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Fremde Federn: Margot Käßmann : Die dunkle Seite der Reformation

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Margot Käßmann bei einem Gottesdienst in der Leipziger Nikolaikirche Bild: dpa

Martin Luther wurde mit wachsendem Alter ein wahrer Judenfeind. Selbst die Nazis nutzten seine Schriften als Rechtfertigung. Insbesondere den Juden ist es zu verdanken, dass dieses dunkle Kapitel aufgearbeitet wurde. Ein Gastbeitrag von Margot Käßmann.

          „Sie schrieen aber noch mehr und sprachen: Lass ihn kreuzigen!“ In den zahlreichen Aufführungen der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach waren diese Worte dieser Tage vielerorts zu hören. „Sie“, das sind beim Evangelisten Matthäus die Juden. In seinem Evangelium findet sich kurz darauf auch die Passage, in der Pilatus seine Hände in Unschuld wäscht und dann „das ganze Volk“ antwortet: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“ Bei Matthäus ist dieser Satz eine nachträgliche Deutung der Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch die Römer im Jahr 70 nach Christus, wenige Jahre vor der Abfassung des Evangeliums. Diese Passage legt mit anderen aus dem Neuen Testament den biblischen Grundstein für die Schuldgeschichte der Kirchen mit den Juden.

          Leider ist auch der späte Martin Luther ein erschreckendes Beispiel christlicher Judenfeindschaft. Dabei finden sich in seiner 1523 veröffentlichten Schrift „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“ für die damalige Zeit bemerkenswerte Ansichten: Stereotype Vorwürfe gegen die Juden, darunter den des Wucherzinses, weist der Reformator entschieden zurück. Dies seien alles „Lügendinge“. Es sei vielmehr das lieblose Verhalten der Christen gewesen, das die Juden bisher abgehalten habe, sich zu bekehren, wofür Luther durchaus Verständnis hat: „Wir haben sie behandelt, als wären es Hunde.“ Auch er wäre an ihrer Stelle „eher eine Sau denn ein Christ geworden“, schreibt er. Durch diese Schrift Luthers entstand in jüdischen Kreisen die Hoffnung, es könne zu einem Neuanfang im Verhältnis zwischen Juden und Christen kommen.

          Doch zwanzig Jahre später, 1543, erscheint ein im Duktus völlig anderer Text Luthers. Schon der Titel „Von den Juden und ihren Lügen“ verrät, dass es sich um eine Schmähschrift handelt. Luther schlägt darin der Obrigkeit vor, dass sie jüdische Synagogen und Schulen „mit Feuer anstecken“, ihre Häuser „zerbrechen“ und die Juden „wie die Zigeuner in einen Stall tun“ soll. Diese so unfassbaren Äußerungen können auch nicht mit seiner Verbitterung darüber erklärt werden, dass Juden - anders als von ihm erwartet - nicht zur Kirche der Reformation konvertierten. Auch der „Zeitgeist“ kann nicht als Rechtfertigung dienen. Diese Sätze werfen auf Luther und seine Reformation einen Schatten und sollten die Kirche, die sich nach ihm benannte, auf einen entsetzlichen Irrweg führen.

          Intoleranz wird nicht toleriert

          Luther vertrat - wie fast alle anderen Reformatoren auch - einen klaren Antijudaismus. Das erscheint aus heutiger Perspektive unverantwortlich, ist doch ein respektvoller Dialog der Religionen offensichtlich die notwendige Basis für ein friedliches Zusammenleben. Luthers antijudaistische Schmähschrift von 1543 wurde immer auch vom späteren rassistischen, also biologistisch begründeten Antisemitismus missbraucht. Sie diente als Rechtfertigung für Diskriminierung, Ausgrenzung und Mord an europäischen Juden. Luthers Text wurde in der NS-Zeit häufig nachgedruckt, zum Beispiel unter dem Titel: „Martin Luther und die Juden - weg mit ihnen!“

          Bis auf wenige Einzelne versagte die evangelische Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus, weil sie Menschen jüdischen Glaubens nicht schützte und sich dem Holocaust nicht vehement entgegenstellte. Erst nach 1945 begann sie, den verhängnisvollen Weg des Antijudaismus zu verlassen. Viele, auch evangelische Wissenschaftler haben diese Geschichte aufgearbeitet; auch hat die evangelische Kirche nach 1945 die Bedeutung des jüdischen Erbes für den christlichen Glauben völlig neu verstehen gelernt. Der jüdisch-christliche Dialog hat neu entdecken lassen, was der Apostel Paulus über das Verhältnis von Christen und Juden schreibt: „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich“ (Römer, 11.18).

          Das Jahr 2013 steht für die Evangelische Kirche in Deutschland im Rahmen der Lutherdekade auf dem Weg zum Reformationsjubiläum 2017 unter dem Titel „Reformation und Toleranz“. Es kann kein Reformationsjubiläum geben, das bei aller Freude über die Errungenschaften der Reformation ihre Schattenseiten nicht benennt. Die bedrückende Geschichte des christlichen Antijudaismus hat eine Lerngeschichte im Verständnis des Judentums freigesetzt. Dass Jüdinnen und Juden das im Dialog möglich gemacht haben, dafür können die Evangelischen nur dankbar sein.

          Trotz des neuen Bewusstseins und der Überwindung von Antijudaismus in den christlichen Kirchen in Deutschland kommt der Antisemitismus auf erschreckende Weise immer wieder zum Vorschein. Insofern gilt, frei nach Bachs Matthäuspassion: „Die Müh’ ist nicht aus, die unsre Sünde gemacht hat.“ Es geht darum, immer wieder aktiv aufzustehen für eine Toleranz, die den Namen verdient, weil sie zum Dialog fähig ist und auf Dialog drängt, weil sie Intoleranz nicht toleriert, und dabei offen ist für Lernerfahrungen und Horizonterweiterungen.

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