Home
http://www.faz.net/-gpg-74a7z
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Familienpolitik Kinder in Raten

Deutschland braucht mehr Nachwuchs - hieß es lange Zeit. Jetzt soll das plötzlich kein Ziel mehr sein. Die Geburtenrate ist zwar weiterhin niedrig, doch der Einfluss der Familienpolitik ist in Deutschland bislang nicht besonders groß.

© dapd Vergrößern Mehr als ein Kind pro Familie ist in Deutschland heute nur noch selten

Renate Schmidt kann sich immer noch aufregen. „Mir fehlt der Kompass“, wettert die ehemalige Familienministerin, wenn sie über die gegenwärtige Familienpolitik spricht. Klar, dass die Sozialdemokratin sich für das Betreuungsgeld nicht begeistern kann. Nicht zuletzt vermisst sie aber den Schwung, den sie selbst vor einem Jahrzehnt in die Familienpolitik brachte. Die demographische Entwicklung gab den Anstoß dazu. Mehr Kinder brauche das Land, verkündete die gestandene Mutter und Großmutter aus Bayern damals. Dafür brauche es die Dreifaltigkeit von Geld, Infrastruktur – also Betreuung – und Zeit. Die alte Konfrontation, in der die eine Volkspartei, die Union, nur auf Geld setzte, und die andere, die SPD, nur auf den Ausbau der Infrastruktur, löste Schmidt damit auf. Und sie holte sich landauf, landab Verbündete.

Markus Wehner Folgen:  

Deutschland braucht mehr Kinder – diese Losung fand die Wirtschaft, an Arbeitskräften und Konsumenten interessiert, richtig. Kirchen und Gewerkschaften reihten sich ein. Schmidt ging so weit, ein Tabu aufzubrechen: Sie werde eine „aktive Bevölkerungspolitik“ betreiben, verkündete sie im Sommer 2003, damit Deutschland nicht länger auf einem der letzten Plätze bei der Geburtenrate liege. Das war neu. Die Ausgangsbedingungen dafür waren allerdings schwierig. Die Deutschen wünschen sich ohnehin schon weniger Kinder als andere Völker. Doch wünschen sie sich nach Umfragen immer noch mehr, als tatsächlich geboren werden.

Mischung aus Geld, Betreuung und mehr Zeit

Daraus entstand die familienpolitische Logik: Wenn die Leute sagen, sie hätten gerne zwei Kinder, aber seit Jahren nur 1,4 bekommen, dann muss irgendetwas sie an der Erfüllung ihrer Wünsche hindern. Das ist allerdings ein zweifelhafter Ansatz: Nicht jeden Wunsch erfüllt man sich, wenn er im Konflikt mit anderen steht. Und Leute sagen oft eher das, was von ihnen erwartet wird, als das, was sie wirklich meinen.

Mit dem Hinweis auf die Kinderwünsche konnte Renate Schmidt jedoch eine Politik vertreten, die auf die Steigerung der Geburtenrate zielte, ohne sich den Vorwurf einzuhandeln, sie wolle Menschen zu Kindern überreden oder Kinderwünsche erzeugen. Die Mischung aus Geld, Betreuung und mehr Zeit, etwa durch Teilzeitangebote der Unternehmen, sollte dazu führen, dass die Deutschen das Glück des Lebens mit Kindern neu entdecken.

Mehr zum Thema

Frankreich und vor allem Schweden galten als Vorbilder. „Eine nachhaltige Familienpolitik zielt auf 1,7 Kinder – ein Ziel, das mittelfristig erreichbar ist“, schrieb Malte Ristau, Schmidts Abteilungsleiter für Familienpolitik im Frühjahr 2005. Eine Einschätzung, die aus heutiger Sicht allzu optimistisch scheint.

Schmidts Nachfolgerin Ursula von der Leyen setzte das Programm ihrer Vorgängerin mit der ihr eigenen Entschiedenheit fort, krempelte die Familienpolitik der Union völlig um. Auch die vielfache Mutter und Christdemokratin aus Hannover warb, etwa im Herbst 2006, für eine „bevölkerungsorientierte Familienpolitik“, die einen Beitrag dazu leisten solle, „den drohenden demographischen Bremseffekten auf Wachstum und Wohlstand entgegenzutreten“. Die Einführung des Elterngelds, schon von Renate Schmidt konzipiert, wurde von der Hoffnung begleitet, dass sich mit ihm die Geburtenrate steigern lasse. Diese Hoffnung ging aber nicht in den Gesetzestext ein.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Sticheleien in der Koalition Ein reizender Auftritt

Die SPD spottet über Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen. Die CDU ärgert Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel. In der Koalition ist die Atmosphäre vergiftet. Mehr Von Günter Bannas, Berlin

01.10.2014, 07:38 Uhr | Politik
Sorge um syrische Babys

Mehr als eine Million Flüchtlinge sind vor dem Bürgerkrieg in Syrien in den Libanon geflohen; die Hälfte von ihnen sind Kinder. Das Leben im Flüchtlingslager wie in dem in Arsal ist hart, vor allem für die jüngsten Bewohner. Babys kommen wegen der medizinischen Betreuung durch die Organisation Ärzte ohne Grenzen zwar weitgehend ohne Komplikationen zur Welt, doch ihre Zukunft ist ungewiss. Mehr

05.06.2014, 18:30 Uhr | Gesellschaft
Mängel bei der Bundeswehr SPD greift von der Leyen an

Führende Sozialdemokraten sprechen sich gegen eine Erhöhung des Wehretats aus. Stattdessen solle von der Leyen die Truppe besser managen. Für die Ressortchefin schlage die Stunde der Wahrheit. Mehr

29.09.2014, 04:13 Uhr | Politik
Deutschland zu Militärhilfe für Nordirak bereit

Außenminister Frank-Walter Steinmeier trat im Auswärtigen Amt vor die Presse und erklärte, dass Deutschland zur Militärhilfe für Nordirak bereit sei. Wie die Hilfe genau aussieht, wird mit den europäischen Nachbarländern abgestimmt. Mehr

20.08.2014, 15:42 Uhr | Politik
Fachkräftemanagel Je oller, je doller - je wertvoller?

Arbeitnehmer jenseits der fünfzig werden immer mehr und damit immer wichtiger. Doch alternde Belegschaften stellen neue Anforderungen. Sind die Unternehmen schon darauf vorbereitet? Mehr Von Inken Schönauer

29.09.2014, 05:00 Uhr | Beruf-Chance
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 10.11.2012, 21:59 Uhr