Manchmal kann Körperfülle auch von Vorteil sein. Sicher: Ein physisches Schwergewicht ist noch kein politisches. Aber wer ein paar Kilo zu viel auf die Waage bringt, läuft nicht ganz so schnell Gefahr, für leichtgewichtig zu gelten. Als „Jüngelchen“ oder „Knaben“ - wie manche die „Boygroup“ an der Spitze der FDP titulieren - wird man den neuen Generalsekretär Patrick Döring jedenfalls nicht bezeichnen. Dabei ist er gar nicht älter als der Parteivorsitzende Philipp Rösler, dem es nach mehr als einem halben Jahr im Amt noch immer nicht gelungen ist, als wirklich ernsthafter Politiker zu gelten. Genaugenommen ist Döring ebenfalls 38 und sogar dreieinhalb Monate jünger als Rösler.
In der Hannoveraner Politik schlugen die Altersgenossen zur selben Zeit auf. Döring erinnert sich noch an seine erste Begegnung mit Rösler, 1992 in der Studentenkneipe „Curiosum“. Auf einer Sitzung des Kreisverbands der Jungen Liberalen machte sein bester Freund ihn mit Rösler bekannt, der damals gerade in die Partei eintrat. Döring war zum Studium aus dem heimischen Stade nach Hannover gekommen, wo er seit einiger Zeit bei den Liberalen engagiert war. Überhaupt hatte er zunächst die Nase vorn, war schon im Landesvorstand der Julis, als Rösler Kreisvorsitzender in Hannover wurde, und schon im Bundesvorstand, als Rösler den Landesvorsitz übernahm. Aber während Rösler die Ämter an der Spitze eroberte, stand Döring stets in der zweiten Reihe. Er gehörte zur Mannschaft.
Der Chinese und der Dicke
Die beiden arbeiteten von Anfang an gut zusammen, machten gemeinsam Kommunalwahlkampf, ein bekanntes Paar: „Der Chinese und der Dicke von der FDP“ - so nannte man die zwei. Das war Mitte der neunziger Jahre. Etwa um diese Zeit machten die niedersächsischen Julis einmal einen Ausflug zum Transrapid ins Emsland. Und da, auf der Teststrecke des Hochgeschwindigkeitszuges, gerieten die beiden ins Träumen, teilten die liberale Welt unter sich auf, obwohl es die damals, als die FDP so darniederlag wie heute, eigentlich gar nicht gab. Philipp, so beschlossen sie, sollte in den Landtag und Patrick in den Bundestag.
Einmal bewarb sich Döring doch für ein Amt an der Spitze, 1999 um den Bundesvorsitz der Julis. Zwei Jahre zuvor war er bei den Jungen Liberalen ausgeschieden, um sein wirtschaftswissenschaftliches Studium zu beenden und eine berufliche Existenz aufzubauen: in der Versicherungswirtschaft. Aber dann kamen, als es um den Vorsitz ging, Freunde auf ihn zu. Er sollte als Kandidat des bürgerlichen Flügels gegen den heutigen Gesundheitsminister Daniel Bahr antreten, der für den linken Flügel kandidierte. Es hat ihn schon gewurmt, dass er unterlag, wenn auch nur knapp. Der Juli-Vorsitz dürfe nicht nur Sprungbrett in die Berufspolitik sein, hatte Bahr in seiner Bewerbungsrede gesagt - und war dann vier Jahre früher als Döring im Bundestag in Berlin. „Ich sah vielleicht damals schon zu gesetzt aus“, sagt Döring heute. „Physiognomisch wirkt Daniel flotter.“ So etwas erzählt Döring mit dem jovialen Humor dessen, der die eigenen Schwächen kennt, der vielleicht nicht schmerzfrei ist, aber mit ihnen zu leben gelernt hat.
Aus bodenständigen Verhältnissen
Döring war schon als Schüler politisch aktiv geworden. Politisches Bewusstsein entwickelte er während der Wende 1989/90 im Sozialkundeunterricht. Als er im „Stader Tageblatt“ las, dass die Parteien Schwierigkeiten hätten, Kandidaten für die Kommunalwahl zu finden, war er empört: Im Osten waren die Menschen für die Demokratie auf die Straße gegangen, und hier wollte sich niemand engagieren. Er schaute sich bei der CDU um, aber da saßen „eine Masse grauer Leute“. Die bei der FDP saßen, kannte er: den Bäcker, den Zahnarzt. Er blieb. Seine Eltern arbeiteten beide als leitende Angestellte in Geschäften in Stade, eine reale, bodenständige Welt.
