06.11.2003 · Steht Fulda, die Stadt des umstrittenen CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann, am äußersten rechten Rand? SPD und CDU stimmen überein: Fulda ist keine "braune" Kommune.
Von Claus Peter Müller, FuldaSteht Fulda am äußersten rechten Rand? Mit Sicherheit nicht, doch das tiefe Schweigen, das in Fulda, der Stadt, aber vor allem im Landkreis auf die Rede des direktgewählten Bundestagsabgeordneten Hohmann (CDU) folgte, könnte als Zustimmung verstanden werden. "Eine schweigende Mehrheit hat offenbar nichts daran auszusetzen", vermutet der Fraktionsvorsitzende der Grünen in der fuldischen Stadtverordnetenversammlung, Sporer. Die Schweigsamkeit, mit der Hohmanns Rede aufgenommen wurde, war aber über Wochen nicht auf die CDU beschränkt.
Am 3. Oktober, zum Tag der Deutschen Einheit, befaßte sich Hohmann in Neuhof, wo er über Jahre Bürgermeister war, mit einer angeblichen Verschränkung von Bolschewismus und Judentum, um gegen Ende seiner Rede im Konjunktiv zur Folgerung zu gelangen: "Daher könnte man Juden mit einiger Berechtigung als ,Tätervolk' bezeichnen. Das mag erschreckend klingen. Es würde aber der gleichen Logik folgen, mit der man Deutsche als Tätervolk bezeichnet." Die örtliche CDU plazierte die Rede auf ihrer Internetseite mit dem Hinweis, daß ihr "200/250 Leute" zugehört hätten, darunter auch ein Berichterstatter der Lokalzeitung und nach Presseberichten auch Sozialdemokraten. Doch niemand fand etwas an der Rede auszusetzen. Keine Empörung. "Das hat keiner gemerkt, oder die Presse dachte, das kann man nicht schreiben", sagt Sporer. Erst nach Wochen seien Juden aus Amerika zufällig auf die CDU-Seite im Internet gestoßen. Dann habe der Rundfunk die Rede aufgegriffen. Plötzlich war die Rede und Hohmann im Fernsehen, im Radio, in den Zeitungen.
Erinnerungen an 1993
Darüber erschraken die Fuldaer offenbar sehr. Es rief bei manchem, vor allem im Rathaus, die Erinnerung an jenen 14. August 1993 wach, als eine Gruppe von Neonazis von Osten kommend Kurs auf Fulda genommen hatte und dort aufmarschierte. Nicht die Polizei, aber der Hessische Rundfunk hatte damals rechtzeitig Position in Fulda bezogen und begehrtes Bildmaterial produziert. Das hessische Innenministerium hatte eindringliche Warnungen und Hilfsangebote aus Thüringen nicht wahrgenommen. Der Staatssekretär im hessischen Innenministerium mußte seinen Platz räumen, und Fulda kämpfte fortan mit dem Vorwurf, ein Nazi-Aufmarschplatz zu sein. Der damalige Oberbürgermeister Hamberger (CDU), der sich längst in den Dienst der Verständigung mit Juden gestellt hatte, die einst Fulda hatten verlassen müssen, setzte sich an die Spitze einer beeindruckenden Gegendemonstration.
Unmißverständliche Worte wie damals Hamberger sprach in Fulda gegen Hohmann bisher niemand aus. Zwar wurde Hohmann in Berlin als Fraktionsmitglied gerügt. Auch der CDU-Vorsitzende aus dem benachbarten Vogelsbergkreis erhob in der Fuldaer Zeitung Vorwürfe gegen Hohmann: "Er ist bekannt für solche Aktivitäten - leider." Im Main-Kinzig-Kreis hieß es aus der CDU, die Rede sei "unerträglich und unentschuldbar". Doch in Fulda schweigt der Landrat und CDU-Kreisvorsitzende Kramer. Das ist für den Vorsitzenden der SPD in Fulda, Lindner, das eigentliche Politikum.
