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Veröffentlicht: 17.06.2015, 14:14 Uhr

Abiturnoten Zu viel Wirbel um die Eins Komma Null

Eltern wollen ihre Kinder aufs Gymnasium bringen und dann möglichst nur Bestnoten sehen. Wenig später beklagen sie die Einser-Inflation. Eine Analyse.

von Christian Füller
© dpa Schülerinnen und Schüler während der Abiturprüfung im Fach Englisch in einem Gymnasium in Magdeburg am 29.04.2015

Eine neue Spezies treibt sich seit ein paar Monaten in den Feuilletons und den Klagen gelehrter Professoren herum: Es ist der Einser-Abiturient. Angeblich verbreitet er sich an Deutschlands Gymnasien so schnell wie ein Heuschreckenschwarm. Er soll Anzeichen einer schlimmen Krankheit sein - der Schwindsucht des Abiturs.

Verwundert reibt man sich die Augen. Waren nicht eben noch der „funktionale Analphabet“ und der Risikoschüler die traurigen Hauptfiguren unseres Schulsystems? Diese Idioten aller Pisa-Studien, die uns so viel Schweiß im Streit um Bildungsgerechtigkeit gekostet haben. Und nun sollen sie, gewissermaßen über Nacht, zu Studienstiftlern des deutschen Volkes herangereift sei? Kann es wirklich sein, dass die deutsche Schule im Schnelldurchlauf vom Pisa-Versager zur Einserschmiede wurde?

Die Ankunft der „nichttraditionellen Gymnasiasten“

Nichts dergleichen. Das Schulsystem ist durchlässiger geworden, genauer gesagt, haben sich die Gymnasien für mehr Schüler geöffnet. Zudem werden inzwischen viele Wege zum Abitur angeboten, allein in Bayern werden Zehntausende Schüler über den Umweg der Fach- und Berufsoberschulen zur Hochschulreife gebracht. Und das ist auch gut so. Die kommenden Abiturienten sind aber nicht nur viel mehr, sie sind auch - wie die Forscher sagen würden - „nichttraditionelle Gymnasiasten“. Das bedeutet, sie sind oft die Ersten in ihren Familien, die „De Bello Gallico“ lesen, komplizierte Gleichungen lösen und den Zitronensäurezyklus studieren. Wenn man nun will, dass diese Bildungsaufsteiger nicht gleich wieder aus den Gymnasien hinausgeprüft werden - was viele Oberstudienräte liebend gern tun würden! -, dann muss man ihnen wohl oder übel einen gewissen Noten-Rabatt gewähren. Sprich: In der neuen unteren Mittelschicht der deutschen Gymnasiasten wird mancher Fünfer- und Vierer-Schüler ein bisschen aufgewertet, damit er sicher ans Ziel kommt.

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Dabei rutscht die Notenskala nach oben, und die traditionell guten Schüler ganz oben im Einser-Bereich vermehren sich tatsächlich deutlich. In manchen Bundesländern wie in Nordrhein-Westfalen und Berlin hat sich die Zahl der 1,0-Abiture in wenigen Jahren verdoppelt und verdreifacht. In Thüringen haben 38 Prozent der Abiturienten eine Eins vor dem Komma.

Ist das schlimm? Ist das neu? Nein, keineswegs. Es hat Tradition, dass die Gymnasien ihre Schulbänke immer voll bekommen. Egal, mit wem und welchen Leistungen. Gerade hat der Bildungsforscher Marcel Helbig vom Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlin in einer interessanten Studie nachgewiesen, dass die vermeintlichen Elite-Anstalten Gymnasien gar nicht auf Qualität geeicht sind, sondern sich nach Angebot und Nachfrage richten.

Die Rationalität der Gymnasien

Auf deutsch: Sobald die Schülerjahrgänge dünner werden, senkt das Gymnasium seine Anforderungen, und zwar sowohl bei der Aufnahme der Schüler als auch bei seiner Abschiebepraxis. Seit 1948 hat der Forscher das in einer langen Zeitreihe zeigen können, die nächste Woche in der neuen Ausgabe der „Zeitschrift für Soziologie“ erscheint. Das heißt, wenn wenig Schüler auf dem Markt sind, begnügt man sich auch mit weniger guten Gymnasiasten - und bringt sie zum Erfolg. Der Grund: Leere Gymnasien will keiner, und zuallerletzt wollen das die Oberstudiendirektoren. Damit zerplatzt allerdings auch eine Lebenslüge der Deutschen: Ihr Gymnasium ist gar keine meritokratische Einrichtung, ihr Maßstab heißt nicht Leistung, sondern: „Wie viele sind da draußen?“

Übrigens ist zumindest die Eins-Komma-null-Schwemme im Vergleich zur Mehrheit der Schüler doch nur ein Rinnsal. Während all die Schreckensmeldungen über den Verfall des Gymnasiums und die Inflation der Noten das Land nervös machen, beruhigt ein Blick auf die Statistik: Zwischen 2006 und 2013 hat sich der gesamtdeutsche Abiturschnitt von 2,51 auf 2,45 verbessert. Eine Veränderung um 2,5 Prozent in sieben Jahren. Das ist keine Noteninflation, sondern bleierne Stabilität. Aber was verrät uns die große Wehklage über das Einser-Abitur? Vor allem, dass die deutschen Eltern sich zu militanten Bildungswutbürgern entwickelt haben. Es sind nämlich genau die Eltern, die jetzt penibel auf die Standards beim Abitur pochen, die ihre Kinder vorher in Heerscharen auf das Gymnasium entsandt haben.

Wehe dem Willen der Eltern

Klar, der erste Antreiber für die Ausweitung des Abiturs war die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, die alle drei Jahre die Pisa-Studie herausgibt und immer vor der geringen Abiturquote in Deutschland gewarnt hat. Aber die OECD ist weit weg in Paris. Ihre Bodentruppen aber, die vor Ort die Öffnung der Gymnasien mit Volksabstimmungen und Schulklagen erkämpfen, das sind die Eltern. Kein Bundesland außer Bayern kann es sich heute noch erlauben, den Elternwillen beim Übergang aufs Gymnasium zu übergehen.

Bei den Eltern herrscht, wie es eine Studie der Adenauer-Stiftung beschreibt, „eine Fokussierung auf das Abitur als alleinigem Bildungsmaßstab“. Oder einfacher gesagt: Eltern wollen ihre Kinder aufs Gymnasium bringen und möglichst nur Einser. Das ist zwar eine Milchmädchenrechnung, aber den Eltern ist das egal. Für sie gilt: nur das Beste für mein Kind. Die Eltern sind es folglich, die bestimmen wollen, ob ihr Zögling Richtung Hochschulreife entsandt wird. Auf dessen Bedürfnisse und Leistungen nehmen sie oft gar keine Rücksicht. Nicht die Note ist entscheidend, sondern der Elternwille. Wer das als Politiker nicht beachtet, wird abgewählt.

Quelle: wahlrecht.de
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