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Evangelische Kirche Fusion ins Ungewisse

21.01.2012 ·  Die vielen Reformen der EKD sind als Versuch zu verstehen, die eigene Handlungsfähigkeit zu bewahren. Doch besteht die Gefahr, dass sich die evangelische Kirche aus ihrem Kerngeschäft herausreformiert.

Von Reinhard Bingener
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Die kirchliche Landschaft in Deutschland ist in Bewegung. Mit der Fusion der drei Landeskirchen Nordelbien, Mecklenburg und Pommern zur Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland wird die Zahl der Landeskirchen weiter sinken: Von Pfingsten an werden es nurmehr zwanzig sein.

Die EKD kommt damit ihrem 2006 formulierten Ziel näher, die Zahl der Landeskirchen bis zum Jahr 2030 auf acht bis zwölf zu verringern. Diese sollen dann jeweils mehr als eine Million Mitglieder haben und sich an den Grenzen der Bundesländer orientieren. Das Ja zur "Nordkirche" könnte dem Konzentrationsprozess auch andernorts Schwung geben.

„Vorbild für Synergien“

Nicht ohne Grund hat etwa der hannoversche Landesbischof den Zusammenschluss der drei Landeskirchen als "Vorbild für Synergien" gepriesen. Ein erster Anlauf zur Fusion der fünf Landeskirchen auf dem Gebiet Niedersachsens war vor drei Jahren noch am Widerstand in den Synoden gescheitert.

Auch künftig wird solches Drängen in den betroffenen Kirchenparlamenten auf Widerwillen stoßen. Denn eine Fusion bedeutet nicht nur das Ende der finanziellen und rechtlichen Eigenständigkeit. Auch das Profil der Frömmigkeit und die landsmannschaftliche Prägung würden nivelliert. Allein die vage Aussicht auf Effizienzsteigerung, die schnell zum Verlust von Bodenhaftung führen kann, ist kein hinreichender Grund für Zusammenschlüsse.

Die blanke Not

Im Fall der Nordkirche lagen die Dinge allerdings anders: Auf der westdeutschen Seite stand in der erst 1977 gegründeten Nordelbischen Kirche mit ihren zwei Millionen Mitgliedern ein konfliktbehaftetes und profilloses Gebilde. Auf der ostdeutschen Seite standen die traditionsreiche Mecklenburger Kirche mit weniger als zweihunderttausend Mitgliedern und die Pommersche Kirche, zu der weniger als hunderttausend evangelische Christen gehören.

Es sind weder die Freude an "Gemeinsamkeit" noch das gemeinsame Erbe der "Backsteingotik", die hier zur Fusion drängten - es war die blanke Not. Ohne dauerhafte Hilfe der finanzkräftigeren Westkirche Nordelbien hätte die Zukunft der Kirchen Mecklenburg und Pommern in den düstersten Farben gemalt werden müssen. Pensions- und gewaltige Baulasten hätten sie erdrückt.

Angesichts der Dynamik des religiösen Wandels ist die Fusion dreier Landeskirchen nur ein leichtes Kräuseln an der Oberfläche. Der demographische Wandel trifft die Kirchen mit Wucht und führt zusammen mit den Austritten dazu, dass sich das Kirchensteueraufkommen in den kommenden zwanzig Jahren um die Hälfte verringern und die Zahl der Mitglieder um ein Drittel sinken wird. Hinzu kommt die Ungewissheit über den rechtlichen Rahmen, den der Staat den Kirchen künftig vorgeben wird.

Die Reformen in der evangelischen Kirche sind deshalb als Versuch zu verstehen, die eigene Handlungsfähigkeit zu bewahren. Die Reformen führen nicht nur zu Zusammenschlüssen von Landeskirchen, sondern auch zu Verschiebungen im Gefüge der hierarchischen Ebenen. Einige dieser Veränderungen dürften langfristig bedeutsamer sein als Fusionen, auch wenn sie weniger öffentliche Aufmerksamkeit finden. Trotz manch gegenteiliger Beteuerung gilt für die zahlreichen Reformen in der Tendenz: Auf der Gewinnerseite stehen die EKD als Dachorganisation sowie die mittlere, die regionale Ebene. Verlierer bei den Reformen sind die konfessionellen Bünde der Lutheraner (VELKD) und der Unierten (UEK) sowie die Ortsgemeinden.

Bischöfe haben immer häufiger den Eindruck, dass in den Kirchengemeinden eine enge Binnenkultur gepflegt werde. Das trifft auch vielfach zu, doch sollten sich die Kirchenleitungen fragen, ob eine Stärkung von Dekanaten, Kirchenkreisen und Propsteien gegenüber den Gemeinden die geeignete Kur sind. Es besteht durchaus das Risiko, dass die Schwärmerei von der "Kirche in der Region" den Kirchen noch einmal schmerzhaft auf die Füße fällt. Denn als die Steuereinnahmen nach dem Krieg sprudelten und die Kirchen ihre "dagobertinische Epoche" erlebten, sind auf regionaler Ebene bereits eifrig Stellen geschaffen worden. Dass dadurch die Bindungskraft der Kirchen gestiegen sei, ist ein Mythos des kirchlichen Lebens. Eher das Gegenteil ist der Fall: Man dreht(e) sich nicht selten stärker um sich selbst als zuvor.

Die Kirchen stehen vor einer anspruchsvollen Aufgabe. Die Epoche der Volkskirchen ist noch nicht vorbei, neigt sich aber dem Ende zu. Die künftige Gestalt der Kirchen zeichnet sich noch nicht ab. Diese Ungewissheit führt bei einigen zu Agonie, bei anderen zu Aktionismus. Vielleicht ist es in dieser Situation sogar förderlich, sich ab und zu einzugestehen, dass man weniger Akteur dieses Wandels ist, sondern eher dessen Getriebener. Man könnte sich dann wieder frohgemuter den grundlegenden Aufgaben widmen: Mit Sorgfalt predigen, taufen, trauen, bestatten. Nur dabei wird die Saat gelegt, die nach zahllosen Fusionen, Strukturdebatten und Sparrunden in einer dann grundlegend veränderten kirchlichen Landschaft auch wieder aufgehen kann.

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Jahrgang 1979, Redakteur in der Politik.

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