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Erwin Huber im Interview „Auch Muslime können in die CSU“

25.11.2007 ·  Erwin Huber warnt und wehrt sich. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung weist er Vorwürfe Gabriele Paulis zurück, ihr Austritt aus der CSU habe mit seiner mangelnden Gesprächsbereitschaft zu tun. Außerdem sieht Huber eine Gefahr, wegen eines Linksrutsches der SPD selbst nach links zu gehen.

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Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung wehrt sich der CSU-Vorsitzende Erwin Huber gegen Vorwürfe der Fürther Landrätin Gabriele Pauli, ihr Austritt aus der CSU habe mit seiner mangelnden Gesprächsbereitschaft zu tun. Zudem warnt Huber die Union davor, wegen eines Linksrutsches der SPD selbst nach links zu gehen.

Auf Ihrem Weg zum CSU-Vorsitz ist die Landrätin Gabriele Pauli auf der Strecke geblieben. Haben Sie sich gewünscht, dass sie aus der CSU austritt, Herr Huber?
Ich habe während der ganzen Zeit nie ein böses Wort über Frau Pauli gesagt. Dabei wird es bleiben. Ihr Entschluss, die CSU zu verlassen, hat mich überrascht. Schließlich hat sie immer behauptet, die CSU sei und bleibe ihre politische Heimat.

Sie begründet ihren Schritt damit, der CSU-Vorsitzende sei nicht auf sie zugekommen.
Günther Beckstein hat gleich nach dem Parteitag und auf ihre Bitte hin ein intensives Gespräch mit ihr geführt. An mich hat sie sich nicht gewandt. Die Entscheidung zum Austritt aus der CSU hat Gabriele Pauli ganz alleine zu vertreten.

Sind Sie denn froh, dass Ihr Vorgänger Edmund Stoiber Ihnen den Weg frei gemacht hat, den er so lange blockierte?
Ich wollte Edmund Stoiber 2005 als bayerischer Ministerpräsident nachfolgen. Seine Entscheidung damals, nicht in die Bundesregierung einzutreten, sondern in München zu bleiben, habe ich persönlich verstanden. Politisch halte ich sie nach wie vor für falsch.

Zieht es Sie nach Berlin?
Ich bin bereit, nach der Bundestagswahl 2009 politische Verantwortung in Berlin zu übernehmen. Wenn die CSU es will, werde ich für den Bundestag kandidieren. Das wird ein kerzengerader Weg ohne Rückfahrschein sein.

Sie durften als neuer CSU-Vorsitzender zweimal an den Sitzungen des Koalitionsausschusses in Berlin teilnehmen. Wie war das?

Das Handeln der Bundesregierung mit zu gestalten und für das Land entscheidende Weichen zu stellen - das ist für jeden Politiker eine außergewöhnlich faszinierende Situation. Die CSU behält ihr bundespolitisches Gewicht.

Warum kandidieren Sie dann in Ihrem Landkreis Dingolfing-Landau wieder für den Kreistag?
Sie haben recht, das ist eine große Spanne. Aber ich bin 1972 mit 25 Jahren zum ersten Mal in Dingolfing in den Kreistag gewählt worden. Für die Menschen sind Entscheidungen vor Ort über Schulen, Straßen oder Theater oft wichtiger als Bundesgesetze. Die Kanzlerin muss aber nicht befürchten, dass ich dem Koalitionsausschuss fernbleibe, weil der Kreistag zusammentritt.

Ein Beschluss zu den Postmindestlöhnen ist im Koalitionsausschuss nicht gefasst worden. Werden Sie mit der SPD über Mindestlöhne in anderen Branchen sprechen, oder ist jetzt Schluss?
Unser Angebot zum Postmindestlohn bleibt bestehen, die SPD kann morgen einschlagen. Für eine weitere Ausdehnung des Entsendegesetzes über die Branchen Bau, Gebäudereiniger und Post hinaus gibt es aber keine Begründung. Eine Salamitaktik der SPD, immer neue Branchen einzubeziehen, werden wir nicht mitmachen.

2002 haben nur ein paar tausend Stimmen gefehlt, und der Bayer Edmund Stoiber wäre Kanzler geworden. Jetzt müssen Sie einer Frau aus Ostdeutschland beim Regieren helfen. Wie macht sich Angel Merkel als Bundeskanzlerin?
Sie ist eine sehr kluge Frau, die bewiesen hat, dass sie Deutschland erfolgreich regieren kann, auch unter schwierigen Bedingungen.

CSU-Generalsekretärin Haderthauer bezeichnet den Regierungsstil der Kanzlerin als "obercool".
Sagen wir es so: Angela Merkel hat einen stark am Management orientierten Regierungsstil. Der ist heute in der Politik auch angebracht. Es geht um Effizienz beim Regieren. Sie hat aber auch ein gutes Gespür für Strömungen in der Gesellschaft und greift mutig diese Themen auf.

Jetzt ist der Kanzlerin der wichtigste sozialdemokratische Mitspieler abhandengekommen. Wird Franz Müntefering fehlen?
Sein Schritt ist für die SPD problematischer als für die Regierung. Müntefering verkörpert das sozialdemokratische Idol. Er ist aus kleinen Verhältnissen aufgestiegen. Für manchen dürfte er ein Grund gewesen sein, die SPD zu wählen.

