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Veröffentlicht: 24.10.2011, 11:41 Uhr

F.A.S.-Film-Test Wenn Filme weh tun

Das Risiko besteht weiter: Wer seine Kinder Filme schauen lässt, auf denen „FSK 12“ steht, muss damit rechnen, dass sie brutale Gewalt sehen. Oder minutenlange Sexszenen.

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© Getty Images Manche Filme, auf denen „FSK 12“ steht, gefährden ihre Kinder

Ab zwölf? So fragten wir im vergangenen Oktober. Und gaben in 46 von hundert Fällen die Antwort: Diese Filme gefährden Ihre Kinder. In fast jedem zweiten Kinofilm mit FSK-12-Freigabe, den unsere Redakteure und Mitarbeiter auf DVD damals schauten, kamen Szenen mit expliziter Gewalt gegen Menschen vor. Oder mit gut sicht- und hörbarem Sex. Oder die Sprache des Films war obszön, womit nicht ein einzelnes „Fuck“ gemeint ist, sondern ein die Schamgrenzen verletzender Grundton. Die Filme hatten wir nach dem Zufallsprinzip ausgewählt, einziges Kriterium: Die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmindustrie (FSK) mit Sitz in Wiesbaden hatte sie für Kinder von zwölf Jahren an freigegeben.

Diese Filme tun weh © www.jupiterimages.com Bilderstrecke 

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Ein Jahr später fragen wir: Was hat sich seitdem getan? Um das herauszufinden, haben wir abermals Filme geschaut, sechzig diesmal, und zwar ausschließlich solche, die seit Oktober 2010, nach unserem Film-Test also, von der FSK die Altersfreigabe „ab zwölf“ erhalten haben und im Handel schon auf DVD verfügbar sind. Insgesamt sind seit damals knapp 200 Kino-Spielfilme von der FSK „ab 12“ freigegeben worden.

Nur noch, aber eben auch: immer noch

Das Ergebnis des neuen F.A.S.-Film-Tests: Die Gefahr, dass in einem Film „ab zwölf“ Inhalte stecken, die zwölf Jahre alte Kinder überfordern oder schockieren können, besteht weiter. Sie ist aber, immerhin, kleiner geworden: Jeder dritte der neuesten Filme kann Zwölfjährigen schaden. Nur noch, aber eben auch: immer noch. Wir wissen nicht, ob diese Verbesserung, so graduell sie auch sein mag, etwas mit unserer Berichterstattung zu tun hat. Fest steht: Das Thema bewegt. Die Leserbriefflut nach dem ersten Film-Test war immens, und auch Politiker meldeten sich zu Wort. „Wo FSK 12 draufsteht, muss auch FSK 12 drin sein“, sagte Familienministerin Kristina Schröder von der CDU. Immerhin ist die FSK diesem Ziel, legt man unseren neuen Test zugrunde, in zwei Dritteln aller Fälle gerecht geworden.

Die Inhalte des übrigen Drittels dokumentieren wir auf diesen Seiten. Wie es das Jugendschutzgesetz auch der Freiwilligen Selbstkontrolle vorgibt, haben wir die Filme nicht nach pädagogischen Kriterien bewertet, haben nicht gefragt: Wird dieser Film ein Kind irgendwie weiterbringen, hätte er ein Prädikat „Besonders wertvoll für Heranwachsende“ verdient? Sondern es geht uns einzig ums Gegenteil: Gefährdet dieser Film Kinder? Kann er bei Zwölfjährigen Albträume, Ekel, Hilflosigkeit auslösen?

Wir hätten auch fragen können: Was macht dieser Film mit Sechsjährigen? Denn seit April 2003 ermöglicht das Jugendschutzgesetz es Eltern, mit Kindern von sechs Jahren an in Filme ab zwölf zu gehen. „Parental guidance“ nennt sich das, elterliche Begleitung. Die FSK meint dazu: „Dieses Angebot an die Eltern zielt insbesondere auf die Ermöglichung eines Kinobesuchs mit der ganzen Familie.“ Die Eltern übernehmen in diesem Fall die „alleinige Verantwortung für den Kinobesuch“, wobei sich die Frage stellt, wer eigentlich die Verantwortung übernimmt, wenn ein zwölf Jahre altes Kind Schaden nimmt von, zum Beispiel, einem der Filme „ab zwölf“, deren Inhalt wir auf diesen Seiten dokumentieren.

Diese Filme gefährden Ihre Kinder F.A.S.-Film-Test 2010: Diese Filme gefährden Ihre Kinder © F.A.S. Interaktiv 

Elternverantwortung

Das Parental-Guidance-Angebot können Eltern verhältnismäßig einfach ignorieren. Schwieriger ist es, einem zwölf Jahre alten Kind zu erklären, warum es den Action-Film, den seine Klassenkameraden schon kennen, nicht sehen darf. Oder ein Kind nach der Übernachtungsparty bei Freunden, auf der eine DVD geguckt wurde, von Einschlafstörungen oder Weinkrämpfen zu befreien. Dabei stand doch „ab 12“ auf der Hülle, sogar noch, auch wenn das Zufall ist, in leuchtendem Grün!

Und wieso sollte es eigentlich in die Elternverantwortung fallen, einem Kind vor der Pubertät zu vermitteln, dass bestimmte Wörter obszön sind (und was „obszön“ überhaupt bedeutet), obwohl es in der Filmwirklichkeit doch ganz normal zu sein scheint, so zu reden? Solange Eltern sich nicht auf Altersfreigaben verlassen können, hilft alles nichts: Sie müssen sich den Film vorher selbst anschauen, um zu entscheiden, ob sie es verantworten können, dass ihre Kinder ihn sehen. Was aber nützt dann überhaupt noch eine solche Altersfreigabe?

Innerhalb der FSK wird viel diskutiert

Das System der FSK besteht seit 1948. Heute sind es etwa 250 Prüfer, eingesetzt von Staat, Filmindustrie, Kirchen und anderen gesellschaftlichen Gruppen, die im Jahr mehr als 4000 Kino- und Videofilme, Trailer und TV-Produktionen freigeben. Seit September 2011 kontrolliert die FSK auch Internetangebote. Die Selbstkontrolle von Filmen ist nur halb freiwillig: Wenn ein Produzent einen Film der FSK nicht vorlegt, erhält dieser keine Jugendfreigabe, ist also automatisch ab 18. Das hat nicht nur Folgen für die Kinokasse. Denn die FSK-Kennzeichen gelten auch fürs Fernsehen – und beeinflussen somit die Einschaltquote. Filme ab 18 dürfen erst nach 23 Uhr im Fernsehen laufen, Filme ab 16 nach 22 Uhr. Bei Filmen ab zwölf haben die Sender bei der Sendezeit „dem Wohl jüngerer Kinder Rechnung zu tragen“; faktisch laufen diese Filme in der Regel um 20.15 Uhr, manchmal auch früher.

Auch innerhalb der FSK wird viel diskutiert. Seit Jahren gibt es eine Debatte, ob eine Zwischenstufe „ab 14“ helfen könnte, aber die FSK-Führung hält an dem Sprung zwischen zwölf und 16 fest, weil die Kennzeichen „bekannt und gelernt“ seien. Viele Eltern, aber auch FSK-Prüfer halten eine Art Ampel-Regelung für sinnvoll, die Filme ergänzend zur FSK-Freigabe auf bestimmte Kriterien untersucht – also etwa Gewalt, Sex, Sprache. Eine klare politische Initiative dafür gibt es bisher nicht.

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Quelle: wahlrecht.de
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