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FAZ Plus Artikel Politik als Beruf : Tagungskekse sind gefürchtet

Ole von Beust sagt: „Verantwortung lässt einen manchmal nicht schlafen.“ Hier sieht man ihn 2009 bei einer Sitzung in Hamburg. Bild: Picture-Alliance

Muss nachts verhandelt werden? Wie schlafen Politiker? Welche Rolle spielt Alkohol? Der frühere Hamburger Bürgermeister Ole von Beust über die Härten im Berufspolitiker-Alltag.

          Muss man sich bei Verhandlungen tatsächlich die Nacht um die Ohren schlagen, so wie wir es am Dienstag bei den Koalitionsverhandlungen wieder einmal erlebt haben?

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das gehört zu Verhandlungen dazu. Ich habe mal versucht, eine Tarifauseinandersetzung zu schlichten. Bis Mitternacht waren 98 Prozent klar, und die zwei Prozent zogen sich dann zäh bis in den Morgen hin. Da entwickelt sich eine gewisse Gruppendynamik. Das muss wohl so sein, um seinen eigenen Leuten glaubwürdig zeigen zu können: Wir haben bis zum Umfallen gekämpft.

          Eine Show also.

          Ich glaube, das ist bei den Beteiligten eher unbewusst. Man will noch mal zeigen, was eine Harke ist. Irgendwie scheint das Gefühl auf, jetzt zäh sein zu müssen, um vor sich und anderen zu dokumentieren, wie hart der Kampf war.

          Wissen Sie noch, was Ihre längste Verhandlung in der Politik war?

          Bis nachts um zwei Uhr haben wir, die Bundesregierung und die Ministerpräsidenten, mal, lange vor der Flüchtlingskrise, über die Kosten der Unterbringung von Flüchtlingen verhandelt. Da gingen die Fronten quer durch, auch CDU-Ministerpräsidenten gegen die CDU-geführte Bundesregierung.

          Wird da keiner müde?

          Das ist eine Frage des Typs. Ich selbst bin der Typ, der morgens früh aufsteht und abends früh ins Bett geht. Andere leben erst auf, wenn es spät wird. Sie lieben die späte Stunde und legen dann einen Zahn zu. Andere werden schlichtweg ab 22 Uhr müde und haben keine Lust mehr. Okay, man kann sich zusammenreißen. Es ist auch nicht so, dass man einschläft. Aber man muss die Müdigkeit bekämpfen. Das klappt schon, mit viel Kaffee, aber ich finde es enorm anstrengend.

          Die Kanzlerin sondierte neulich mit der SPD bis morgens um zehn Uhr und fuhr am Abend desselben Tages in ihren Wahlkreis zum Neujahrsempfang.

          So ist sie eben. Eine beneidenswerte Gesundheit, ein beneidenswertes Naturell. Ich kann das nicht. Es gibt eben Leute, die mit vier bis fünf Stunden Schlaf auskommen. Andere brauchen länger. Es gibt allerdings aus meiner Sicht keinen Grund, sich um wenig Schlaf zu bemühen. Ich finde daran auch nichts Ehrenrühriges. Ich zum Beispiel schlafe gern.

          Aber brauchen Spitzenpolitiker nicht alle so ein Merkel-Naturell?

          Rainer Barzel, der Fraktionsvorsitzende der Union, der beinahe mal Kanzler geworden wäre, pflegte grundsätzlich um 22 Uhr zu gehen mit dem Hinweis: Ich brauche meinen Schlaf. Bei mir ist es ähnlich. Ich habe es immer so gehalten, bei abendlichen Empfängen oder Essen, was halt so dazugehört, überpünktlich zu erscheinen, führte die Gespräche, die ich mir vorgenommen hatte, und ging so gegen 22 Uhr. Andere halten bis zwei oder drei Uhr durch und lieben die Geselligkeit. Ich bin nur bedingt gesellig.

          Wie kam Ihre Ungeselligkeit bei den anderen an?

