Home
http://www.faz.net/-gpg-w0qh
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Franz Müntefering Leise Sohlen, klare Kanten

14.11.2007 ·  Sein langsamer und stetiger Aufstieg geschah auf leisen Sohlen, abgesichert durch die Partei an Rhein und Ruhr. Helm enger schnallen und weitermarschieren: Der Weg des Franz Müntefering. Von Majid Sattar.

Von Majid Sattar
Artikel Bilder (1) Bildergalerie Lesermeinungen (0)

Als Heranwachsender im Sauerland hat Franz Müntefering Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre im Dorf Fußball gespielt. Irgendwann bekommt er neue Schuhe, ganz flache, ohne Stahlkappe an der Fußspitze. Vor einem Spiel sagt er: Wenn wir nicht gewinnen, höre ich auf. „Wir haben 1:1 gespielt. Es hat mir leidgetan, aber ich habe es trotzdem gemacht. Aus.“ Die Anekdote verbreitet Müntefering am Tag nach seinem Rücktritt vom SPD-Vorsitz im Herbst 2005. Er sei eben ein Mann mit einer Neigung zur „klaren Kante“, sagt er noch im Frühjahr dieses Jahres in einem der wenigen Personality-Interviews.

Franz Müntefering, der Arbeitsminister und Vizekanzler, der nichts mehr werden muss, will mal ganz anders wirken, sein Image als unnahbarer, scheinbar emotionsloser Parteisoldat korrigieren. Also spricht er über sein Großwerden in kleinen Verhältnissen im katholischen Sauerland, über seinen Vater, den er erst nach dessen Kriegsgefangenschaft kennenlernt, über den frühen Tod seines besten und einzigen Jugendfreundes („Ich bin nicht so der Kumpeltyp“) und über sein zeitweises Doppelleben als Arbeiter und Autodidakt: tagsüber als Industriekaufmann „in der Firma“, abends Fortbildung in demokratischem Sozialismus, Konkret-Lektüre, politische Magazine im Westdeutschen Rundfunk.

Machtkämpfe mit dem Modernisierer Clement

Müntefering steht schon zu sehr im Leben, um als Arbeiterkind von den bewegten Studenten untergehakt zu werden. Als Willy Brandt 1965 zum zweiten Mal die Bundestagswahl verliert, sagt er sich: So geht es nicht weiter. Er tritt der SPD bei und beginnt die Ochsentour: Ortsverein, Unterbezirk, Gemeinderat ... 1975 rückt er in den Bundestag nach, nach der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl 1990 wird er Parlamentarischer Fraktionsgeschäftsführer und ist im Parteivorstand vertreten.

Der Weg des Franz Müntefering

Sein langsamer und stetiger Aufstieg geschieht auf leisen Sohlen, abgesichert durch die Partei an Rhein und Ruhr. Zweimal folgt er dem Sozialdemokraten Hermann Heinemann im Amt nach: im Sommer 1992 an der Spitze des SPD-Bezirks Westliches Westfalen, des größten und mächtigsten Parteibezirks Deutschlands, wenige Monate später als Sozialminister im Kabinett von Johannes Rau. Zeitweise liebäugelt Müntefering mit dem Amt des Ministerpräsidenten - 1996 rückt er in den Düsseldorfer Landtag nach -, doch steht dem Wolfgang Clement im Wege. Über Jahre werden die Machtkämpfe zwischen dem mediengewandten Modernisierer Clement, der 1998 Ministerpräsident wird, und dem damals knorrigen Traditionalisten Müntefering, der 1998 den Landesvorsitz von Rau übernimmt, vorwegnehmen, was sich später unter anderen Vorzeichen zwischen ihm und Schröder und ihm und Beck wiederholt. Kaum Vorsitzender der Landespartei, paukt Müntefering eine Strukturreform durch, mit der die mächtigen SPD-Bezirke entmachtet werden.

Ein kurzer Ausflug in die Exekutive

Münteferings Pendeln zwischen Düsseldorf und Bonn, seine vielen Ämterwechsel in Bonn und Berlin spiegeln die Wirren der SPD nach dem Scheitern des Vorsitzenden Rudolf Scharping wider. Der spröde Westerwälder hatte den Sauerländer auf Anraten Raus als Bundesgeschäftsführer in die Bonner Baracke geholt. Lafontaine hält nach dem Mannheimer Putschparteitag an ihm fest - und es gelingt Müntefering, die vermeintliche Troika, das schwierige Machtdreieck Lafontaine (Partei), Scharping (Fraktion) und Schröder (Schröder), einigermaßen auszubalancieren.

