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Petrys „Blaue Partei“ : Dieser Weg ist steinig und schwer

  • -Aktualisiert am

Mühe der Ebene: Frauke Petry vor acht Zuhörern in Brandis bei Leipzig Bild: Yves Bellinghausen/FAZ.NET

Vor der Landtagswahl in Sachsen im kommenden Jahr wirbt Frauke Petrys „Blaue Partei“ um Wähler. Doch bei einer Veranstaltung bei Leipzig kommen nur acht Besucher. Und mancher findet, mit den Wölfen sei es doch wie mit den Flüchtlingen.

          20 Kilometer östlich von Leipzig, in der sächsischen Kleinstadt Brandis, sitzt Frauke Petry im Besprechungsraum eines Provinzhotels und unterzeichnet einen Stapel Autogrammkarten. Die „Blaue Wende“ hat hierher zu einer Veranstaltung geladen, um über die Situation der Wölfe in Sachsen zu diskutieren. Eigentlich hätte der Landtagsabgeordnete Uwe Wurlitzer die Diskussion leiten sollen. Aber der hat kurzfristig abgesagt, und so sitzt nun Frauke Petry in der Mitte von ein paar Tischen in Hufeisenformation und wartet auf Neugierige.

          Die Blaue Wende, das ist Petrys neue Bewegung. 2017, einen Tag nach der Bundestagswahl, ist sie aus der AfD ausgetreten, um eine Bewegung zu gründen und eine eigenen Partei gleich dazu: die Blaue Partei. Eigentlich wollte sie damit ein Angebot für AfD-Anhänger schaffen, denen die AfD zu schrill geworden ist. Damals traten sogar noch vier weitere AfD-Politiker im Sächsischen Landtag aus der AfD-Fraktion aus und schlossen sich Petry an, aber seitdem ist es ruhig um Petry und ihre Blauen geworden.

          Doch in Sachsen wird im kommenden Jahr ein neuer Landtag gewählt und die Umfragen sehen die CDU vor einem Einbruch, von dem wahrscheinlich die AfD am stärksten profitieren dürfte. Auch die Blauen machen sich Hoffnungen – nur hat Petrys Partei in Sachsen bisher lediglich 87 Mitglieder. Um AfD und CDU ernsthaft Konkurrenz zu machen, muss sie erst einmal bekannter werden. Also wartet Frauke Petry in Brandis nicht nur auf Wolfsfreunde, sondern auch auf potentielle Wähler, denen sie ihre neue Partei erklären kann. Doch zumindest an diesem Abend muss sie lange warten: Es kommen nur acht Leute.

          „Mit Wölfen wie mit den Flüchtlingen“

          „So, sollen wir dann mal?“, fragt Petry um Punkt 19 Uhr unbeirrt in die Runde und beginnt über die Wölfe in Sachsen zu referieren. Das seien gar keine echten Wölfe, sagt sie, sondern eine Mischung aus Wolf und Hund und darum auch gar nicht so schützenswert, wie immer behauptet werde. Irgendwo, sagt Petry, habe sie gehört, gebe es sogar ein Symposium, das sich mit der Wiederansiedlung von Bären beschäftige. Unsinn sei das.

          Eine Viertelstunde redet Petry, bis sich einer ihrer acht Zuhörer meldet. „Mit den Wölfen ist es doch wie mit den Flüchtlingen“, sagt er, „erst locken wir sie her und dann werden wir sie nicht mehr los.“ Petry verzerrt das Gesicht und fährt ihm ins Wort: „Na ja, den Vergleich finde ich jetzt etwas daneben.“ Petry will sich lossagen von den rassistischen Tönen der AfD und den kruden Ansichten über die Migration, die besonders im sächsischen Landesverband weit verbreitet sind. Wann immer sich einer der Besucher an diesem Abend zu weit nach rechts wagt, widerspricht Petry.

          Eine Art bundesweite CSU solle die Blaue Partei werden, sagte sie im letzten Jahr noch. Gesellschaftspolitisch konservativ, wirtschaftspolitisch liberal. Petry wollte andere Themen setzen als die ewige Flüchtlingsdebatte. Und tatsächlich: Obwohl die acht Gäste mehrheitlich AfD-Sympathisanten sind, geht es an diesem Abend in Brandis kaum um Flüchtlinge. Vielmehr echauffiert man sich über die sächsische Jugend, die zu faul zum Arbeiten sei und Sozialhilfeempfänger, die gar nicht nach Jobs suchen würden. „Es gibt 15 Millionen Nettosteuerzahler in diesem Land. So geht das nicht weiter“, sagt Petry und erntet wütende Zustimmung unter den acht Zuhörern. Man solle die Sozialhilfen für Leute, die arbeiten können, kürzen, findet Petry und betont  auch in weiteren Aussagen ihr wirtschaftsliberales Profil.

          Petry tigert von einer Seite des Konferenzraums zur anderen und diskutiert, als hätte sie nicht acht Zuhörer, sondern achthundert. Petry hört zu, geht auf Fragen ein, duldet Widerspruch, etwa als einer wissen will, ob sie das konservative Lager mit ihrer Partei nicht noch weiter zersplittere. „Wir müssen heute auch nicht alle einer Meinung sein“, sagt sie, wenn sich die Diskussion im Kreis dreht. Gut zwei Stunden nimmt Petry sich für ihr kleines Publikum, dann muss sie nach Hause. Die Kinder warten.

          Die fraktionslose Frauke Petry Ende März im Bundestag

          Ist das alles hier nicht etwas unter ihrer Kragenweite? Petry zieht die Augenbrauen hoch und verschränkt die Arme, als würde sie die Frage nicht verstehen. „Wieso?“, fragt sie dann, „was ich hier mache, sollte doch unser Job als Politiker sein.“ Vor ein paar Wochen hätten die Blauen eine Umfrage in Auftrag gegeben und dabei etwa neun Prozent potentielle Wähler ermittelt, sagt Petry. Am liebsten würde sie nach der Landtagswahl in Sachsen mit CDU und FDP koalieren.

          Am Ende wollen die Besucher der Referentin noch einmal persönlich die Hand schütteln, schreiben sich ihre Mailadresse auf, dann muss Petry wirklich los. Der Stapel Autogrammkarten bleibt auf dem Tisch liegen. Einer der acht Zuhörer sitzt nach der Veranstaltung noch an der Hotelbar und trinkt ein Pils. Er ist Polizeibeamter in Leipzig, seinen Namen will er lieber nicht nennen. Bei der Landtagswahl werde er zwar die AfD wählen, sagt er, aus Widerstand gegen die Regierung, weil er Patriot sei und weil es immer wieder Ärger mit Ausländern gebe. Trotzdem hat ihn Petrys Auftritt beeindruckt. „Wo kommt man denn sonst so nah an Spitzenpolitiker ran?“

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