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Aufnahmestopp für Ausländer : Die Essener Tafel und das Gleichgewicht

Schleichender Wettbewerb: Die Essener Tafel sieht alleinerziehende Mütter und ältere Nutzer im Nachteil. Bild: dpa

Der Vorstand der Essener Tafel kann die Kritik an dem Aufnahmestopp für Ausländer nicht nachvollziehen: Es gehe ihnen um Gerechtigkeit – und um „vernünftige Integration“.

          Jörg Sartor schüttelt den Kopf. Er könne „den ganzen Auflauf“ nicht fassen, sagt der Vorsitzende des Essener Tafel, als noch zwei weitere Kamerateams zu den anderen Teams in die Vereinsräume im ehemaligen Wasserturm an der Steeler Straße kommen. Der Verein „Tafel e.V.“ in Essen nimmt bis auf weiteres keine Ausländer mehr in seine Kartei auf. Neu ist die Entscheidung nicht. Auch deshalb ist Sartor so erstaunt. „Das haben wir in unserem Vorstand schon im Dezember einstimmig beschlossen und umgesetzt und auch auf unserer Internetseite veröffentlicht, aber damals schien das überhaupt keinen zu interessieren“, sagt Sartor. Erst durch einen Artikel in der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ wurde eine breitere Öffentlichkeit am Donnerstag auf die Sache aufmerksam. Seither stehen Sartor und sein Verein in der Kritik. Man dürfe Bedürftige nicht nach Nationalität einteilen, es gebe keine Armen erster oder zweiter Klasse, halten ihm Tafel-Kollegen aus anderen Städten vor. Der Paritätische Wohlfahrtsverband bezeichnet den Aufnahmestopp gar als „Wasser auf die Mühlen von Rechtspopulisten“.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Sartor kann das nicht verstehen. „Das ist doch alles Schlausprecherei“, sagt er. Bei vielen anderen der mehr als 900 Tafeln in Deutschland, die überschüssige Lebensmitteln sammeln und an registrierte Bedürftige verteilen, gebe es immer mal wieder generelle Aufnahmestopps. Auch in Essen sei das so. In manchen Städten sei es zudem üblich, Rentner oder Ausländern an verschiedenen Tagen zu bedienen. „Wo ist denn da bitte der Unterschied zu uns?“ Sartor und sein Vorstand hätten sich zu dem Schritt gezwungen gesehen, weil etwas aus dem Gleichgewicht geraten sei. All die Jahre habe der Ausländeranteil unter den Kunden der Essener Tafel um die 40 Prozent betragen. Doch durch die vielen Flüchtlinge sei der Anteil zuletzt auf 75 Prozent gestiegen.

          Der Stopp sei zeitlich befristet – und bereits wirksam

          Um „vernünftige Integration“ und Gerechtigkeit gehe es der Essener Tafel mit dem zeitlich befristeten Aufnahmestopp, sagt Sartor. Ältere Nutzerinnen und alleinerziehende Mütter seien Opfer eines schleichendes Wettbewerbs geworden. „Wir wollen, dass auch die deutsche Oma wieder zu uns kommt.“ Der Stopp sei zeitlich befristet, vermutlich im Frühjahr könne man ihn wieder aufheben. Und wirksam sei er auch schon. „Wir sind jetzt schon wieder bei 71 Prozent. Hätten wir nix gemacht, wären wir jetzt bei 80 Prozent.“

          Jörg Sartor war bis vor zwölf Jahren Bergmann. Vielleicht komme es daher, dass es ihm wichtig sei, die Dinge klar zu regeln und auszusprechen. „Unter Tage gibt es Ja oder Nein, da gibt‘s kein Jein.“ Den Vorwurf, er und sein Vorstand sei ausländerfeindlich, findet Sartor jedenfalls so absurd, dass er jetzt doch ein bisschen laut werden muss. „Es ist doch in Wirklichkeit so, dass wir Deutsche diskriminiert haben, so wie das hier lief.“ Seit zweieinhalb Monaten nehme die Tafel jetzt keine neuen Ausländer auf, aber seit zwei Jahren schon habe man immer mehr Deutsche aus dem Nutzerkreis ausgeschlossen. „Wir haben sie stillschweigend ausgeschlossen, wir haben nicht darüber gesprochen.“

          Aber Sartor wundert sich über beinahe nichts mehr. Das Missverständnis beginne schon damit, dass seine Kritiker glaubten, die Tafel hätte einen Versorgungsauftrag. „Den Versorgungsauftrag hat der Staat, wir sind ein Verein, der zusätzlich tätig wird.“ Auch ohne die Tafeln verhungere niemand in Deutschland. Dass ein Integrationsbeauftragter ihm nun vorwarf, er lasse ausländische Kinder hungern, sei unglaublich. „Da sag ich dem Herrn: Das ist verdammt noch mal deine Aufgabe als Politiker, dafür zu sorgen, dass kein Kind hungert, egal woher es kommt.“

          In Essen gibt es schon lange überdurchschnittlich viele arme Menschen. Noch einmal verschärft hat sich die soziale Lage seit der Flüchtlingskrise. 2015 und 2016 musste die Stadt jeweils 4000 Flüchtlinge und damit mehr als alle osteuropäischen EU-Staaten aufnehmen. Mittlerweile rund 100.000 Personen in Essen empfangen Hartz IV oder andere staatliche Transferleistungen und sind damit auch berechtigt, die Tafel zu nutzen. „Davon können wir aber ohnehin nur 6000 versorgen“, sagt Sartor. Seinen Verein sieht er umso mehr in der Pflicht, die Lebensmittel „gerecht und gleichmäßig“ zu verteilen. „Meine Oma hat immer gesagt: Den Apfel teile ich in vier oder acht Teile, bei 16 Teilen wird es dann eng, da kann ich nicht mehr weiterteilen.“ Keinesfalls werde die Essener Tafel den Aufnahmestopp vorzeitig aufheben. „Wir ziehen das durch, bis das Gleichgewicht wieder hergestellt ist. Es geht um Gerechtigkeit. Und unser Gesicht wollen wir auch nicht verlieren, nur weil gerade so viele Kameras auf uns gerichtet sind.“

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