http://www.faz.net/-gpf-85m8a

Dschihadisten in Dinslaken : Mit dem Gestus der Salafisten

Nichts dabei gedacht: Ali D. und der junge Mann mit erhobenem Zeigefinger Bild: Archiv

Muslimischen Verbänden fällt der Umgang mit salafistischer Propaganda schwer. Auch in Dinslaken. Der Beweis: Ein Foto eines Ditib-Mitgliedes mit einem jungen Mann in Dschihadisten-Pose.

          Es dauert nicht lange, bis es etwas lauter wird in dem kleinen Arbeitszimmer in der Moschee. Mehrere Vorstandsmitglieder sitzen hier zusammen, die Stimmung ist dem Thema entsprechend. Es geht um ein Bild, das in den Räumen der Gemeinde entstand. Da steht Ali D., ein wuchtiger und energischer Mann aus dem Vorstand, der sich ehrenamtlich der Jugendarbeit angenommen hat, mit einem jungen Mann. Sie lächeln vergnügt in die Kamera, einen Arm auf die Schulter des anderen gelegt - den anderen erhoben zu einem Handzeichen, das man eigentlich nicht hier vermuten würde, in einer Einrichtung der Ditib, dem deutschen Ableger des türkischen Religionsamtes, Ankara-treu, dem türkischen Staatsislam verpflichtet.

          Christoph  Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Denn es ist eine Geste, wie man sie vor allem in radikalen Kreisen unter jungen Salafisten findet - der ausgestreckte Zeigefinger mit der Botschaft: „ein Gott, ein Staat“. Der junge Mann auf dem Foto trägt ein weißes T-Shirt. „Es gibt keinen Gott außer Gott“, ist in arabischen Buchstaben auf die Brust gedruckt und das Siegel des islamischen Propheten Mohammed - in der Anmutung, wie man sie auf dem schwarzen Banner von islamistischen Terrororganisationen wie dem „Islamischen Staat“ (IS) oder Al Qaida findet.

          Über Dschihadismus spricht niemand gerne in Dinslaken, vor allem in Lohberg nicht, der alten Zechensiedlung, in der jetzt viele türkischstämmige Menschen leben. Etwa zwei Dutzend junge Männer sind 2013 aus Dinslaken in den Krieg nach Syrien gezogen, haben sich dem IS angeschlossen. Die meisten von ihnen stammten aus dem Viertel. Sie nannten sich „Lohberger Brigade“. Mindestens vier von ihnen kamen dort wohl um.

          F.A.Z. und „Report München“ : Tagesthemen-Beitrag über Salafisten in Dinlaken

          Die Dschihadisten waren schon ausgereist, das Problem bekannt, als das Foto entstand, das den Dinslakener Moschee-Vorstand in Verlegenheit bringt. Die Politik und die Verwaltung, auch die islamischen Würdenträger in der Stadt, hatten die islamistischen Umtriebe immer wieder kleingeredet. Viele Lohberger würden das Thema am liebsten totschweigen, haben genug von den Fragen und Presseberichten. Doch die Propaganda der radikalen Islamisten sendet weiter in der Stadt am östlichen Rand des Ruhrgebiets. Das dschihadistische Netzwerk sei immer noch in Dinslaken und anderen Städten der Region aktiv, sagt ein Terrorfahnder.

          Mindestens einer der jungen Männer, die aus Lohberg fortzogen, war in der Ditib aktiv gewesen, bevor er sich radikalisierte. Inzwischen verbreitet er Bilder von sich in Kampfmontur und fordert seine alten Freunde in Deutschland auf, seinem Beispiel zu folgen.

          Heimat Dutzender Dschihadisten: Das Dinslakener Viertel Lohberg
          Heimat Dutzender Dschihadisten: Das Dinslakener Viertel Lohberg : Bild: dpa

          In den Aussagen aus dem Dinslakener Ditib-Vorstand mischen sich Trotz, Wut, Resignation und Vorwürfe. Ob er denn seine Religion verleugnen solle, fragt etwa Ali D. Schließlich sei die Ein-Finger-Geste auch schlicht als religiöses Statement zu verstehen, das die Einheit und Einzigkeit Gottes (Tauhid) bekräftigen solle. Und an den Worten „Es gibt keinen Gott außer Gott“ sei doch wohl auch nichts Anrüchiges. Er habe die Salafisten aus dem Viertel immer bekämpft, sagt er empört. Sie seien auch des Gebetshauses verwiesen worden. Er kenne den Jungen auf dem Bild, der sei in Ordnung, der sei doch kein Extremist. Der habe sich nichts dabei gedacht. Außerdem, heißt es aus dem Gemeindevorstand weiter, seien die ehrenamtlichen Mitarbeiter mit dem Problem überfordert. Und wie oft müsse man sich eigentlich noch von den radikalen Islamisten distanzieren?

          Weitere Themen

          Erdöl-Metropole in Trümmern Video-Seite öffnen

          Baidschi : Erdöl-Metropole in Trümmern

          In der Industriestadt Baidschi stand einst die größte Erdöl-Raffinerie des Iraks, 180.000 Menschen lebten hier. Heute ist die Stadt zerstört, obwohl die IS-Dschihadisten Baidschi schon vor zwei Jahren aufgegeben haben.

          Trump und Bannon werfen sich in „Schlacht von Alabama“ Video-Seite öffnen

          Wahl um Senatssitz : Trump und Bannon werfen sich in „Schlacht von Alabama“

          Es ist eine Richtungsentscheidung: Im erzkonservativen Südstaat Alabama liefern sich der Demokrat Doug Jones und der Republikaner Roy Moore eine Schlammschlacht um einen frei werdenden Senatssitz. Präsident Trump unterstützt Moore, obwohl der frühere Richter minderjährige junge Frauen vor Jahrzehnten sexuell belästigt haben soll. Seine Anhänger ficht das nicht an.

          Topmeldungen

          Nicht nur Julia Klöckner lehnt ein Kooperationsmodell ab, auch andere führende Unionspolitiker haben für den Vorschlag wenig Begeisterung übrig.

          Kooperationsmodell : Union lehnt „KoKo“ ab

          Bei den Genossen wird der Vorstoß vom linken Parteiflügel intensiv diskutiert. Was der SPD wie eine echte Alternative scheint, stößt bei der Union jedoch auf wenig Begeisterung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.