          Am Anfang wurde gefragt: Warum geht der so früh? Es wurde auch gespottet, ah, der will nur nach Hause. Fauler Typ und so. Klaus Wowereit veräppelt mich noch heute, weil ich immer so früh gegangen bin: Langweiler. Aber wenn man das ehrlich sagt, dann gewöhnen die anderen sich auch daran. Wichtig ist, es generell bei allen Gelegenheiten so zu halten. Wo es einem gut gefällt, länger zu bleiben, und wo man ohnehin froh ist wegzukommen, früh abzuhauen – das geht nicht, da sind die Leute beleidigt. Verhandlungen sind natürlich eine andere Sache, da kann man nicht einfach aufstehen und mittendrin gehen. Da heißt es dann leiden.

          Aber wenn ein Spitzenpolitiker so früh verschwindet, könnte er doch etwas Wichtiges verpassen.

          Ein Beispiel: Die CDU-Ministerpräsidenten treffen sich Donnerstag Abend vor dem Bundesrat mit der Kanzlerin, gehen die Tagesordnung durch und besprechen das Abstimmungsverhalten. Das ist so gegen 22, 23 Uhr zu Ende. Dann beginnt der informelle Teil. Man spricht über die allgemeine Lage und das Leben an sich. Da gehe ich lieber und lese im Bett noch einen schwedischen Krimi. Ich war da nicht so beliebt. Einmal sagte einer zu mir: Wieso gehst du schon, wir sind doch Freunde? Meine Antwort: Wir sind keine Freunde, sondern Kollegen. Das kam nicht so gut an. Andererseits: Geschadet hat es mir auch nicht. Mag ja sein, es wird über einen geredet, wenn man nicht dabeisitzt. Aber das ist dann auch egal.

          Muss ein Politiker nicht gesellig sein? Schon wegen seines Wahlkampfes?

          Die Leute wollen authentische Personen. Und wenn ich dann sagte: Sei mir nicht böse, ich bin nicht so gesellig, ich bin müde, dann hat mir das nie einer übelgenommen.

          Und wie haben Sie geschlafen in Ihrer aktiven Zeit?

          Oft schlecht. Todmüde wie ein Stein ins Bett gesunken. Dann gegen vier Uhr aufgewacht. Da geht einem viel durch den Kopf. Das Schlimmste war: Man kann mit keinem darüber reden, ich fühlte mich so wehrlos. Dann schläft man gegen halb sechs wieder ein, gerät in einen Halbdämmer, träumt schlecht. Das ist schon unangenehm. Es geht ja immer um die gefühlte Belastung, nicht die tatsächliche. Jeder kennt das, der Verantwortung trägt. Politiker stehen allerdings noch in einem besonderen Licht. Da kann einen nachts die Frage wach halten: Ist man in der öffentlichen Meinung grade der Trottel oder der Sieger?

          Hat Ihnen das viele Umherreisen etwas ausgemacht?

          Nein, das weniger. In der Hamburger Landesvertretung in Berlin habe ich mal um eine weichere Matratze gebeten, weil die hauseigenen arg hart waren. Was die Hotels anbelangt, so war mein einziger Maßstab, ob ich dort gut schlafen kann. Ich erinnere mich, in Frankfurt gleich neben dem Bahnhof gab es ein Hotel, wo ich öfter abstieg. Da klappte das mit dem Schlafen. Und es hatte den Vorteil, dass dort vor allem Japaner und Chinesen wohnten. Keiner kannte mich und hat mich angesprochen. Sehr angenehm. Ich bin nämlich Morgenmuffel.

          Aber anderswo kannte man Sie sehr wohl.

          Zuerst fand ich das auch nett, es schmeichelte der Eitelkeit. Es kamen ja nur Leute, die einen mögen oder – die etwas von einem wollen. Mit der Zeit wird aber auch das belastend, weil man unter Dauerbeobachtung steht. Bei Delegationsreisen etwa geht es zu wie auf Klassenreise, und der Delegationsleiter ist im Hotel automatisch der Fähnleinführer. Ich habe manchmal diskrete Hotelausgänge gesucht, nur um ein bisschen für mich zu sein und den jeweiligen Ort anzuschauen. Freilich sind immer die Personenschützer dabei. Einmal in Mexiko-Stadt als Bundesratspräsident hatte ich sieben, acht um mich herum und fiel erst so richtig auf. In China war es so, dass vor jeder Tür ein Personenschützer saß. Deren Chef hieß sinnigerweise Mao.

          Welche Rolle spielt Alkohol im Politikerleben?

