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Franz Müntefering : Nun hat er die SPD hinter sich gelassen

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Müntefering will dem Land dienen Bild: picture-alliance/ dpa

Vizekanzler Müntefering will die ihm „noch verbleibende Zeit“ dem Regieren widmen. Aus dem Parteitrompeter mit dem gefürchteten Führungsstil ist ein pragmatischer Verfechter der großen Koalition geworden.

          Berlin. Der Vizekanzler ist zurück aus dem Sommerloch. Er hinkt an Krücken, Bänderanriß, kann nicht lange stehen. Doch sein politischer Wiederauftritt war schallend. „Wir werden als Koalition an dem gemessen, was in Wahlkämpfen gesagt worden ist. Das ist unfair.“ Das sagte Franz Müntefering, ungefragt, auf der „Wir sind zurück“-Pressekonferenz am vergangenen Dienstag. Es war keiner seiner Sprüche - und alles andere als ein Scherz. Er wollte das loswerden, und Bundeskanzlerin Angela Merkel, die neben ihm saß, stimmte zu.

          Müntefering hat Empörung ausgelöst im Volk. Als dreist empfindet es, daß die gegebenen Wahlversprechen zur Werbelüge entwertet sind ausgerechnet von dem, der sie besonders penetrant gab. Müntefering ist das egal. „Ich bleibe dabei: Daß wir oft an Wahlkampfaussagen gemessen werden, ist nicht gerecht“, sagt er und richtet sich auf vom Liegesessel mit ausgefahrener Fußbank in seinem Ministerbüro. „Niemand kann in diesem Bündnis seine ursprünglichen Ziele reinrassig umsetzen. Die Koalition hat einen Vertrag geschlossen, und der gilt nun, und der ist nun die Meßlatte.“

          Vom unbedingten Parteimann zum Regierungsmanager

          Was so banal wie selbstverständlich klingt, markiert die Wandlung eines unbedingten Parteimanns zum Regierungsmanager. „Meine erste Loyalität gilt dem Regierungshandeln“, sagt er heute. Machtstrebend war er immer, auch unideologisch genug, das wendige Regieren seiner SPD zu rechtfertigen. Er war erst gegen, dann für Steuersenkung, wechselte vom Bewahrer zum Reformer und zurück.

          Müntefering dachte, Frau Merkel sei ideologischer

          Doch nun hat Müntefering die SPD hinter sich gelassen. Sie war sein Lebensinhalt seit vier Jahrzehnten. Mit 26 Jahren trat er ein, links und hagentreu machte er Karriere vom Hinterbänkler zum Fraktionschef im Bundestag, vom Unterbezirksvorsitzenden in Westfalen über den Generalsekretär so verschiedener Herren wie Scharping, Lafontaine und Schröder, bis er schließlich selbst SPD-Vorsitzender wurde.

          „Stalinismus mit menschlichem Antlitz“

          Apparatschik nannten ihn nicht nur die politischen Gegner. Er war den eigenen Leuten immer ein Politfunktionär, Sinnbild eines sozialdemokratischen Traditionalisten. Als „Stalinismus mit menschlichem Antlitz“ war sein rigoroser Führungsstil gefürchtet. Abgrenzung zum Gegner leitete ihn, der Kampf gegen Konservative und Neoliberale. Das ist vorbei für Müntefering.

          Die Jahre, die ihm noch bleiben, will er „dem Regierungshandeln“ widmen, der neuen politischen Partnerschaft mit der CDU-Vorsitzenden und Bundeskanzlerin Angela Merkel. „Noch verbleibende Zeit“, so redet er wirklich, doch es klingt nicht resignativ, sondern begeistert: von dem jungen Bündnis, das niemand wollte.

          Ein Glas Bier mit Frau Merkel

          „Ich hatte gedacht, Frau Merkel sei ideologischer“, sagt Müntefering. „Es ist für mich eine gute Erfahrung, sie als faire und pragmatische Koalitionspartnerin zu erleben.“ Sie wolle „das Optimale“ herausholen für Deutschland; er wolle das ebenso. Führungsschwäche, wie sie in der Union der Bundeskanzlerin zunehmend vorgeworfen wird, hat Müntefering ihr noch im August letzten Jahres unterstellt. „Zweitligaformat“ sei die Kanzlerkandidatin. „Sie hat nicht die Führungsstärke, die für dieses Amt unabdingbar ist.“ Nun erlebt es Müntefering anders: „Frau Merkel führt im Kabinett. Aber sie geht auf Nummer Sicher, um ein Ergebnis erzielen zu können.“ Müntefering hatte sie auch zur Schreckgestalt der Sozialdemokratie gemacht. Er hatte die Furcht im Land geschürt vor einer Kanzlerin, die den sozialen Frieden bedroht.

          „Das Sein bestimmt das Bewußtsein, da hatte der alte Marx schon recht“, begründet Müntefering sein vormaliges Verhalten als Wahlkämpfer. „Wenn ich eine Funktion hatte, wollte ich sie immer gut ausfüllen. Jetzt habe ich eine andere Funktion. Das mag manchen irritieren. Ich habe aber auch im Wahlkampf die anderen immer als Personen respektiert. Ich habe sie hart bekämpft. Aber mit Frau Merkel hätte ich auch immer hinterher ein Glas Bier trinken können.“ Doch es ging im Wahlkampf gegen mehr als gegen Personen. Es war am Ende ein ideologischer Streit, eine echte Wahl zwischen Positionen, die unvereinbar schienen: mehr Staat gegen mehr Freiheit.

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