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Fall Böhmermann : Das Unflätige breitet sich aus

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Jan Böhmermann beim Vortrag des Schmähgedichts im „Neo Magazin Royale“ vom 31. März. Bild: Screenshot Böhmermanns beim Vortrag des Schmähgedichts auf Erdogan, ZDF Neo Royal vom 31.3.

Jan Böhmermanns Zoten sind kein Kunstwerk. Aber er steht in einer jahrzehntelangen Reihe der Degeneration der Sprache. Ein Gastbeitrag.

          Seiner Polemik gegen den türkischen Präsidenten Recep Erdogan schickte der Komiker Jan Böhmermann in seiner ZDF-Sendung „Neo Magazin Royale“ eine distanzierende Bemerkung voraus: „Was jetzt kommt, das darf man nicht machen.“ Und dann unterstellte er ihm in gereimter Form, dass er übel rieche, Mädchen schlage, geschlechtlich mit Ziegen verkehre, Kinderpornos schaue, eine „dumme Sau“ mit „Schrumpelklöten“ sei und zudem „schwul, pervers, verlaust und zoophil“, und dass er an Gangbangpartys teilnehme, „bis der Schwanz beim Pinkeln brennt“. Böhmermanns Annahme, er sei durch die vorangestellte Distanzierungsformel vor straf- und zivilrechtlichen Konsequenzen seiner beleidigenden Worte geschützt, zeugt von einer fast kindlichen Naivität. Wenn es so einfach wäre, könnte sich in ähnlich gelagerten Fällen jedermann auf diese Weise einen rechtsfreien Raum verschaffen.

          Gerhard Henschel war 1993 bis 1995 Mitglied der „Titanic“-Redaktion.

          Dem türkischen Präsidenten, der bereits auf milden Spott mimosenhaft empfindlich zu reagieren pflegt, hat Böhmermann leichtfertigerweise einen Trumpf in die Hand gespielt. Satirikern bietet Erdogan viele Angriffsflächen, doch es gab keinen Grund für einen Schlag unter die Gürtellinie. Das ZDF hat den Beitrag schamhaft aus der Mediathek entfernt, und während nun die Köpfe der involvierten Juristen und Politiker rauchen, mehren sich die Solidaritätsadressen aus Böhmermanns Kollegenkreisen.

          Oliver Welke von der „heute-show“ erkennt in dem Gedicht ein Experiment der Selbsterfahrung („Ich kann mir vorstellen, dass Böhmermann seine Grenzen ausloten wollte. Das ist legitim“), der Komiker Dieter Hallervorden singt, dass Erdogan ein Terrorist sei, „der auf freien Geist nur scheißt“, der Kabarettist Wolfgang Krebs teilt mit, er stehe „voll auf der Seite Böhmermanns“ („Lachen über Satire ist Katharsis, ein reinigender Prozess“), und auch Mathias Döpfner, der Vorstandsvorsitzende des Springer-Konzerns, hat in einem offenen Brief erklärt, dass er die Schmähkritik für „gelungen“ halte („Ein Kunstwerk. Wie jede große Satire.“). Er habe „laut gelacht“.

          „Verwende Anstößiges sparsam“

          Ob er das auch getan hätte, wenn er selbst das Ziel des Angriffs gewesen wäre? „Sein Gelöt stinkt schlimm nach Döner, / selbst ein Schweinefurz riecht schöner“ – es ist ein weitgefasster Kunstbegriff, mit dem Döpfner hier operiert, wenn er solchen Versen den Rang einer großen Satire zuspricht. Die Tendenz und das Bauprinzip gehen auf Reimgebilde zurück, die der Kindermund schon vor Jahrzehnten geprägt hat: „Harry Piel sitzt am Nil, / wäscht sein’ Stiel mit Persil.“ Der Schauspieler Harry Piel musste allerdings nicht damit rechnen, in einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt in dieser Form angegangen zu werden.

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