          Man muss höllisch aufpassen. Wenn ich viel Alkohol trinke, werde ich fröhlich und leutselig, und das kann sich dann bitter rächen. Man redet abends an der Bar dann auch mal Mist, und die Duzerei fängt an, gerade auf Auslandsreisen. Solche Situationen habe ich immer zu meiden versucht. Bei offiziellen Terminen habe ich es nie erlebt, dass die Leute sich einen hinter die Binde gießen, auch wenn es Wein zum Essen gab. Aber hinterher, im sogenannten gemütlichen Teil, schon.

          Und das Essen?

          Auch da heißt es aufpassen. Eigentlich steht immer etwas zu essen rum. Die Tagungskekse zum Beispiel, die sind gefürchtet. Irgendwann fängt man an zu futtern. Aus Langeweile oder aus Hunger. Irgendwann wurden die Kekse mal durch Obst ersetzt, erinnere ich mich. Aber dann waren sie doch wieder da, unausrottbar. Von Staatsempfängen wird immer wieder mal die Speisekarte veröffentlicht. Die klingt dann ganz toll. Aber jeder Koch kann sich noch so viel Mühe geben, wenn er für dreihundert Leute kocht, ist es nie so toll. Das Gemüse verkocht, das Essen zu kalt. Bei offiziellen Anlässen ist es kein feierliches Essen, sondern eher Nahrungsaufnahme. Trotzdem soll man solche Essen nicht unterschätzen. Sie haben mitunter einen krampflösenden Effekt. Man redet dann auch mal was anderes, über das Essen zum Beispiel. Auch das sind so gruppendynamische Prozesse. Wenn sich die Ministerpräsidentenrunde mal bei dem, mal bei jenem trifft, versucht jeder, ein guter Gastgeber zu sein. Wirklich schön war immer das Essen in der Landesvertretung von Baden-Württemberg vor Weihnachten. Gans mit Rotkohl und Klößen – famos.

          Wie geht ein Politiker damit um, dass er ständig beobachtet wird?

          Da gibt es viele banale Sachen. Ich habe immer mein Glas Bier oder Sekt weggestellt, wenn Fotografen auftauchten. In Bundesratssitzungen, vor laufenden Kameras, war klar, dass man nicht schläfrig wirken durfte. Nicht in der Nase bohren, nicht so oft die Augen schließen und so etwas. Ich fand das immer sehr anstrengend. Wie sehr, das bekam ich mal nach einer Pressekonferenz zu spüren. Ich trug ein 24-Stunden-Blutdruckgerät. Am nächsten Tag fragte mich der Arzt: Was haben Sie gestern um 12.30 Uhr gemacht? Da muss das Gerät ausgefallen sein. Es war nicht kaputt, ich stand nur unter derart großer innerer Anspannung. Dabei hatte ich die Situation selbst in dem Moment gar nicht als so aufregend empfunden. Manchmal nimmt das Beobachten auch skurrile Züge an: Treffen sich die sechzehn Ministerpräsidenten, wartet eine große Entourage im Vorzimmer. Und die Leute dort springen immer gleich auf, wenn nur einer mal aus dem Tagungsraum herauskommt, um zur Toilette zu gehen. Das war eine unwirkliche Situation, vollkommen künstlich.

          War das anstrengende Politikerleben der Grund für den Rücktritt 2011?

          Ich hatte schon bei meiner Wiederwahl 2008, als es zur schwarz-grünen Koalition kam, den Entschluss gefasst, beim nächsten Mal nicht wieder anzutreten. Ich hatte das Gefühl, verbraucht zu sein, und dabei spielte der Politikeralltag eine Rolle, klar. In Hamburg gibt es die Besonderheit, dass im Moment des Rücktritts alles aufhört. Keine Personenschützer mehr, kein Büro. Man gerät von jetzt auf gleich in ein anderes Lebensgefühl. Ich finde das aber vernünftig.

          Fehlt Ihnen die Politik?

          Na, manchmal juckt es mich schon, hier oder da etwas zu beizutragen oder einem früheren Kollegen die Meinung zu sagen. Aber das Amt zurückhaben zu wollen – der Gedanke ist mir fremd. Jetzt sind meine Wochenenden frei, auch viele Abende. Und, ehrlich gesagt, was Politiker heute an Häme in den sozialen Netzwerken aushalten müssen, für mich wäre das nichts.

          Die Fragen stellte Frank Pergande.

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