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Berlins Flughafendebakel : Baustelle Deutschland

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Klaus Wowereit am Ort seiner Schmach Bild: dpa

Das Dilemma des Berliner Flughafens ist nur eines von vielen der gesamten Republik. Bei kommunalen Großbauten gehen Verantwortungslosigkeit und Gewinnsucht oft Hand in Hand.

          „Niemand hat die Absicht, einen Flughafen zu errichten.“ Seit Monaten verkauft sich eine Postkarte mit dieser höhnischen Abwandlung der Ulbricht-Lüge in Berlin bestens. Gerade ist zum fünften Mal und auf unbestimmte Zeit die Eröffnung des neuen Berliner Flughafens verschoben worden. Schuldige sind ausgemacht, Köpfe sollen rollen. Bürgermeister Wowereit hat seinen mit dem Rücktritt als Aufsichtsratvorsitzender gerade noch aus der Schlinge gezogen, Flughafen-Chef Rainer Schwarz wird, Bauernopfer des Verkehrsministers Ramsauer, der von seiner Mitverantwortung ablenkt, den seinen hinhalten müssen.

          Doch selbst wenn Dutzende Köpfe fielen, würde das nichts an der Misere ändern. Für einen wachsen, wie bei der mythischen Hydra, mindestens zwei neue nach. Selbst manifestes Versagen wie bei Ex-Bahnchef Hartmut Mehdorn, der die Deutsche Bahn vom vorbildlich zuverlässigen Unternehmen zu einem privatwirtschaftlich orientierten Großbetrieb machte, an dem nur noch die Preiserhöhungen zuverlässig sind, um dann als Vorstand der Air Berlin deren Sturzflug nicht zu verhindern, was ihn nun zum Rücktritt veranlasst, verursacht bei den Verantwortlichen keinerlei Karriereknick.

          Das Dilemma des Berliner Großflughafens ist nur eines von vielen der gesamten Republik. Von Hamburgs Elbphilharmonie über Stuttgart 21 bis zu Frankfurts Terminal 3, von Leipzigs City-Tunnel über Dresdens Waldschlösschenbrücke bis zum (vergessenen) Debakel des Berliner Hauptbahnhofs herrschen Kostenexplosionen, Terminverzögerung, Pfusch am Bau, gewinnsüchtige Bauunternehmen und dilettantische Bauherren.

          Goldgrube kommunales Bauvorhaben

          Genauer betrachtet, wurzeln die aktuellen Katastrophen in einer alten Tradition. Seit je hielten Baukonzerne, aber auch Subunternehmer bis hin zu kleinen Handwerkern Bauprojekte der Kommunen, der Länder oder des Bunds für die Gans, die goldene Eier legt. Das reicht von den ersten Bundesbauten wie dem Frankfurter Bundesrechnungshof (1954), der nun wegen haarsträubend fehlerhafter Konstruktion, damals verschwiegener schadhafter Billigmaterialien und schlampiger Ausführung abgerissen werden muss, und endete 1992 keineswegs mit dem Bonner Bundestag, der seinerzeit sofort nach seiner Eröffnung wegen technischer Mängel geschlossen und nachgebessert werden musste.

          Wie jetzt Bosch und Siemens, zuständig für die nicht funktionierende Entrauchungsanlage, wuschen auch damals die betroffenen Unternehmen ihre Hände in Unschuld. Und wenn die Befürchtungen des momentanen Berliner Bauleiters Horst Amann, der von gravierenden generellen Bauschäden spricht, sich bewahrheiten sollten, werden, wie in Hamburg und Stuttgart, Baufirmen sich gleichfalls aus der Affäre zu ziehen wissen.

          Vom Verschwinden kompetenter Bauherren

          Dass die aktuellen Baukatastrophen die Ausmaße der früheren übersteigen, ist gewiss auch auf das undurchdringliche, von europäischen und deutschen Politikern in den letzten Jahren ersonnene Gestrüpp von Bauvorschriften und Auflagen zurückzuführen, das Großprojekte zu einem nahezu undurchführbaren Hindernislauf macht. Doch schlimmer noch ist das Verschwinden kompetenter Bauherren. Dahin sind die Zeiten, dass ein Bundeskanzler wie Ludwig Erhard den Mut und den Geschmack hatte, sich von einem Sep Ruf einen avantgardistischen gläsernen Kanzlerbungalow errichten zu lassen.

          In unseren Tagen setzte Niedersachsens Ministerpräsident seine Reputation und das Ansehen der Politik für den Kauf einer unsäglich biederen Klinkerfamilienschachtel aufs Spiel, rechtfertigte der baden-württembergische den Teilabriss des grandiosen denkmalgeschützten Stuttgarter Hauptbahnhofs, das Fällen uralten Baumbestands und das schwindelerregende Ansteigen der Baukosten mit dem aberwitzigen Hinweis auf zwanzig Minuten Zeitersparnis zwischen Stuttgart und Ulm und hielt 2008, starrsinnig wie ein pubertierender Bub, Sachsens damaliger Landesvater in Dresden am Bau einer Brücke fest, die die Stadt den Welterbestatus kostete und mit Sicherheit etliche Millionen mehr als die ursprünglich veranschlagten kosten wird.

          Verantwortungslosigkeit und Eigensucht

          Auf Seiten der Politiker und (Bau-)Behörden sind Engstirnigkeit, Nachlässigkeit und Kurzsichtigkeit, dazu Rechthaberei und technikgläubige Gigantomanie Kern dieser sich häufenden Fehlschläge, so wie seitens der Bauausführenden Gewinnsucht, Täuschungsmanöver und Selbstüberschätzung überhandgenommen haben. Diesem von Tatsachen geschaffenen, von den Beteiligten aber hartnäckig geleugneten Bankrott stehen die Megaprojekte beispielsweise in China oder den Golfstaaten entgegen, die derlei Fehlschläge nicht kennen. Vertuschen dort autoritäre Staatsführer Misserfolge? Halten sie und ihre Bauleiter die - zunehmend auch aus Deutschland importierten - Bauunternehmen, Ingenieure und Architekten enger an der Kandare als hierzulande? Oder arbeiten unsere Baufachleute außerhalb Europas williger und besser, weil sie nicht im Würgegriff von tausenderlei Bauverordnungen stecken?

          Von all dem mag etwas zutreffen. Die Schlüsselworte aber für das hiesige Bauchaos lauten Selbstüberschätzung, Verantwortungslosigkeit und Eigensucht. An ihnen droht nicht nur Berlins Großflughafen zu scheitern.

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