Heute findet das „Abstürzen“ ohne Andreas Mertens statt. Es ist weit nach Mitternacht, der Investmentbanker, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, steht mit einem Glas Gin Tonic in der Hand in der Frankfurter „Vodka Bar“, die in der Szene einschlägig bekannt ist. Mertens verzichtet dieses Mal darauf, sich hemmungslos gehenzulassen, er muss in fünf Stunden wieder aufstehen. „Wichtiger Call“, sagt er, trinkt das Glas auf einen Zug aus und schiebt sich durch die Masse Richtung Ausgang. Der Aktienhändler trägt ein blau-weiß gestreiftes Hemd, rote Hosenträger, eine Rolex-Uhr, die Haare nach hinten gegelt: ein schwankendes Klischee.
Vor allem Banker wie Mertens haben den Zorn des Volkes und der Politik auf sich gezogen, weil sie, so der Vorwurf, mit Hilfe von fremdem Geld erst riesige Gewinne und Boni einstrichen, Verluste aber den Steuerzahlern überließen. Zu der Kritik an diesem Geschäftsgebaren kommt die Empörung über den angeblichen Lebensstil der Banker. „Sie sind arrogant, besessen vom schnellen Geld, gierig“, schreibt Geraint Anderson, ehemaliger Investmentbanker in London, in seinem Bestseller „Cityboy“. Der typische Banker sei männlich, jung und maßlos. „Alkoholexzesse und Prostituierte gehören zum Alltag.“
Viele Variablen für Erfolg und Macht
Auch in Frankfurt? Bedingt. Die Szene der Banker dort ist so differenziert wie ihre Produkte - ihr Lebensstil definiert sich aus dem, was sie tun. Viele Banker arbeiten im Privatkundengeschäft in einer Filiale. Manche vermitteln Firmen Kredite. Es gibt Bankiers, die Vermögen verwalten. Und Banker, die im risikoreicheren Kapitalmarktgeschäft agieren. Manche arbeiten bei prestigeträchtigen Großbanken, andere bei soliden Sparkassen, wieder andere bei ehemals aufstrebenden Landesbanken oder bei feinen Privatbanken. Weitere Variablen: die Höhe des Verdiensts als Gradmesser des persönlichen Erfolgs und die Höhe der Budgetverantwortung als Gradmesser für Macht.
Andreas Mertens hat im vergangenen Jahr 200.000 Euro plus 140.000 Euro Bonus verdient. Für den Durchschnitt der Bevölkerung viel Geld, für einen 31 Jahre alten Investmentbanker „ganz gut“, wie er sagt, für ihn persönlich „sehr viel Geld“. Mertens hat sich hochgearbeitet. Die Mutter war Frisörin, der Vater Bankangestellter bei einer Dorf-Sparkasse. Irgendwann bei einer „Spaßkasse“, wie er es nennt, zu landen kam für ihn nie in Frage. „Zu spießig“, sagt er. Zehn Stunden nach seinem Abgang aus der „Vodka Bar“ sitzt er in der Apfelweinkneipe „Mutter Ernst“ in der Nähe der vornehmen Goethestraße und bestellt Spiegelei und Leberkäse als Mittagessen. Ein Hinweis auf seine Herkunft ist das nicht - neben ihm sitzen Herren mit Einstecktuch und Siegelring. Ein Bankertreff. Mertens steht unter Strom. „Work hard, play hard“, sagt er. Sein Vater hätte wohl noch gesagt: „Wer feiern kann, kann auch aufstehen.“
Druck ablassen in der Freizeit
Mertens hat zuvor in London bei einer britischen Bank gearbeitet, seit zwei Jahren sitzt er nun in deren Frankfurter Büro. Sein Job: den ganzen Tag Kurse von Wertpapieren beobachten. Kaufen und verkaufen. In Sekunden handelt er mit Millionen. „Warum wir Investmentbanker so exzessiv feiern, liegt schon daran, dass wir während der Arbeit stark unter Druck stehen und dann, wenn wir mal paar Stunden frei haben, diesen wieder ablassen“, sagt Mertens. „Das nötige Kleingeld dafür haben wir.“ In London seien die Partys manchmal so wild gewesen, dass es Getränke nur in Plastikbechern gab, erzählt er. Zu oft seien Gläser durch die Gegend geflogen.
Weil Frankfurt kleiner ist als London oder New York, seien die Partys hier weniger opulent. „Alles andere würde zu sehr auffallen“, sagt Mertens. Tatsächlich ist Frankfurt im Vergleich zu Metropolen wie London, wo deutlich mehr Investmentbanker arbeiten, eher Provinz: 650.000 Einwohner, ein paar Bankentürme, alle nah beieinander, 80.000 Banker und drum herum Berater und Anwälte. Der Kosmos, in dem sich die Frankfurter Banker in ihrer Freizeit bewegen, hat gerade einmal einen Radius von wenigen Kilometern. Auf der „Freßgass’“ und in deren Seitenstraßen befinden sich fast alle Restaurants, Bars und Clubs, in denen die Banker verkehren.
