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Erwin Huber zur Kreuz-Debatte : „Söders Entscheidung für das Kreuz war notwendig“

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) kündigt am 24. April auf Twitter an, dass in allen Behörden ab Juni Kreuze aufgehängt werden sollen. Bild: Markus Söder/Twitter

Die Kritik an Söders Kreuz-Erlass reißt nicht ab. Der ehemalige CSU-Vorsitzende Erwin Huber verteidigt im FAZ.NET-Interview die umstrittene Entscheidung – und erklärt, warum er die Empörung für übertrieben hält.

          Ab Juni muss in jeder bayerischen Behörde ein Kreuz hängen. Nach dieser Entscheidung von Markus Söder ist die Empörung groß. Zu Recht?

          Anna-Lena Ripperger

          Redakteurin in der Politik.

          In der Gesellschaft gibt es gerade eine starke Suche nach Identität. Und die Identität Bayerns ist christlich geprägt. Deshalb finde ich es bedauerlich, dass der Beschluss der Staatsregierung zum Kreuz jetzt so scharf kritisiert wird.

          Warum finden Sie das bedauerlich?

          Die Politik muss die Identitätssuche der Menschen ernst nehmen und auch selbst auf diese teilweise mühsame Suche gehen – mit der Frage nach einer Leitkultur, mit der Frage nach Heimat. Auch die Entscheidung für das Kreuz ist eine Reaktion auf diese Suche. Markus Söders Schritt war deshalb mutig, aber er war auch notwendig.

          Sie halten Söders Entscheidung also für richtig?

          Ich möchte nicht, dass wir die Identitätssuche den Rechtsradikalen oder der AfD überlassen. In diesem Zusammenhang ist das Kreuz ein wichtiges Symbol. Und es grenzt auch niemanden aus.

          Ist das wirklich so? Bundestags-Vizepräsidentin Claudia Roth wirft Söder vor, mit dem Erlass Millionen Menschen auszugrenzen – Muslime, Atheisten, Juden.

          Der Zentralrat der Muslime, eine der wichtigsten islamischen Organisationen in Deutschland, hat gesagt, er habe kein Problem mit der Entscheidung. Die wohl prominenteste Vertreterin der jüdischen Gemeinde in Bayern, Charlotte Knobloch, hat den Beschluss begrüßt. Also scheinen die möglicherweise Betroffenen damit gar kein Problem zu haben.

          Der ehemalige Parteivorsitzende der CSU, Erwin Huber, steht im November 2017 im bayerischen Landtag in München.

          Aber gilt die weltanschauliche Neutralität des Staates nicht unabhängig davon, ob jemand ein Problem damit hat oder nicht?

          Das Christentum hat unsere Identität, die Identität Bayerns geprägt. Unsere Verfassung, unser Staat fußen auf dieser Tradition. Deshalb gibt es da auch keinen Widerspruch zwischen der staatlichen Neutralität und der Entscheidung, in bayerischen Behörden Kreuze aufzuhängen. Im Übrigen haben wir in Deutschland ja keine strikte Trennung von Staat und Kirche wie etwa in Frankreich, wir haben eine Partnerschaft. Das sieht man bei der Kirchensteuer oder auch beim Religionsunterricht an Schulen. Deshalb erstaunen mich die teilweise aggressiven Einwände, die jetzt von manchen Kirchenvertretern gemacht werden.

          Zum Beispiel vom Münchner Erzbischof Reinhard Kardinal Marx, der die Enteignung eines christlichen Symbols im Namen des Staates beklagt. Oder vom Münchner Weihbischof Wolfgang Bischof, der kritisiert, das Kreuz sei „kein Wahlkampflogo“.

          Das macht mich traurig. Wir als CSU beanspruchen in keiner Weise die Deutungshoheit über ein christliches Symbol. Aber das Kreuz ist im Lauf der Jahrhunderte ja auch zum Zeichen für das christlich geprägte gesellschaftliche Zusammenleben geworden. Ich bestreite überhaupt nicht, dass es auch ein religiöses Symbol ist. Aber auch unser Rechts- und Verfassungsstaat beruft sich auf die durch das Kreuz vermittelten Werte. Ich freue mich deshalb darüber, dass am neuen Berliner Stadtschloss ein Kreuzzeichen angebracht wird. Außerdem tragen viele Menschen das Kreuz ja auch als Modeaccessoire und es ist nicht klar, ob es einen religiösen Hintergrund gibt oder nicht. Da stört sich ja auch keiner daran. Ich freue mich jedenfalls, wenn das Kreuz positiv gesehen wird.

          Soll sich das Bekenntnis zum Kreuz nicht vor allem positiv auf das Wahlergebnis der CSU bei der Landtagswahl im Oktober auswirken?

          Das ist zu kurz gegriffen. Söders Entscheidung ist keine reine Wahlkampfmaßnahme. Sie ist eine – wenn vielleicht auch nicht die endgültige – Antwort auf die Identitätssuche vieler Menschen und auch auf die Angst vor einer möglichen Islamisierung unseres Landes. Ich sehe diese Gefahr zwar nicht, aber ich halte es für notwendig, dass die Politik diese Sorgen ernst nimmt.

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