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Erziehung Kinderkrippe – ja oder nein?

Schadet Fremdbetreuung kleinen Kindern, oder nützt sie? Es kommt auf die Qualität an, sagen Forscher. Die Mehrheit der Krippen erhält nur mäßige Noten.

© dpa Kinder in der Tagesstätte „Löwenzahn“ in Schwerin

Chancen und Risiken der frühen Fremdbetreuung werden leidenschaftlich diskutiert. Die Frage, ob kleine Kinder besser nur zu Hause betreut werden sollten oder genauso gut zusätzlich eine Krippe besuchen können, hat in einem Land, dessen einziger „Rohstoff“ die Bildung seiner Menschen ist, nicht nur private Bedeutung.

Uta Rasche Folgen:

Die pädagogische Forschung über Vor- und Nachteile der Krippenbetreuung in Deutschland steht aber erst am Anfang. Im Wesentlichen werden dazu bisher die Ergebnisse internationaler Studien herangezogen, etwa die Untersuchung des amerikanischen National Institute of Child Health and Human Development (NICHD). Sie begleitet seit 1991 Kinder von der Geburt bis zum Ende der sechsten Schulklasse. Dabei zeigte sich, dass noch bei Zwölfjährigen eine qualitativ hochwertige Fremdbetreuung in Bezug stand zu einem besseren Gedächtnis und zu besseren Schulleistungen in Lesen und Mathematik. Bei unterdurchschnittlicher Betreuungsqualität waren Zusammenhänge mit geringeren sozialen Fertigkeiten und einer schlechteren Arbeitshaltung zu finden. Eine sehr viele Stunden umfassende frühe außerhäusige Betreuung korrelierte im Teenageralter auch mit vermehrten Konflikten mit Lehrern, Gleichaltrigen und den Eltern.

Die Mutter-Kind-Beziehung leidet nicht

Bei jüngeren Kindern zeigte sich, dass selbst eine längere Betreuungsdauer in guten Einrichtungen sich nicht negativ auf die Bindung zur Mutter auswirkte, wenn die Mutter empfindsam und sensibel auf die Bedürfnisse des Kindes reagierte. Kinder waren weniger sicher gebunden, wenn diese mütterlichen Eigenschaften schwach ausgeprägt waren und das jeweilige Kind zusätzlich in einer qualitativ schlechten Fremdbetreuung war - oder es sogar mehrere verschiedene Betreuungs-Arrangements gab. Entscheidend für die Mutter-Kind-Bindung ist demnach vor allem die Aufmerksamkeit, die die Mutter ihrem Kind entgegenbringt.

Kinderkrippe © dpa Vergrößern Mittagessen in der Krippe „Zwergenland“ in Staufen

Hans-Günther Roßbach, Professor für Elementar- und Familienpädagogik an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, leitet aus dieser und anderen Studien die Empfehlung ab, Kinder unter einem Jahr nicht ganztägig außerhalb des Elternhauses zu betreuen. „Das ist mit zu hohen Risiken für die sozial-emotionale Entwicklung des Kindes verbunden“, sagt er. „Dafür besteht aber in Deutschland, anders als in den Vereinigten Staaten, durch das Elterngeld auch kaum Bedarf.“ Das Deutsche Jugendinstitut in München hatte in seiner AIDA-Studie (“Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten“) herausgefunden, dass Eltern fast ausschließlich Kinder betreut wissen wollen, die älter sind als ein Jahr, und zumeist auch keine ganztägige Unterbringung wünschen.

Das Erzieherverhalten ist entscheidend

Für Kleinkinder nach dem ersten Geburtstag ist die Qualität der Krippe entscheidend - sowohl bezogen auf die Förderung ihrer kognitivem Fähigkeiten als auch auf ihr Sozialverhalten. Was aber macht eine gute Krippe aus? „In erster Linie ist es das einfühlsame Verhalten der Erzieherinnen“, sagt Roßbach. Darüber ist eine Umgebung vonnöten, die „Sicherheit und Vorhersagbarkeit“ vermittelt und in der „körperliche und seelische Bedürfnisse erwartbar erfüllt werden“. Für Kleinkinder brauche man keine speziellen Förderprogramme, sondern Zuwendung und Anregung im Alltag - „zum Beispiel beim Windelnwechseln, beim Essen und Spielen“.

Gerade für die Förderung der sprachlichen Fähigkeiten ist das Erzieherverhalten von großer Bedeutung: Die eigenen Aktivitäten wie die des Kindes ausdauernd mit Worten zu begleiten (und zwar in der Hochsprache, nicht in reduzierter Sprache) ist dafür entscheidend. „Gerade dieses Verhalten von Erzieherinnen finden wir aber zu selten“, sagt Roßbach.

Mäßige Noten für viele deutsche Krippen

Das Defizit in der empirischen Bildungsforschung im Bereich der Frühpädagogik sollte die „Nationale Untersuchung zu Bildung, Betreuung und Erziehung in der frühen Kindheit“ (Nubbek) schließen helfen. Diese unter anderem vom Bundesfamilienministerium geförderte Studie sollte herausfinden, welche Betreuungsformen die kindliche Entwicklung am besten fördern. Die ausführlichen Ergebnisse sind noch unveröffentlicht. Doch der Mehrzahl der 403 untersuchten Kindertagesstätten und 164 Tagesmütter stellt die Studie schon in ihrer Kurzfassung ein mäßiges Zeugnis aus: Mehr als 80 Prozent der Betreuungseinrichtungen weisen nur eine mittlere Qualität auf. Gute pädagogische Arbeit wurde in weniger als zehn Prozent geleistet, schlechte in mehr als zehn Prozent. Die bildungsbezogenen Aktivitäten waren in mehr als der Hälfte der Einrichtungen unzureichend. In Westdeutschland war die Qualität höher als in Ostdeutschland, in altershomogenen Gruppen war sie höher als in altersgemischten Gruppen. Tagesmütter schnitten nicht schlechter ab als Kindergärten. Kinder aus Migrantenfamilien profitierten beim Spracherwerb. Enttäuscht stellten die Forscher jedoch insgesamt fest, dass „die vielfältigen Maßnahmen zur Qualitätsentwicklung und zur Stärkung der Bildungsfunktion von Kitas offenbar kaum Früchte getragen“ haben.

Kinderkrippe in Freiburg © dpa Vergrößern In der Krippe haben die Kinder viel Kontakt zu Gleichaltrigen.

Roßbach, der selbst das Nationale Bildungspanel über „Bildungsverläufe in Deutschland“ leitet, empfiehlt, dass bei Kindern unter drei Jahren eine Gruppe nicht mehr als fünf Kinder umfassen sollte: „Nur so bleibt das Sprachangebot günstig.“ In den in Deutschland vorherrschenden altersgemischten Gruppen sollten zu bestimmten Zeiten die gleichaltrigen Kinder gemeinsam gefördert werden. Träger von Kindergärten müssten noch stärker als bisher, etwa durch videounterstütztes Training der Erzieherinnen, die Qualität der pädagogischen Arbeit verbessern. Eltern rät er, sich bei der Frage nach Chancen und Risiken des Krippenbesuchs zu entspannen: „Auch bei einer vielstündigen Betreuung bleibt die Familie immer die wichtigste Sozialisationsinstanz.“ Der Einfluss der Eltern sei in jeder Betreuungskonstellation der stärkste. „Für Unterschiede in der kindlichen Entwicklung sind Unterschiede zwischen den Familien zwei- bis dreimal so bedeutsam wie die Kindertagesstätte.“

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Quelle: F.A.Z.

 
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