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Erneuerbare Energiequellen Nicht klein, nicht schön

Die flächendeckende Versorgung mit Energie aus erneuerbaren Quellen wird Folgen haben. Wind- und Solarparks werden Landschaftsbilder ohne Rücksicht auf den Naturschutz verändern. Die Natur werden wir bald nur noch aus Gedichten kennen.

© dpa Vergrößern Verwandlung von Kulturlandschaften in Industriegebiete: Windräder in Brandenburg

„Small is beautiful“ hieß der Bestseller, mit dem der britische Nationalökonom Ernst Friedrich Schumacher 1973, im Jahr der ersten „Ölkrise“, Furore machte. Der Titel wurde zum Schlachtruf einer Generation, die gegen Großmächte, Großkonzerne und Großkraftwerke zu Felde zog. Über die Vision einer überschaubaren Welt anarchistischer Selbstversorger ist die Globalisierung hinweggegangen. In der Energiepolitik aber feiert sie gerade fröhliche Urständ - in einem Ausmaß, das allen Vorstellungen von kleinen Einheiten hohnspricht. Vielleicht hat Bundeskanzlerin Merkel deshalb ihre „Energiereise“ in einem „Bürgerwindpark“ von eher niedlicher Dimension begonnen.

Immerhin redet der Präsident des Umweltbundesamts, Jochen Flasbarth, nicht mehr um den heißen Brei herum. Bei der Vorstellung einer Studie, die den Weg in eine komplett erneuerbare Energieversorgung im Jahr 2050 weist, sagte er kürzlich großen Ärger mit der Bevölkerung voraus. Die „notwendige Konsequenz“ einer dezentralen Versorgung mit regenerativer Energie sei nun einmal, dass sich in vielen Regionen das Landschaftsbild verändern werde. Mit anderen Worten: Die Verwandlung von Kulturlandschaften in Industriegebiete, welche die Nordseeküste und große Teile Brandenburgs und Sachsen-Anhalts schon hinter sich haben, ist nur ein Vorgeschmack auf das, was ganz Deutschland bevorsteht.

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Sich von nichts und niemandem aufhalten lassen

Manchem wären schon früher die Augen aufgegangen, wenn vor zwei Jahren eine rot-grün-rote Regierungsmehrheit in Hessen die Macht übernommen hätte. Nach deren Plänen wäre jeder Stadt und jedem Landkreis genau vorgeschrieben worden, wie viele Megawattstunden pro Quadratkilometer und Einwohner aus Wind, Sonne, Biomasse und Wasserkraft zu erzeugen seien. Nicht nur die Belange des Landschafts- und Naturschutzes wären dabei unter die Räder gekommen, sondern auch die letzten historischen Stadt- und Dorfbilder. „Den generellen Ausschluss der Solarenergie in bestimmten Ortsteilen werden wir durch eine Novelle der Hessischen Bauordnung untersagen“, hieß es im rot-grünen Koalitionsvertrag, der dann doch nicht zum Zuge kam.

In abgeschwächter Form finden sich solche Vorgaben in den Koalitionsvereinbarungen der rot-grünen Minderheitsregierung in Düsseldorf wieder. Allein für die Windenergie sollen künftig zwei Prozent der Landesfläche reserviert werden. Das sind 340 Quadratkilometer, auf denen der Landschafts- und der Artenschutz ebenso zurückzustehen haben wie die Erholungs- und Ruhebedürfnisse der in der Nähe wohnenden Menschen. In einer der am dichtesten besiedelten Regionen Europas dürfte sich dieses ehrgeizige Ziel kaum konfliktfrei verwirklichen lassen.

Rot-Grün ist darauf gefasst. Ihre Entschlossenheit, sich bei der Umstellung der Energieversorgung von nichts und niemandem aufhalten zu lassen, haben die nordrhein-westfälischen Koalitionspartner nur etwas vorsichtiger formuliert als ihre hessischen Möchtegern-Vorgänger: „Administrative Hindernisse gegenüber Standorten zur Nutzung Erneuerbarer Energien sind mit den Zielen der Landesplanung nicht vereinbar.“

Was da so ökologisch als „sanfte Energie“ daherkommt, ist ein industrieller Generalangriff auf die letzten Freiflächen. Da Windräder im Binnenland übers Jahr weniger als zwanzig Prozent ihrer Nennleistung ins Netz einspeisen, sind rein rechnerisch tausend solcher Anlagen des derzeit größten Typs (fünf Megawatt) nötig, um ein einziges Kohlekraftwerk der Tausend-Megawatt-Klasse zu ersetzen. Um die Einspeisung aber auch in windarmen Zeiten konstant zu halten, müssen weitere Flächen für die agro-industrielle Biomasseproduktion, für Wasserkraftwerke, Solar-“Parks“ und fossile Reservekraftwerke vorgehalten werden - und Offshore-Anlagen vor der Küste, weil die Windausbeute an Land den Bedarf nicht annähernd deckt.

Gefahren werden verschwiegen

Von den Dimensionen dieser Wind-“Parks“ im Wasser haben die meisten keine realistische Vorstellung; ebenso wenig von den ökologischen Schäden, die schon ihre Errichtung verursacht, und den Gefahren, die sie auf Dauer für die Schifffahrt und die Meeresbiologie darstellen. Davon schweigen die Grünen - und auch die Naturschutzverbände.

Zwar verteidigen diese angeblich ganz dem Naturschutz hingegebenen Organisationen nach wie vor geradezu rührend die Lebensräume von Feldhamstern und Molchen gegen jedes neue Verkehrs- und Industrieprojekt. Vor dem Sterben der Seeadler und Wiesenweihen unter den Windrotoren, vor der Vergrämung der Wale und der Gefahr von Tankerunfällen in Nord- und Ostsee verschließen sie aber die Augen.

Greenpeace verdient sogar mit daran, dass hocheffiziente und platzsparende Großkraftwerke durch unergiebige, extrem teure und flächenintensive großtechnische Anlagen mit Ökosiegel ersetzt werden. Und für den Naturschutzbund ist „das Hauptziel: Weg von Atom und Kohle, hin zu Erneuerbaren Energien“. So arbeitet auch der Nabu an seiner eigenen Abschaffung. Denn wenn der letzte Winkel Deutschlands mit Kleinkraftwerken zugebaut ist, werden wir die Natur nur noch aus Gedichten kennen. Dieses Programm zur „Rettung des Klimas“ ist rücksichtslos, technokratisch und hässlich.

Quelle: F.A.Z.

 
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