2001 wurden Döring und Rösler beide zum ersten Mal in kommunalpolitische Ämter gewählt. Aber dann bekam Döring 2002 keinen Listenplatz und verfehlte den Einzug in den Bundestag. Er wurde Fraktionsvorsitzender im Stadtrat von Hannover und stieg hauptamtlich in den Vorstand zweier Versicherungen auf. Da war Rösler schon Generalsekretär der Landes-FDP, Hoffnungs- und Sympathieträger, erklärtes Ziehkind des Vorsitzenden Walter Hirche. Und als Döring 2005 in den Bundestag einzog, saß Rösler bereits als Beisitzer im Präsidium der FDP. Und dann war Rösler plötzlich auch in der Bundespolitik, wurde Minister, Parteivorsitzender, Vizekanzler. Döring machte unterdessen als einfacher Abgeordneter Verkehrspolitik. Er war als Generalsekretär im Gespräch, aber dann entschied sich Guido Westerwelle doch für Christian Lindner.
Kein Überflieger, kein Blender
Schick, smart, rhetorisch brillant und einwandfrei medientauglich, all das war Lindner. Dörings Stärken sind das nicht. Er ist kein Überflieger und kein Blender, sondern einer, der beharrlich arbeitet. Einen „leidenschaftlichen Politik-Handwerker“ nennt er sich selbst. Die Inszenierung der drei jungen Überflieger als „Boygroup“ erschien ihm nie klug. Er versuchte nicht, dazuzugehören, er wurde auch nie gefragt. Aber als Lindner vor zehn Tagen das Handtuch warf, fiel sofort wieder der Name Döring. Auch in den Wochen zuvor hatte man seinen Namen gehört, wenn es darum ging, wer überhaupt noch Zugang zum Parteivorsitzenden hatte, der sich immer mehr mit den wenigen Vertrauten aus der alten Zeit in Hannover abkapselte. Man pflege ein „vertrauensvolles politisch-persönliches Verhältnis“, sagt Döring, aber keine klassische Männerfreundschaft, wo man sich alles erzählt.
Döring erreichte die Nachricht vom Rücktritt Lindners in einer Aufsichtsratssitzung der Bahn. Die desolate Lage der Partei, die Ungewissheit wenige Tage vor dem Ende des Mitgliederentscheids, der über das Schicksal Röslers entscheiden würde - das schreckte Döring nicht. Trotzdem gab es ein Hindernis: Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Fahrerflucht, weil Döring einem parkenden Auto den Außenspiegel abgefahren hat. In einer Telefonkonferenz des Bundesvorstands brachte Döring das Thema auf, der sprach ihm trotzdem das Vertrauen aus.
„Partei nicht neu erfinden“
Döring absolvierte seine ersten Auftritte als designierter Generalsekretär kämpferisch und mit offensichtlicher Lust an dem Himmelfahrtskommando, dem er angehören darf. Fast unverhohlen war die Kritik an seinem Vorgänger: Er werde die Parteizentrale „wieder kampagnenfähig machen“, kündigte Döring an. Und die Arbeit an einem neuen Grundsatzprogramm der Partei, die er von Lindner geerbt hat, will er pragmatischer gestalten. „Wir können die Partei in dieser Lage nicht neu erfinden.“ Döring soll auf dem Parteitag Ende April gewählt werden, kaum zwei Wochen vor der Landtagswahl in Schleswig-Holstein Anfang Mai, die zur Schicksalsfrage für Rösler werden kann. Und für seinen Generalsekretär.
Geboren wurde Döring übrigens in Himmelpforten, das zum Landkreis Stade gehört. Warum das interessant ist? Weil das Örtchen ein besonderes Dorf ist, vor allem zu dieser Jahreszeit. Denn zu Weihnachten ist Himmelpforten das Christkinddorf. Kinder aus ganz Deutschland schicken ihre Wunschbriefe dorthin. Aus Himmelpforten kommt eben nicht nur Döring, sondern auch der Weihnachtsmann.
Kein Sozialliberaler
Ralf Kowollik (InterNETkobold)
- 26.12.2011, 17:34 Uhr
Die FDP hat fertig
Kay Schmelzer (weitererfazleser)
- 26.12.2011, 11:48 Uhr