„Verständliche Erregung“
Fuldas Oberbürgermeister Möller (CDU) würde gerne sprechen, denn er leidet daran, daß seine Stadt in ein falsches Klischee gefügt wird. Aber auch er ziert sich, will aus menschlichen Gründen Rücksicht auf Hohmann nehmen, der als Bundestagsabgeordneter und zuvor als Bürgermeister von Neuhof doch viel geleistet habe. Das dürfe in der "verständlichen Erregung" nicht vergessen werden. Nein, er wolle keinen Anlaß zu neuen Überschriften oder Mißverständnissen geben. Im Prinzip sei doch alles gesagt worden, von der Bundespartei und der Fraktion. Nach und nach wird Möller doch deutlicher: "Ich hoffe und erwarte, wie es auch der Kreisvorstand beschlossen hat, daß sich Hohmann nun anderen Themen zuwendet, daß die rückwärts gewandte Geschichtsaufarbeitung durch Hohmann abgeschlossen ist." Wenn der Abgeordnete die Signale der Fraktion beachte, werde die Zeit helfen, daß Hohmann wieder Vertrauen erarbeiten könne. Er sei wertkonservativ und denke in nationalen Kategorien, was erlaubt sein müsse. Die langen Passagen über das Judentum und den Bolschewismus in Hohmanns Rede jedoch, das läßt Möller schließlich erkennen, die mißfielen auch ihm.
Der ganzen Stadt aber jetzt "den braunen Stempel aufzudrücken", das wäre infam und ungerecht. Fulda könne nachweisen, keine "braune Stadt" zu sein. 1933 habe das Zentrum noch die absolute Mehrheit in der Stadtverordnetenversammlung gehabt, als andernorts die Nationalsozialisten das Sagen hatten. Klöster und Schulen seien Widerstandszonen des katholischen Volkes gegen den braunen Ungeist gewesen. Er selbst, sagt Möller, habe als Kommunalpolitiker eine geschichtliche Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus in der Region gefördert. Die Stadt stelle ein Museum für eine Ausstellung über die Konfiskation jüdischen Vermögens durch die deutschen Finanzämter zur Verfügung. Es gebe eine aktive Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit und eine ebenso aktive jüdische Gemeinde. Die Erinnerung an das Schicksal der Juden habe Tradition im Alltagsleben der Stadt.
„Konservativ, sehr konservativ, aber nicht braun“
Auch der Vorsitzende des SPD-Unterbezirks von Stadt und Landkreis, Peter Jennemann, stemmt sich gegen jedes Pauschalurteil: Die Fuldaer seien konservativ, vielleicht sogar sehr konservativ, aber sie seien nicht "braun". Jennemann beobachtet Entsetzen ob der Rede Hohmanns "in allen Reihen": "Die wenigen, die sagen, er habe fast Recht, sind in der Minderheit." Es gebe in Fulda eine starke aufgeklärte Szene bis weit in die CDU hinein, "der das zuwider ist". Aber die Anhänger und Angehörigen der CDU trauten sich nicht, ihre Kritik laut und unmißverständlich zu äußern, denn wer vorankommen wolle, der brauche die CDU.
Lindner und Sporer, die nicht aus Fulda stammen, aber gern dort leben, verteidigen ihre Stadt weniger entschieden als Möller und Jennemann. Zwei Drittel der Autoren, deren Leserbriefe in der Lokalzeitung veröffentlicht werden, stellen sich zu Hohmann. Der Grundtenor laute "er hat ja recht", folgert Sporer. Für Lindner ist Hohmann "kein Rechtsradikaler, aber ein Nationalkonservativer". Er habe in Neuhof wohl "das richtige oder falsche Publikum gehabt, je nachdem, wie man es nimmt". Er, Lindner, nehme immer wieder in der Öffentlichkeit die Meinung wahr, Hohmann sei einer, der die Wahrheit sage.
Claus Peter Müller Jahrgang 1960, politischer Korrespondent für Nordhessen und Thüringen mit Sitz in Kassel.
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