Keine geheimen Privatclubs wie in London
Morgens um sieben rauschen die ersten dunklen Limousinen durch die Straßen der Stadt, sitzen die Ersten in der U-Bahn und drücken auf ihren Smartphones herum, checken E-Mails, schauen schon mal, wie es an der asiatischen Börse so steht. Mittags, Punkt halb eins - in vielen Banken gibt es tatsächlich noch Stechuhren - strömen sie in die immer gleichen asiatischen und italienischen Restaurants und Bars, abends nach Feierabend sitzen sie wieder da, die Krawatten gelockert oder abgelegt. Geheime Privatclubs wie in London, mit Klingel an der Tür und Eintritt nur für die „Big Player“, gibt es in Frankfurt nicht.
Auch keine Jungs in Nadelstreifen, die Zehntausende Euro an einem Abend verprassen. Doch auch in Frankfurt geben Leute wie Mertens an normalen Abenden immerhin Hunderte, an Abenden, an denen sie was zu feiern haben, Tausende Euro aus. Eine Flasche Champagner für 2000 Euro? „Kein Problem“, sagt Mertens. Er hat dafür eine interessante Begründung: „Ich bin im Vergleich zu Kollegen mit relativ wenig aufgewachsen. So wichtig es mir ist, viel zu verdienen, ist mir Geld doch relativ egal.“
Banker wie Mertens sind dafür verantwortlich, dass etwa Anfang des Jahres, wenn Boni ausgezahlt werden, die Nachfrage nicht nur bei Juwelieren in Frankfurt sprunghaft ansteigt. In dieser Zeit können selbst Partys in Frankfurt „ausarten“, wie Clubbesitzer berichten. Am Wochenende gehen die Banker dann mit Freunden, die meisten von ihnen Banker, erst in ein neues, angesagtes Restaurant, dann in eine neue, angesagte Bar, dann in einen neuen, angesagten Club. Nach solchen Abenden endet Mertens meist wieder in der „Vodka Bar“, im „Euro Deli“ oder der „BB Bar“, wo sich Finanzwelt mit Halbwelt mischt. Für Sex habe er allerdings noch nie bezahlt, sagt er. „Freunde von mir aber schon öfters.“ Nicht wenige Investmentbanker reagieren gereizt, wenn man sie nach ihrem Lebensstil fragt. „Alles Klischees“, sagen sie. Lässt man sie aber erzählen, wie sie leben, vergessen sie nach und nach ihre Korrektheit.
Die Intensität des Lebensstils Investmentbanking wird niedriger, je älter die Banker werden, wenn sie Frau und Kinder haben oder in verantwortlichere Positionen aufgestiegen sind. Gearbeitet wird dann zwar fast genauso viel, aber die freie Zeit wird anders genutzt. „Man setzt andere Prioritäten“, sagen Investmentbanker, die schon mehr als 40 Jahre alt sind. Reinhard Matthis, bei einer Landesbank beschäftigt und nur ein paar Jahre älter als Mertens, sagt, er würde nie auf die Idee kommen, sein Leben „derartig zu verschwenden“. Dabei ist er nicht verheiratet und hat auch keine Kinder. Es ist Freitag, der Banker hat Feierabend und steht mit Freunden vor der Börse, wo sich zum Wochenausklang die „Schicki-Micki“-Gesellschaft trifft. Grauer Anzug, gestreifte Krawatte, grüne Steppjacke. Distinguiertes Understatement.
„Um Luxus geht es mir nicht“
In der Landesbank prüft Matthis, ob die Kunden, mittelständische Firmen aus der Region, kreditwürdig sind. Auch ihm sind Geld und Prestige wichtig. „Aber ich möchte gut verdienen, um mir einen gewissen Lebensstandard zu ermöglichen, nicht um einfach nur schnell mehr als der Kollege oder die Freunde zu haben“, sagt Matthis. „Um Luxus geht es mir nicht.“ Spricht man mit anderen Bankern vor der Börse, hört man Ähnliches. Bei der Entscheidung, Banker zu werden, habe Geld natürlich eine gewisse Rolle gespielt. Aber nicht als Selbstzweck, sagen sie.