Den Wahlkampf organisiert er gemeinsam mit Bundesgeschäftsführer Matthias Machnig in amerikanischer Manier mit „Kampa“ als Zentrale und „War Room“ für die täglichen Sandkastenspiele. In dieser Zeit legt sich der scheinbar so uneitle Mann ein Markenzeichen zu und läuft fortan nur noch mit einem feuerroten Schal durch die Republik. Von einem bestimmten Punkt an wird die zur Schau gestellte politische Askese des Herrn Müntefering zur machtpolitischen Masche.

Nach dem Wahlsieg 1998 tritt er als Verkehrs- und Bauminister ins Bundeskabinett ein. Es wird ein kurzer Ausflug in die Exekutive. Im Frühjahr 1999, nachdem sich Oskar Lafontaine geschlagen gibt und Gerhard Schröder den Parteivorsitz übernimmt, ruft die Parteipflicht: Der Bundeskanzler braucht nun einen, der den Laden kennt und die Parteiseele streicheln kann. Müntefering löst den Lafontainisten Ottmar Schreiner ab - und nennt sich fortan Generalsekretär, ein Amt, das für ihn geschaffen wird.

Ein heißer Sommer und ein noch heißerer Herbst

Nach dem knappen Wahlsieg gegen Edmund Stoiber 2002 wird Müntefering Fraktionsvorsitzender - Peter Struck war zwischenzeitlich Scharping im Amt des Verteidigungsministers gefolgt, und Ludwig Stiegler füllte die Lücke in der Fraktion nur übergangsweise. Ein gewisser Olaf Scholz folgt Müntefering seinerzeit als Generalsekretär. Die Koalitionsverhandlungen zwischen Roten und Grünen, die für einige Beteiligte - die Wahlniederlage vor Augen - unverhofft kommen, wertet Müntefering heute als vertane Chance. Im Herbst 2002 kommt er mit Schröder überein, dass es „so im Lande nicht weitergehen kann“, sagt Müntefering heute. Zu dieser Zeit entsteht die Idee der größten Sozialreform in der Geschichte der Bundesrepublik. Im Frühjahr 2003 verkündet Schröder die im Kanzleramt entworfene Reform-Agenda im Bundestag. Es folgen ein heißer Sommer und ein noch heißerer Herbst mit Proteststürmen in Partei und Gewerkschaften, Sonderparteitag der Sozialdemokraten und Massendemonstrationen auf den Straßen.

Im Herbst wendet sich der Kanzler an Müntefering und legt ihm nahe, den SPD-Vorsitz zu übernehmen, weil dieser der Partei die Politik besser erklären könne. Müntefering sagt, er habe damals innegehalten - im Frühjahr 2004 ist er zu dem Schritt bereit. Es ist die Zeit bitterer Wahlniederlagen für die Sozialdemokraten, die auch Müntefering nicht verhindern kann. Wahlsonntag für Wahlsonntag steht er nun da und ruft im Partei-Stakkato: Helm enger schnallen und weitermarschieren. Bis zum Wahlsonntag Ende Mai 2005, bis Nordrhein-Westfalen fällt. Über die Umstände der Entscheidung, vorzeitige Bundestagswahlen anzustreben, sagt Müntefering, beide - Schröder und er - hätten gleichzeitig die Idee gehabt. Durch derlei augenzwinkernde Formulierungen untermauert er die Deutung, er habe Schröder tatsächlich gesagt, wenn Düsseldorf verlorengehe, könne er den Laden nicht länger zusammenhalten - und dem Kanzler so die Pistole auf die Brust gesetzt: den Machtverlust in Kauf nehmen, um die Partei zu retten.

Dass alles anders kommt, dass die SPD am Ende weiterregiert, dass Schröder im Herbst 2005 abtritt, dass Müntefering den Parteivorsitz hinschmeißt, aber als Vizekanzler weitermacht, gehört indes schon zur Vorgeschichte der Koalitionsrunde am späten Montagabend.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1970, politischer Korrespondent in Berlin.

Jüngste Beiträge