http://www.faz.net/-gpf-7uzqj
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 14.10.2014, 17:00 Uhr

Sexualaufklärung in Schulen Unter dem Deckmantel der Vielfalt

Kinder sollen ihre „Lieblingsstellung“ zeigen, Puffs planen, Massagen üben. Die sexuelle Aufklärung missachtet Grenzen. Die Politik will es so. Kinderschützer schlagen Alarm.

von Antje Schmelcher
© Waldner, Amadeus Unterrichtsmaterialien zum Thema Empfängnisverhütung

Jungen dürfen in Nordrhein-Westfalen von der achten Klasse an den Führerschein machen. Nicht den für das Kraftfahrzeug, sondern einen anderen: Wer Theorie- und Praxistest besteht, bekommt den Kondomführerschein. Dazu gibt es ein Paket mit Silikon-Penis, Augenbinde, Stiften, Übungs- und Prüfungsbögen, Lösungsbogen und Kondomen.

Angeboten wird das Projekt von der Landesarbeitsgemeinschaft Jungenarbeit in Nordrhein-Westfalen, deren Mitarbeiter auch die Prüfungen abnehmen. Bezuschusst wird es vom Familienministerium in NRW. Das Ministerium spricht von „Bildungsmaterial“ und weist darauf hin, dass die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung das Projekt für Schulen empfiehlt. In zwei Landesverbänden von Pro Familia nehmen Mitarbeiter diese „Prüfung“ ebenfalls ab.

Schulen können das Projekt also buchen. Dann kommt ein Referent der Landesarbeitsgemeinschaft, bringt das „Bildungsmaterial“ mit und gibt eine fünfstündige Einführung. Politisch ist diese Form der Projektarbeit zur Aufklärung von Kindern und Jugendlichen erwünscht. Der überkommene Unterricht von „Sexualkunde“, angesiedelt im Fach Biologie, soll fächerübergreifend erweitert werden. Die Grünen hatten 2013 in Baden-Württemberg vorgeschlagen, das Thema „sexuelle Vielfalt“ weg vom naturwissenschaftlichen in den Ethik-, Sprachen- oder Sozialkundeunterricht zu verlagern.

Hat jemand an die Muslime gedacht?

Ähnlich klingen SPD und Grüne in Niedersachsen. Im März forderten die Fraktionen in einem Antrag, die „Kerncurriculae aller Klassenstufen“ so zu ergänzen, dass „die Lebenswirklichkeit von Menschen verschiedener sexueller Identitäten hinreichend Berücksichtigung und angemessene Behandlung findet“. Projektgruppen wie das Netzwerk SchLAu (SchwullesbischeBiTrans*Aufklärung), sollen mit Unterstützung des Landes Aufklärungsprojekte an Schulen durchführen, steht im Antrag.

Mehr zum Thema

Nun wird in einer schriftlichen Anhörung darüber gestritten, was „angemessen“ heißen soll. Die niedersächsische CDU wollte den Antrag so nicht mittragen und verwies auf Schulgesetz und Elternrecht, gerade in Fragen der Aufklärung. Auch vielen Eltern ging das zu weit, sie befürchten eine Übersexualisierung durch den Unterricht. Auf keinen Fall dürften Kinder diskriminiert werden, wenn sie sich sexuell anders entwickeln, sagt die Geschäftsführerin des Verbandes der Elternräte an den niedersächsischen Gymnasien, Petra Wiedenroth.

Der Verband spricht für 250.000 Eltern in Niedersachsen. Doch die würden nicht eingebunden, klagen die Elternräte. Auch mit ausländischen Eltern gebe es keinen Dialog: „Haben die mal gefragt, was wohl die muslimischen Verbände davon halten?“, fragt Frau Wiedenroth. Die Eltern sind vor allem deshalb irritiert, weil es keine Altersgrenzen mehr gibt. Nicht geregelt ist außerdem, wer die Projektgruppen im Unterricht kontrolliert, wenn der Lehrer nicht dabei ist.

Sexuelle Vielfalt in jedem Schulfach

Eines nämlich ist gleich geblieben am Aufklärungsunterricht. Der Lehrer soll am besten aus dem Raum gehen. Doch statt wie früher einfach eine Schallplatte abzuspielen, muss heute Schluss sein mit der Verklemmung. Freiberufliche Sexualpädagogen und Aufklärer sollen den Lehrer ersetzen, vom studentischen Projekt „Mit Sicherheit verliebt“ über „Jugend gegen Aids“ (Schulprojekt „Positive Schule“) bis zur ehrenamtlichen Aktivistengruppe SchLAu. Ziel ist die fächerübergreifende Darstellung der sexuellen Vielfalt.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Experten empfehlen Zu Fuß zur Schule statt mit dem Elterntaxi

Ungezählte Kinder werden mit dem Auto zur Schule gefahren - ein Fehler, wie der Verband Bildung und Erziehung meint. Schüler sollten möglichst zur Schule gehen. Mehr

25.08.2016, 17:29 Uhr | Rhein-Main
Soft Robotic Ein künstlicher Oktopus

Metall ist das Material von gestern: Octobot beweist, dass auch Roboter eine weiche Seite haben können. Mehr

26.08.2016, 13:08 Uhr | Wissen
Schulen in Hessen In Hessen so viele Lehrerstellen wie nie zuvor

Weil die Schülerzahl durch Flucht und Zuwanderung steigt, hat die Landesregierung 1100 neue Lehrerstellen geschaffen. Doch damit sind nicht alle Probleme gelöst. Mehr Von Matthias Trautsch, Wiesbaden

26.08.2016, 10:04 Uhr | Rhein-Main
Willkommenskultur In Portugal kommen zu wenige Flüchtlinge an

Anders als viele osteuropäische Staaten zeigt Portugal Solidarität in der Flüchtlingsfrage. Das Land will 10.500 Kriegsflüchtlinge aufnehmen und auch viele Portugiesen sind dafür aufgeschlossen. Bisher sind aber kaum Menschen gekommen. Mehr

25.08.2016, 18:11 Uhr | Politik
Gespräch mit Marina und Herfried Münkler Ein Traum für Deutschland

Hat die Flüchtlingsdebatte die Wirkung eines nationalen Jungbrunnens? Das Buch Die neuen Deutschen erzählt von einem Land, das seine besten Zeiten noch vor sich hat. Mehr Von Christian Geyer, Andreas Kilb und Regina Mönch

26.08.2016, 17:26 Uhr | Feuilleton

Ein verlorener Ruf

Von Berthold Kohler

Nichts belastet das Verhältnis Deutschlands zu den ostmitteleuropäischen Ländern stärker als die Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin. Mehr 543