Auch wenn viele Frankfurter über die Leute, die sich freitags vor der Börse treffen, lästern und sie als „abgehoben“ beschreiben, stehen dort eher die Banker, die Kontakt zur Realwirtschaft haben. Sie vergeben Kredite an Unternehmen oder kaufen und verkaufen Immobilien für ihre Bank. Viele von ihnen haben eine Lehre zum Bankkaufmann hinter sich. „Das erdet“, sagt einer. Man lerne den Wert des Geldes schätzen. „Gutes Geld ausgeben für ein exquisites Steak? Gerne. 20 Euro für eine einfache Pasta, nur weil der Laden gerade in ist? Auf keinen Fall.“ Reinhard Matthis wählt CDU oder Grüne, geht bei Manufactum einkaufen, fährt eine Mercedes-Limousine - mit den Öffentlichen fährt er nicht. Er wohnt in einer Altbauwohnung in Sachsenhausen. Natürlich führen er und viele seiner Kollegen ein Leben, dass für die meisten unerreichbar scheint. Es ist aber mitnichten maßlos. Dennoch haftet an Frankfurt das Image der kalten und seelenlosen Bankenstadt.
„Die breite Masse ist wieder bescheidener geworden“
Der Rhythmus der Stadt scheint sich durch die Finanzkrise kaum verlangsamt zu haben. Dennoch bekräftigt Ludwig Heilmann, ein Bankier, der seit 40 Jahren in Frankfurt für eine deutsche Privatbank in der Vermögensverwaltung arbeitet und seinen echten Namen ebenfalls nicht in der Zeitung lesen möchte: „Die breite Masse ist wieder bescheidener geworden.“ Heilmann interessiert sich für klassische Musik, engagiert sich für Frankfurter Museen - beides seit langem - und wohnt schon 20 Jahre in Kronberg im Taunus, wohin Banker ziehen, wenn sie genug Geld und Familie haben. Dort steht Villa an Villa, oft ohne Namen an den Briefkästen.
In Frankfurt ist nicht nur der Kontrast zwischen Armut und Reichtum besonders ausgeprägt, sondern auch der zwischen dem alten und dem neuen Geld. Schon Heilmanns Vater war in einer führenden Position eines Geldinstituts. Diese Elite der Banker trifft sich in den Hinterzimmern des Frankfurter Hofs, in denen nie über das Geschäft geredet wird, sondern über Politik, Trends, den Lauf der Welt. Wer zweimal nicht da war oder wer nichts zu sagen hat, fliegt raus, berichten Teilnehmer solcher Kreise. In Aufsichtsräten, bei Empfängen, Opernpremieren, Ausstellungseröffnungen, Wohltätigkeitsveranstaltungen - immer sehen sich dieselben. Jeder kennt jeden, jeder redet mit jedem, jeder macht mit jedem Geschäfte. An der Spitze des gesellschaftlichen Lebens stehen Bankiers wie Friedrich von Metzler.
Das „i“ im Wort Bankier macht wohl den Unterschied, auch Heilmann legt Wert darauf. „Die Finanzkrise 2008 hat vieles geändert“, sagt er. „Vorher war es auch für die Mittelschicht der Banker schick, Porsche zu fahren, dicke Zigarren zu rauchen und über die Stränge zu schlagen.“ Das sei anders geworden, als nach der Finanzkrise vor drei Jahren die Banker nicht mehr nur von den üblichen Verdächtigen von links angegriffen wurden, sondern auch von eigenen Kunden oder ihnen „nahestehenden“ Schichten. „Porsche zu fahren war dann gar nicht mehr so schick.“ Er habe sogar von manchen gehört, die ihren schon bestellten Sportwagen wieder abbestellt hätten.
Ein opulenter Lebensstil galt auf einmal als dekadent, obwohl er weit von Londoner „Burger mit Goldstaub“-Verhältnissen entfernt war. Der Ruf war ruiniert. Den Geldinstituten war es inzwischen selbst peinlich, wenn sich ihre Mitarbeiter „großkotzig“ aufführten, wie es die Personalchefin einer Bank ausdrückt. „Natürlich kann man den Mitarbeitern nicht diktieren, wie sie zu leben haben.“ Aber es sei ihnen schon „kommuniziert“ worden, möglichst dezent aufzutreten und keine Weine für 500 Euro zu bestellen. „Nur nicht provozieren“, war die Devise - weder privat noch geschäftlich. Letzteres wurde dadurch geregelt, dass schärfere Grenzen für Spesen gezogen wurden. „Privat hoffen wir weiter auf die Vernunft unserer Mitarbeiter“, sagt die Personalerin. Eine neue Entlassungswelle, die kurz bevorsteht, könnte ihr Übriges tun.
Welchen Mehrwert produzieren Banken ? Brauchen wir so viele ?
Paul Rabe (heidelpaul)
- 31.12.2011, 14:58 Uhr
"Seht her ! An ihrem Tun sollt ihr die Bengel erkennen !"
Markus Teuber (arathorn)
- 30.12.2011, 10:01 Uhr
Gehaltsniveau fragwürdig
Closed via SSO (Morrissey)
- 30.12.2011, 00:24 Uhr
Ist "Tugend" in diesen Kreisen überhaupt vorhanden?
Andreas Westermeier (klemme1952)
- 29.12.2011, 22:47 Uhr
Apropos Porsche
gisbert heimes (gisbert4)
- 29.12.2011, 20:29 Uhr