http://www.faz.net/-gpf-8cbv1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Aktualisiert: 13.01.2016, 21:30 Uhr

Flüchtlinge sprechen über Köln „Es war wie auf dem Viehmarkt“

Sie kamen aus unterschiedlichen Richtungen und unterschiedlichen Ländern. Dann wurden sie Teil der schockierenden Ereignisse in Köln. Auf FAZ.NET erzählen vier Flüchtlinge von der Silvesternacht, die Deutschland polarisiert.

von , Köln
© F.A.Z. Köln: Wie ein Flüchtling die Silvesternacht erlebt hat

Als Asad Noori noch mit seinem Bruder in einer Flüchtlingsunterkunft in Bocholt lebte, schauten sie sich manchmal Bilder der Stadt Köln an. Da wussten sie schon, dass sie kurz darauf an den Rhein verlegt werden sollten. Bei Google tippten sie „Köln“ ein, sahen die große Kirche, den großen Fluss, die große Brücke und den großen Bahnhof. Der Bahnhof war auch der Ort, den sie als erstes von der Stadt zu sehen bekamen. Von dort aus fuhren sie zu ihrer neuen Notunterkunft in den Kölner Norden, 20 Minuten mit der Straßenbahn und dann noch ein Stück zu Fuß. Dort leben sie nun mit 200 weiteren Flüchtlingen in der Turnhalle einer Gesamtschule. Andere, die schon länger dort waren, schwärmten von Silvester. Wieder suchte Noori im Internet: „Köln, Silvester“. „Das Feuerwerk über der Kirche war einfach wunderschön.“ Die beiden jungen Männer, die in Afghanistan geboren und aus dem Iran geflohen sind, beschlossen: Das müssen wir auch sehen, wenn wir schon in Deutschland, in Köln sind.

Timo Steppat Folgen:

Um 20 Uhr stiegen sie am Silvestertag in die Straßenbahn. Überall knallte und donnerte es um sie herum. Als sie am Hauptbahnhof ankamen, war es sehr voll. „Viel voller als sonst“, sagt Noori. Sie fahren oft in das Stadtzentrum, um mal rauszukommen aus der Turnhalle, vor allem aber, um einen Zugang ins Internet zu haben. Den gibt es in ihrer Flüchtlingsunterkunft nicht. „Die Stimmung war gereizt, ein paar Männer hatten Flaschen in der Hand“, sagt Noori. Es waren vor allem Syrer und Marokkaner. Auch mit etwas Distanz erkenne er das, dass es viele Menschen aus Ländern gewesen seien, mit denen er in Unterkünften gelebt habe. Er erkannte Wortfetzen, lautes Gepöbel. „Die waren schon total durchgedreht, nicht auf eine feiernde Art. Einfach nur gefährlich“, sagt Noori. Auf dem Bahnhofsvorplatz standen er, sein Bruder und zwei Freunde erst einmal herum. „Wir waren ja eigentlich viel zu früh“, sagt er. Alkohol hatten sie keinen getrunken, sagen sie.

- © AFP Vergrößern Die Flüchtlinge freuten sich auf ihr erstes Silvester in Köln, auf das Feuerwerk am Dom.

„Es war wie auf dem Viehmarkt“

Nachdem sie durch die Stadt gelaufen waren, standen sie etwas später, so um halb zehn Uhr, vor dem Kölner Dom, den Blick auf den Hauptbahnhof gerichtet. Mit dem Handy filmten sie, wie Raketen gezündet wurden. Nicht in den Himmel wurden sie geschossen, sondern auf den Dom und auf die Menschen. Einem aus ihrer Gruppe flog ein Böller zwischen die Füße. „Wieso darf in Deutschland jeder Feuerwerk kaufen und selbst zünden?“, fragt Noori nun. Selbst in Afghanistan sei das verboten und da herrsche Krieg. „Ich habe mich gefragt, wo die Polizei ist. Warum keiner etwas unternimmt“, sagt Shafi, sein Bruder. Die Stimmung kochte immer mehr, es wurde wilder, brutaler.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Polnische Ängste Wie die Medien der Nachbarn auf Deutschland schauen

Blickt man aus dem Ausland auf Deutschland, bestimmen in diesen Tagen Polizeiwagen das Bild. Polnische Medien finden das beängstigend – und suchen nach Ursachen. Mehr Von Gerhard Gnauck, Warschau

28.07.2016, 16:45 Uhr | Feuilleton
Afghanische Sportlerinnen Trikot statt Burka

Eine Seitenstrasse in Kabul: Junge Frauen machen sich auf den Weg zum Training. Ein ungewohntes Bild in der afghanischen Hauptstadt. Und das obwohl sie alle Mitglieder der afghanischen Damen-Radsport-Nationalmannschaft sind. Mehr

30.07.2016, 10:21 Uhr | Sport
Pro-Erdogan-Demo 30.000 Erdogan-Anhänger in Köln erwartet

Am Sonntag wollen tausende Anhänger des türkischen Präsidenten Erdogan in Köln demonstrieren. Die Polizei befürchtet, dass die Massen aufgepeitscht werden könnten – und kündigt ein hartes Durchgreifen an. Mehr

29.07.2016, 20:07 Uhr | Politik
Berlin Merkel sagt islamistischem Terror den Kampf an

Nach den jüngsten Gewalttaten in Deutschland hat Bundeskanzlerin Angela Merkel ein entschiedenes Vorgehen des Staates gegen islamistische Extremisten angekündigt. Bei ihrer Sommer-Pressekonferenz in Berlin stellte sie am Donnerstag einen Neun-Punkte-Plan vor. Mehr

29.07.2016, 23:00 Uhr | Politik
Abwanderung Schöne Öde

Wenn junge Menschen in die Städte ziehen, bleiben leere Häuser und vereinsamte Dörfer zurück. Von Kommunalpolitikern wird erwartet, dass sie den Trend umkehren. Nur wie? Mehr Von Anna Reuß, Hofheim

30.07.2016, 11:09 Uhr | Politik

Söder persönlich

Von Klaus-Dieter Frankenberger

Die Kanzlerin bekräftigt „Wir schaffen das“ und die CSU bleibt leise? Nein, denn jetzt hat sich Markus Söder zu Wort gemeldet. Fragt sich nur, was er denn von der Kanzlerin erwartet hatte. Mehr 54 41