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Veröffentlicht: 11.02.2016, 18:32 Uhr

Auschwitz-Prozess in Detmold Ehemaliger SS-Mann trifft auf Überlebende

Wieder steht ein ehemaliger SS-Mann vor Gericht. Der Vorwurf: Beihilfe zum Mord in 170.000 Fällen. Reinhold H. sagt nur wenig. Ein Überlebender aber spricht ihn direkt an.

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© AFP Reinhold H. war als SS-Mann in Auschwitz. Heute ist er 94 Jahre alt.

Man sieht Reinhold H. sein Alter nicht gleich an: Im Dezember konnte der Rentner aus Lage im Lipper Land seinen 95. Geburtstag feiern. Etwas wackelig auf den Beinen ist der Mann schon. Sicherheitshalber hat er sich deshalb bei seinem Verteidiger untergehakt, als er den zum Prozesssaal umfunktionierten großen Konferenzraum der Industrie- und Handelskammer Lippe betritt. Im Detmolder Landgericht wäre nicht genug Platz für all die Journalisten und Kamerateams und die rund 40 Nebenkläger aus all den verschiedenen Ländern gewesen.

Reiner Burger Folgen:

Seit Donnerstag muss sich der ehemalige SS-Mann Reinhol d H. wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen verantworten. H., damals Anfang 20, war von Januar 1942 bis Juni 1944 als Mitglied eines sogenannten SS-Totenkopfsturmbanns in Auschwitz eingesetzt.

Er war also auch noch während der sogenannten Ungarn-Aktion in Auschwitz, als dort die fabrikmäßige Tötung von Juden mit der, wie es in der Anklageschrift heißt, „Trennung der Menschen in wenige arbeitsfähige und mehrheitlich dem Tode geweihte bis hin zur Vernichtung der Leichen in Asche“ ihren Höhepunkt erreicht hatte.

© AP, reuters Überlebende hoffen auf Gerechtigkeit im Prozess gegen den ehemaligen SS-Mann.

Nach Überzeugung der nordrhein-westfälischen Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft zur Aufklärung von NS-Verbrechen bewachte H. sowohl das sogenannte Stammlager I als auch „Selektionen“ an der „Rampe“ im Lagerteil Birkenau. Die Strafverfolger sind sich sicher, dass H. wissen musste, dass die neu angekommenen Deportierten in Birkenau ständig „in großer Zahl“ grausam sowie heimtückisch vergast wurden, dass im Stammlager fortwährend Massenerschießungen und Selektionen stattfanden – und sie sind sich sicher, dass H. als SS-Mann dazu beigetragen hat, dass die Mordfabrik Auschwitz reibungslos funktionieren konnte.

Früher wurden viele Auschwitz-Verfahren eingestellt

Lange war es an Gerichten in Deutschland üblich, frühere SS-Leute nur dann wegen Beihilfe zum Mord zu verurteilen, wenn sie in „reinen“ Vernichtungslager wie Sobibor und Treblinka eingesetzt waren. Auschwitz beurteilte die Justiz anders. Denn neben dem Vernichtungslager Birkenau gab es das Stammlager oder das Arbeitslager Monowitz, wo ein Teil der zwangsdeportierten Juden, der politischen Häftlinge oder Sinti und Roma zunächst Zwangsarbeit leisten musste. Viele Gerichte stellten in den vergangenen Jahrzehnten Auschwitz-Verfahren ein.

38517164 © AP Vergrößern Im Januar 1945 befreite die russische Armee Auschwitz. Kurz danach entstand dieses Foto, das Kinder in der Lageruniform zeigt.

Die Sicht der deutschen Justiz hat sich erst vor wenigen Jahren gewandelt – und deshalb kommt es nun mehr als 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu einer Reihe von Auschwitz-Prozessen. Auftakt war das Verfahren gegen Oskar Gröning. Gröning war im vergangenen Jahr wegen Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen zu vier Jahren Haft verurteilt worden.

Der Fall Gröning zeigt, wie sich der Blick auf Auschwitz gewandelt hat

Gröning war in Auschwitz dafür verantwortlich, das Geld der deportierten und ermordeten Juden zu verbuchen und das Gepäck an der Rampe, an der die Deportationszüge ankamen, zu bewachen. Gröning gab zu, dass er wie jeder andere in Auschwitz nach kurzer Zeit wusste, welchem Zweck das Lager diente.

H. hat einen anderen Weg gewählt. Er bestätigte den Ermittlern 2014 in seiner ersten Vernehmung zwar, SS-Mann im Stammlager in Auschwitz gewesen zu sein. Beihilfe zum Mord will er aber nicht geleistet haben. Und anders als Gröning möchte H., wie sein Verteidiger am Donnerstag ankündigt, zumindest zunächst nichts sagen.

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