10.05.2005 · Die Familienpolitik müsse stärker die Bedingungen des Aufwachsens und die Bildung beachten, meint der Berliner Soziologe Bertram, der in seiner neuen Studie Demographie-Thesen widerspricht und einen Ausblick auf den Familienbericht gibt.
Von Rüdiger SoldtDie jungen Deutschen machen es sich zu lange im „Hotel Mama“ bequem. Sie werden zu spät ökonomisch selbständig, lassen sich auch als Studenten die Wäsche von der Mutter waschen und nehmen sich nach dem Wochenendbesuch gern eine Portion Gulasch mit. Die Groß- oder, genauer, die Mehrkinderfamilie ist verschwunden. In Gesellschaften, in denen immer mehr Frauen vollerwerbstätig sind, geht die Fertilitätsrate zurück.
Und: Die langen Ausbildungszeiten, die Tatsache, daß fast 40 Prozent eines Altersjahrganges ihre ökonomische Selbständigkeit erst nach dem 28. Lebensjahr erlangen, führt im Lebensverlauf junger Erwachsener zur sogenannten „Rushhour“: Ihnen bleibt weniger Zeit, zur Etablierung einer Partnerschaft und zur Gründung einer Familie. So lauten, zusammengefaßt, die wichtigsten Erkenntnisse der neuen Studie „Nachhaltige Familienpolitik“ des Berliner Soziologen Hans Bertram (zusammen mit Wiebke Rösler und Nancy Ehlert).
Durchschnittliches Alter bei erstem Kind steigt weiter
Die Studie ist zwar im Auftrag des Familienministeriums erstellt, gleichwohl relativiert sie die Annahme, einzig ein Ausbau der Betreuungsangebote könne die Deutschen wieder dazu bringen, mehr Kindern das Leben zu schenken. 1975 wuchsen von den 20 Millionen Kindern unter 18 Jahren fast drei Millionen mit drei Geschwistern auf; 1989 teilten sich von 17 Millionen Kindern nur noch knapp eine Million Kinder das Spielzeug mit drei Geschwistern.
Deshalb ist es aus Bertrams Sicht nicht ausreichend, die staatlichen Anreize darauf zu konzentrieren, die Geburt des ersten Kindes zu fördern. Die Frauen in Deutschland müßten früher ihr erstes Kind bekommen. Noch steigt das durchschnittliche Alter, mit dem Frauen ihr erstes Kind zur Welt bringen (2001: 29,7 Jahre; 2003: 29,9 Jahre). Es müssen also mehr dritte und vierte Kinder geboren werden, damit sich an der Fertilitätsrate von 1,3 etwas ändert.
Nachteile in der beruflichen Lebensplanung?
Der Soziologe Bertram stellt auch die gängige Auffassung, für ein Elternpaar ließen sich mehrere Kinder sowie ein uneingeschränkter beruflicher Aufstieg der Mutter und des Vaters vereinbaren, in Frage: „Die Entscheidung für ein Kind mit der Bereitschaft, für dieses Kind zu sorgen, vermindert die Zeit für das berufliche Engagement. Für solche Positionen hilft eine Politik, die auf eine geschlechtsneutrale familiäre Rollenteilung abzielt, recht wenig, da hier in der Regel beide Partner in einer ähnlichen Situation sind“, schreibt Bertram.
Erst wenn Paare das Gefühl hätten, Kinder würden keine Nachteile in der beruflichen Lebensplanung mit sich bringen, würde die Entscheidung für Kinder getroffen. Ein Argument, das in Zeiten des härter werdenden ökonomischen Wettbewerbs, an Gewicht gewinnen dürfte und auch im Widerspruch zu einer Politik steht, die in der Ermöglichung der Vollerwerbstätigkeit für Mütter ein primäres Ziel sieht.
„Policy mix“
Bertram fordert den Staat dennoch zum Handeln auf: „Da der Staat aber gerade bei den Hoch- und Höchstqualifizierten das Ausbildungsmonopol hat, ist er in diesem Fall besonders gefordert. Man muß nur mal die deutschen Universitäten daraufhin untersuchen, was sie für eine familienfreundliche Karriereplanung ihrer Nachwuchswissenschaftler tun.“
Staatlichen Handlungsbedarf sieht der Soziologe auch beim Problem der Nesthockerei junger deutscher Erwachsener: Es sei fragwürdig, wenn der Staat seine Unterstützungsleistungen bis zum 27. Lebensjahr nicht an die jungen Erwachsenen, sondern, um Geld zu sparen, an die Eltern zahle.
