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Flughafenattentäter : Allein und voller Hass

Arid U. nahm das Urteil gegen ihn regungslos auf Bild: dpa

Arid U., der islamistische Attentäter vom Frankfurter Flughafen, soll lebenslang ins Gefängnis. Er handelte, so urteilte das Gericht, zielstrebig und kaltblütig. Offenbar radikalisierte er sich tatsächlich alleine, nur über das Internet.

          Mit gesenktem Kopf sitzt Arid U. da, als das Urteil fällt. Regungslos nimmt er es auf. Vor fast einem Jahr hat U. am Frankfurter Flughafen zwei amerikanische Soldaten erschossen und zwei weitere schwer verletzt. Nun muss U. lebenslang ins Gefängnis; das Gericht stellt die besondere Schwere seiner Schuld fest.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es war ein Mittwoch, der 2. März 2011, als Arid U. in einen Bus stieg und zum Frankfurter Flughafen fuhr. Zu Hause, in der Wohnung der Eltern, hatte er sich eine Pistole und zwei Messer in seinen Rucksack gepackt. Auf der Fahrt hörte er islamistische Propagandalieder. Sie besingen den Hass gegen den Westen - und insbesondere gegen Amerika. Arid U., der die Schule abgebrochen hatte und als Aushilfe im Postverteilungszentrum am Flughafen arbeitete, wusste genau, in welchem Teil des Flughafens die Angehörigen der amerikanischen Armee eintrafen. Er hatte es vorher beobachtet.

          Bei der Gepäckausgabe entdeckte Arid U. eine Gruppe der Luftstreitkräfte und folgte ihr bis zu einem Militärbus vor dem Terminal. Er fragte einen Soldaten nach einer Zigarette. Er erfuhr, dass der Soldat und seine Kameraden in Afghanistan eingesetzt werden sollten. Mehr wollte er nicht wissen. U. lud seine Waffe und schoss einem Soldaten, der in den Bus einsteigen wollte, in den Hinterkopf. Dann schoss er auf den Fahrer und tötete ihn. Mit dem Ruf „Allahu Akbar“ - „Gott ist groß“ - feuerte er auf zwei weitere Soldaten. Er verletzte sie schwer. Dann verhakte sich eine Kugel im Lauf der Pistole. Ladehemmung. Arid U. floh, einer der Soldaten verfolgte ihn. Im Flughafenterminal nahm ihn die Bundespolizei fest. Es war der erste islamistische Anschlag mit Todesopfern in Deutschland.

          Zeichen der Trauer am Ort des Anschlags

          Was dem blassen U. am Freitag bei der Urteilsverkündung durch den Kopf geht, bleibt ebenso ungewiss wie während des ganzen fast sechsmonatigen Prozesses vor dem Frankfurter Oberlandesgericht. Nur zu Beginn, als er ein vorbereitetes Geständnis ablas, zeigte er kurz Gefühle. Er kämpfte mit den Tränen, als er berichtete, wie er immer stärker in den Sog islamistischer Propaganda geraten sei. Aus Sicht des Gerichts handelte Arid U. am 2. März 2011 kaltblütig und zielgerichtet. Es verurteilt ihn daher wegen heimtückischen Mordes aus niedrigen Beweggründen, dreifachen Mordversuches und schwerer Körperverletzung zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Das Urteil entsprach im Wesentlichen dem Antrag der Bundesanwaltschaft.

          Der Vorsitzende des Staatsschutzsenats, Thomas Sagebiel, sagt zu Beginn der Urteilsbegründung, es gebe am Ende dieses Prozesses keinen Zweifel an der Schuld von Arid U. Es gebe aber auch keine Hinweise darauf, dass der damals 21 Jahre alte U. in Verbindung mit Organisationen wie Al Qaida gestanden und damit einer terroristischen Gruppierung angehört habe. Er habe sich offenbar tatsächlich über das Internet „radikalisiert“ und sei ein Einzeltäter.

          U. hatte sich in den Monaten vor dem Anschlag immer stärker zurückgezogen und seine Zeit mit Killerspielen am Computer verbracht. Das Bundeskriminalamt konnte nachweisen, dass der Gelegenheitsarbeiter häufig Seiten mit islamistischen Inhalt aufgerufen hatte. Er geriert sich in virtuellen Netzwerken als „Kämpfer“ für den Dschihad. Im Prozess aber sagte er dann, seine Tat sei kein Beitrag zum „Heiligen Krieg“.

          Der aus dem Kosovo stammende Angeklagte hatte zu Beginn des Prozesses im August die Tat gestanden. Er versuchte sie damit zu erklären, dass er „weitere Verbrechen“ der amerikanische Soldaten in Afghanistan habe verhindern wollen. Er hatte nach eigener Darstellung am Vorabend im Internet ein Video betrachtet, das vermeintlich zeigte, wie Amerikaner dort ein junges Mädchen vergewaltigten. Es war ein Irrtum. Tatsächlich war das Video eine Sequenz aus einem Kinofilm, den eine dschihadistische Gruppe für ihre Propaganda adaptiert hatte. U. hatte gesagt, er habe die Frauen in Afghanistan vor weiteren Vergewaltigungen schützen wollen. Also fuhr er an diesem Mittwoch mit dem Bus zum Flughafen.

          „Aus irrationalen Gefühlen Amok gelaufen“

          Die Verteidigerin hatte in ihrem Plädoyer ein Bild ihres Mandanten gezeichnet, das ihn weniger als religiös oder politisch motivierten Täter zeigte, sondern als einen jungen Menschen, der aus irrationalen Gefühlen Amok gelaufen sei. Die besondere Schwere der Schuld solle deshalb nicht festgestellt werden. Das Gerichte mochte dieser Darstellung nicht folgen. Nach einer sehr ausführlichen Beweisaufnahme, während der auch einer der damals schwerverletzten Soldaten aussagte, war das Gericht davon überzeugt, Arid U. habe an jenem Mittwoch möglichst viele amerikanische Soldaten töten wollen.

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