantwortung.“ Wissenschaftliche Entscheidungen seien allein der Wissenschaft selbst überlassen. Der Staat kann den Rahmen dafür garantieren, aber er darf nie zum Hauptakteur der Wissenschaftsfreiheit stilisiert werden. Das hat seinerzeit schon Wilhelm von Humboldt erkannt, dessen autonome Universität nie Wirklichkeit wurde.

          Nirgendwo sollten sich unkonventionelle Einsichten, die sich jenseits der ausgetretenen Pfade der Forschung ergeben, besser entfalten können als in den Universitäten. Das setzt allerdings voraus, dass auch Fakultäten konkurrierende Meinungen aushalten und respektieren. Doch an die Stelle der argumentativen Gegenrede ist nicht selten der Debattenausschluss getreten.

          Wissenschaftler setzen ihre eigene Existenz aufs Spiel

          Bedauerlicherweise haben es sich viele Professoren längst abgewöhnt, für die Wissenschaftsfreiheit einzustehen und sie täglich zu erkämpfen. Die meisten scheuen nicht nur politische Konflikte innerhalb der eigenen Universität, sie meiden auch den wissenschaftlichen Streit. Wenn an Universitäten debattiert wird, dann häufig nicht über die fachlichen Streitfragen. Ganz im Gegenteil, mit Kritik an den eigenen wissenschaftlichen Thesen wird sich häufig nicht auseinandergesetzt. Man bedankt sich beim Kollegen für den Einwand und sagt: „Darüber muss ich nachdenken.“ Oft genug wird nur noch über eines leidenschaftlich gestritten: über das Geld.

          Für das Überleben der freien Wissenschaft ist das fatal, gerade in Zeiten des Populismus und der einfachen Wahrheiten, in denen es nur ein kleiner Schritt von der „Lügenpresse“ zur „Lügenwissenschaft“ ist. Trump und Erdogan sind die Protagonisten für einen solchen Umgang mit politisch unliebsamen wissenschaftlichen Erkenntnissen, wie das Beispiel der Klimaforschung in den Vereinigten Staaten zeigt.

          Wenn Wissenschaftler nicht selbst entschlossener und mutiger für ihre Wissenschaftsfreiheit eintreten, korrumpieren sie durch Selbstzensur jene Wissenschaftsfreiheit, die in Zeiten des Populismus und der Fake News überlebenswichtig ist. Sie setzen damit ihre eigene Existenz und die berechtigten Erwartungen der Gesellschaft an ihre privilegierte Position aufs Spiel. Mit Feigheit hat noch nie jemand einen Nobelpreis gewonnen.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

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          Quelle: F.A.Z.

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