Auf Ausbildungszeiten an Schulen und Hochschulen sowie Erziehungszeiten habe der Staat Einfluß. Eine Änderung dieser „Zeitoptionen“ gehöre deshalb ebenso zu einem „policy mix“ für mehr Kinder wie die Verbesserung der Betreuungsangebote (Kindergärten/Tagesmütter) sowie der effektivere Einsatz von finanziellen Transferleistungen.
Weniger Kinder bei Vollerwerbsfähigkeit
Der Zusammenhang zwischen Frauenerwerbsquote und Kinderzahl wird in dem Gutachten wesentlich differenzierter dargestellt als bislang: Bertram weist darauf hin, daß die Frauenerwerbsquote in Frankreich auch deshalb höher ist, weil die Frauen dem Arbeitsmarkt früher zur Verfügung stehen, und weil sie zudem länger arbeiten. 73 Prozent der Frauen wünschten eine Erwerbstätigkeit, die in „Abhängigkeit vom Lebensalter des Kindes unterschiedliche Zeitmodelle“ ermögliche, schreibt Bertram.
„Legt man nur die Zahlen des Mikrozensus zu Grunde, würde ein Modell der Vollerwerbsfähigkeit und die Angleichung der weiblichen Erwerbsbiographie an die männlichen Erwerbsmuster in Deutschland unter den gegenwärtigen Bedingungen zu einem weiteren Rückgang der Kinderzahlen unter ein Kind pro Frau führen.“ Vollerwerbsfähigkeit führe in der Regel zu weniger Kindern.
Einkommensabhängiges Elterngeld
Bertram unterstützt das Vorhaben des Familienministeriums, ein einkommensabhängiges Elterngeld einzuführen. Familienpolitik müsse sich stärker an dem „adaptiven Typus“ von Frauen orientieren, wie er von der britischen Soziologin Catherine Hakim (London School of Economics) definiert worden sei. Gemeint sind Frauen, die einen Teilzeitarbeitsplatz bevorzugen und somit „das Beste aus beiden Welten“ wollen, also Kinder und Berufstätigkeit.
Nach der Familienerhebung des Deutschen Jugendinstitutes sind das etwa 65 Prozent der deutschen Frauen. „In dem kurzen Zeitraum von fünf Jahren zwischen 1995 und 2000 zeichnet sich deutlich ab, daß das Modell der Hausfrau tendenziell zurückgeht, nicht aber durch die Vollerwerbstätigkeit ersetzt oder ergänzt wird, sondern eher durch Teilzeittätigkeit.“
Bedingungen des Aufwachsens mitentscheidend
In zweierlei Hinsicht verstößt Bertram gegen traditionell sozialdemokratische Auffassungen: Zum einen empfiehlt er ein „einkommensabhängiges Elterngeld“, von dem Gutverdienende stark profitieren würden. Die Familienministerin will bis zum kommenden Frühjahr ein Eckpunktepapier für ein solches steuerfinanziertes Elterngeld vorlegen. Zum anderen stellt er die im familienpolitischen Denken der SPD tief verwurzelten Glaubenssatz, nach dem die Vollerwerbstätigkeitsquote der Frauen aus emanzipatorischen Grünen erhöht werden muß, in Frage.
Die Studie gibt auch einen Vorgeschmack auf das, was im siebten Familienbericht der Bundesregierung stehen wird, der Anfang Juli vorgelegt wird. Bertram gehört der Kommission an, die den Bericht erstellt. „Frühere Familienberichte haben stark die Institution Familie in den Mittelpunkt gestellt, wir konzentrieren uns nun stärker auf die Familienmitglieder, ohne die Familie in Frage zu stellen“, sagt Bertram.
Die Familienpolitik sei bislang zu sehr auf die Geburt fixiert, zu wenig auf die Bedingungen des Aufwachsens, die veränderten Lebensverläufe,die Bildung. Die Geburtenrate sei nicht die „einzige Stellschraube“. Im übrigen akzeptiert der Soziologe Bertram auch das rein ökonomische Argument nicht, daß das Land mehr Kinder brauche, weil sonst die gesetzliche Rentenversicherung kollabiere. Er sagt es ganz schlicht: „Gesellschaften ohne Kinder sind nicht zukunftsfähig.“