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Fremde Federn Zweites Vatikanum und Reformation

 ·  Die katholische und die evangelische Kirsche haben viel gemeinsam. Sie könnten das Reformationsjahr 2017 als Beginn einer wunderbaren Freundschaft nutzen.

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© dapd Die Besinnung auf Gemeinsamkeiten könnte die Angehörigen der beiden christlichen Konfessionen näher zueinander führen.

Die Initiative „Ökumene jetzt - eine Taufe, ein Glaube, eine Kirche“, die maßgeblich von Bundestagspräsident Lammert formuliert wurde, hat vielen Christen in beiden Kirchen aus dem Herzen gesprochen. Dies nicht zuletzt mit ihrer besonderen Pointe, dass zwei große kirchliche Jubiläen dieser Jahre als Zeugen für die Ökumene aufgerufen wurden: 50 Jahre Zweites Vatikanisches Konzil und 500 Jahre Reformationsbeginn 2017 können nach 100 Jahren ökumenischer Bewegung gemeinsam gewürdigt und als Impuls zur weitergehenden Ökumene gefeiert werden.

Das Zweite Vatikanum ist auch in protestantischer Perspektive ein Meilenstein: Liest man sich ein in den damaligen Geist des Aufbruches, des „aggiornamento“, der Verheutigung, kann man sich der Faszination kaum entziehen und muss diesem wirkmächtigen Aufbruch großen Respekt zollen. Leider gewinnt man aber heute den Eindruck, dass sich diese Kirche gar nicht so recht freut über diesen Meilenstein, sondern im Streit um die rechte Auslegung verharrt.

Das Konzil und die Reformation haben vieles gemein

Vergleicht man das Zweite Vatikanum mit seinem Vorgänger, dem Ersten Vatikanum von 1869/70, dann wird der große Fortschritt deutlich: die Hinwendung zum Gewissen des einzelnen; die Lernbereitschaft von anderen christlichen Kirchen und Religionen und die Stärkung des Konzilverständnisses; akzeptierte Religionsfreiheit; die Vergegenwärtigung des Evangeliums in der jeweiligen Landessprache; das Hören auf das Volk Gottes und anderes mehr. Der große Aufbruch des Zweiten Vatikanums bezeugte eindrucksvoll die Kraft des lebendigen Evangeliums für eine sich immer wieder erneuernde und reformierende Kirche, die eben keineswegs nur in den Kirchen der Reformation wirksam ist.

Wenn man die Neuerungen des Konzils grundsätzlich betrachtet, ergeben sich erhebliche inhaltliche Übereinstimmungen zwischen dem katholischen „aggiornamento“ des 20. Jahrhunderts und den reformatorischen Einsichten des 16. Jahrhunderts: zum Beispiel die herausragende Stellung des Wortes Gottes und der Heiligen Schrift, die einzigartige Bedeutung der Taufe als sakramentales Band zwischen allen Christen unabhängig von der Konfessionszugehörigkeit, die zentrale Bedeutung des Gewissens, die ganz neue Rolle des Volks Gottes und die Bereitschaft zur Ökumene.

Öffnung zur modernen Welt

Kein Wunder, denn spätestens seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden neue intellektuelle Rahmenbedingungen für die Rede von Gott und den Glauben an seine Offenbarung in Jesus Christus so dominant, dass sich aus der Mitte des christlichen Glaubens heraus unvermeidlich gewichtige Übereinstimmungen in der Lehre ergeben mussten. Und nachdem der Versuch ein Jahrhundert zuvor im Ersten Vatikanum gescheitert war, diesen modernen Rahmenbedingungen zu entkommen - gipfelnd im Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes -, wurde Mitte des 20. Jahrhunderts im Zweiten Vatikanum die Öffnung hin zur modernen Welt gesucht. Nun wurde die Bibel als zentrale Quelle einer nicht allein mittels Rationalität erweisbaren Offenbarung angesehen, es wurde das Gewissen als Spiegel einer positiv konnotierten Individualisierung aufgenommen, und es konnte dem (Kirchen-)Volk Gottes als Referenz an die demokratischen Spielregeln eine neue, positive Rolle beigemessen werden.

Das Reformationsjahr könnte Freundschaft stiften

Die beiden großen christlichen Kirchen können gar nicht anders als in diesen fundamentalen Zusammenhängen ähnliche Positionen einzunehmen, denn es verbindet sie viel mehr als sie trennt. Wer heute also im Blick auf das Zweite Vatikanum von einer „Protestantisierung der römisch-katholischen Kirche“ spricht, verzeichnet den Ursprung der Übereinstimmungen und polemisiert bewusst gegen die vielen engagierten Christen in der römisch-katholischen Kirche, die nicht Protestanten werden wollen, sondern ihre römisch-katholische Kirche zu „verheutigen“ versuchen.

Allerdings fällt in der gegenwärtigen Debatte auf, dass die innere Übereinstimmung zwischen Reformation und Zweitem Vatikanum von Seiten der offiziellen römisch-katholischen Kirche nicht thematisiert wird. Das ist schade, denn die Herausarbeitung solcher Übereinstimmungen legt ein gemeinsames Feiern des Reformationsjubiläum 2017 nahe als Beginn einer wunderbaren Freundschaft in oecumenicis. Denn es gibt doch in der Tat in diesen Jahren für Protestanten und Katholiken Gemeinsames zu feiern: die vielen ökumenischen Errungenschaften, die uns nach 500 Jahren Reformation und 50 Jahren Zweitem Vatikanum die Wahrheit und Schönheit des christlichen Glaubens gemeinsam sichtbar machen lassen.

Der Autor ist Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD und Leiter der Abteilung „Kirchliche Handlungsfelder“.

Quelle: F.A.Z.
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