Zum Abschied hat Müntefering einen Fußball bekommen. Stoiber ist eingefleischter Fußballfan. Sie wirken in dieser Hinsicht wie ein unbeschriebenes Blatt.
Beim Fußball bin ich ausnahmsweise ein Anhänger der Roten: des FC Bayern. Als Junge habe ich viel Fußball gespielt und bin heute noch stolz, für den weltberühmten TV Reisbach zwei Tore geschossen zu haben.

Auf welcher Position?
Ich war linker Läufer. So hieß das damals. Sie sehen: Beim Fußball war ich auf der falschen Seite.

Dann kennen Sie sich links ja gut aus und können beurteilen, ob Deutschland derzeit einen Linksruck erlebt.
Der Linksruck der SPD ist unbestreitbar. Auf dem Hamburger Parteitag hat sie den demokratischen Sozialismus hochleben lassen. Die SPD will verhindern, dass ihre Anhänger zur Linkspartei abwandern. Aber die Methode ist falsch: Wer sich dem Konkurrenten anpasst, macht ihn attraktiv.

Geht nicht in diesem Sog auch die Union nach links?
Es gibt die Gefahr, dass eine solche Veränderung des politischen Koordinatensystems die Union mitzieht. Deshalb sagen wir: Eine Sozialdemokratisierung der Union darf nicht sein. Sie widerspräche unseren Grundsätzen, und sie wäre auch unklug, weil wir viele Wertkonservative als Wähler verlieren würden. Deren erste Reaktion wäre die Wahlenthaltung. Wir müssen deshalb die Union in der Mitte halten. Wenn uns die Sozialdemokraten allerdings Felder überlassen, dann werden wir auch dort gern säen und ernten.

Wo denn?
Wenn die SPD eine an Menschenrechten orientierte Außenpolitik als Schaufensterpolitik abwertet, dann gibt sie ein Thema auf, das bisher der politischen Linken immer besonders wichtig war: auf Menschenrechte in der Außenpolitik zu achten. Die Bundeskanzlerin macht eine modernere Außenpolitik als der Chefdiplomat Steinmeier. Auch bei der Familienpolitik sind wir zeitgemäßer als die SPD.

Wollen Sie die SPD auch bei der Integration überholen? Bayerns Landtagspräsident Alois Glück fordert, die CSU müsse auch eine Heimat für Muslime sein.
Wir verlangen beim Eintritt in unsere Partei nicht die Vorlage einer Taufurkunde. Auch ein Muslim kann natürlich CSU-Mitglied werden. Er muss aber unsere Grundwerte anerkennen, etwa die Gleichberechtigung von Mann und Frau oder die Eigenverantwortung. Er muss anerkennen, dass die deutsche Rechtsordnung gilt, nicht die Scharia. Mir ist jeder lieb, der glaubt und betet. Aber zugegeben, der Weg vom Islam zu einer Partei mit dem "C" vorne ist weit.

Sie gelten als frommer Katholik. Was bedeutet Ihnen der Glaube?
Glauben zu können, halte ich für eine große Gnade und echte Gabe. Sie ist mir, auch durch meine Mutter und meinen Lebensweg, gegeben worden. Das bringt mir sehr viel, auch in der Politik. Es gibt eine oberste Instanz, den lieben Gott, dem ich auch Rechenschaft schulde.

Sie sind in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, auf einem Hof ohne Strom und fließend Wasser. Wie sehr hat Sie das geprägt?
Ich weiß den Tag noch, wie es auf diesem Bauernhof zum ersten Mal elektrisches Licht gab. Da war ich sechs Jahre alt. Auf einmal konnte man Lampen anknipsen. Und auf einmal konnte man einen Kasten einschalten, aus dem Musik kam. Das Radio. Meine Mutter hat sich schier aufgeopfert, damit sie ihre drei Söhne auf dem Einödhof durchbringt. Natürlich hat mich diese Kindheit geprägt. Es gibt eine Würde in der Armut. Und die Erfahrung der Not hat mir auch Kraft gegeben. Ich habe heute noch manchmal Scheu, jemanden um Hilfe zu bitten. Ich sage mir immer erst: Kannst du das nicht selber schaffen?

Ist das ein typischer Lebenslauf für Politiker Ihrer Generation?
Es gibt Parallelen zu Gerhard Schröder oder Franz Müntefering. Eigentlich hätte ich gut bei den Sozialdemokraten landen können. Zwei Dinge standen dem entgegen: die Verwurzelung im Glauben und in der Kirche - in den fünfziger und sechziger Jahren war die Distanz zwischen der katholischen Kirche und der SPD viel größer als heute. Und das zweite ist der Wille zur Eigenverantwortung. Der Einsatz der eigenen Kräfte hat für mich Vorrang vor Ansprüchen an den Staat. So kam ich vor vierzig Jahren zur CSU.

Sie hören heute gerne laut Wagner. Wann tun Sie das - etwa nach dem Koalitionsausschuss?
Nein, das mache ich nur im trauten Heim in Reisbach, im Keller. Ich halte Wagner für einen der größten Komponisten, auch wenn er ein sehr problematischer Mensch war. Er wäre heute vermutlich nicht in der CSU.

Wie kamen Sie zu Wagner?
Ich bin einmal zu den Festspielen nach Bayreuth gefahren. Und da habe ich dann nach und nach, relativ spät, meine Liebe zu Wagner entdeckt. Tiefe und Vielfalt dieser Musik sind wunderbar. Auch das verbindet mich übrigens mit der Kanzlerin.

Die Fragen stellten Eckart Lohse, Albert Schäffer und Markus Wehner.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.11.2007, Nr. 47 / Seite 4
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