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Erneuerbare Energien Die Solargeneration will Taten sehen

03.06.2004 ·  Kann die gesamte Energieversorgung der Welt aus Sonne, Wasser und Wind, Erdwärme und Biomasse gedeckt werden? Daß Visionen Realität werden können, will die internationale Konferenz „Renewables 2004“ in Bonn zeigen.

Von Nico Fickinger
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An den Erneuerbaren führt kein Weg vorbei: Solarautos parken vor dem internationalen Kongreßzentrum am Bonner Rheinufer, nebenan bruzzelt es auf Solarkochern aus Aluminium, die wie glitzernde Parabolantennen die Sonnenstrahlen einfangen, und der Strom für den Kühlschrank und die Spülmaschine im Cafe Solar kommt nicht aus der Erde, sondern vom Dach: aus Sonnenkollektoren.

Gleich neben dieser schönen neuen Welt zeigen Umweltschützer von Greenpeace, WWF und BUND, was passiert, wenn der Umstieg auf regenerative Energiequellen noch länger hinausgezögert wird: Ein Mädchen hat sich in eine Plastikröhre hineingezwängt, in der das Wasser immer höher steigt. Es reicht ihr schon bis zum Hals, die Luft zum Atmen wird allmählich knapp.

Nur wenige Schritte dahinter erhebt sich drohend der Verursacher des Klimawandels: ein aufgeblasener haushoher Dinosaurier, ein Monstrum aus ineinander verschmolzenen Fabriken, Flugzeugen, Autos und Tanklastwagen, an dessen Füßen sich Geldsäcke stapeln. Die Aktivisten haben den Saurier an Ketten gelegt. „Don't be a fossil“, prangt auf Plakaten, Flugblättern und T-Shirts - zusammen mit einem Bild von Bundeswirtschaftsminister Clement.

„Wir stemmen uns gegen den Klimawandel“

Der Auftakt der „Renewables 2004“, zu der Bundeskanzler Schröder vor zwei Jahren auf dem Weltgipfel in Johannesburg eingeladen hatte, gehört eindeutig der Jugend. Als Umweltminister Trittin und Entwicklungshilfeministerin Wieczorek-Zeul im Plenum das Zeitalter der erneuerbaren Energien ausrufen, erhalten sie bloß artigen Beifall der Delegierten.

Spontanen Applaus dagegen erntet Abigail Gay Jabines. Die junge Frau aus Manila gehört zur „Solar Generation“, der internationalen Jugendorganisation von Greenpeace, und redet den Delegierten mit einfachen, eindringlichen Worten ins Gewissen: „Wir stemmen uns mit aller Kraft gegen den Klimawandel. Jetzt müssen auch Sie tun, was Sie können.“

Die Sonnenblume, die sie mitgebracht hat, soll die Delegierten an ihre Verantwortung erinnern. „Haben Sie keine Angst vor ambitionierten Zielen“, mahnt die Vierundzwanzigjährige. „Die Kraft, die Zukunft zu verändern, liegt in Ihren Händen.“ Statt schöner Worte will die Solargeneration Taten sehen. Anders als in Johannesburg und Rio sollen am Ende der Bonner Konferenz konkrete Ergebnisse stehen: das Bekenntnis zu einem hundertprozentigen Einsatz regenerativer Energien.

Industrieland mit Bio-Energie

Ein solches Szenario, in dem die gesamte Energieversorgung aus Sonne, Wasser und Wind, Erdwärme und Biomasse gedeckt würde, scheint vielen undenkbar. Unmöglich aber wäre es nicht, sagt Harry Lehmann. Der Physiker und Geschäftsführer des Aachener Institute for Sustainable Solutions and Innovations (Isusi) ist der Frage nachgegangen, ob Japan seinen gesamten Energiebedarf ohne Rückgriff auf Energieimporte ausschließlich aus den im Land vorhandenen erneuerbaren Energien decken könnte.

Drei Jahre lang hat er stündliche meteorologische Daten von 153 Wetterstationen ausgewertet und daraus, zusammen mit den Angaben über den Stromverbrauch, ein Modell gezimmert. Sein Ergebnis: „Mit heutiger Technologie ist die volle Versorgung eines Industrielandes über erneuerbare Energien möglich.“

Wie das geht, zeigt seine Computersimulation: Oben rechts in der Ecke drehen sich die Uhrzeiger in rasender Geschwindigkeit im Kreis, wie im Zeitraffer wechseln Tag und Nacht einander ab, während unten im Bild im hektischen Viertelstundentakt grüne Säulen auf und ab pulsieren: fünf kleine für die Energieerzeugung, eine große für den Verbrauch. Schon im nächsten Jahr will Lehmann diesen Nachweis auch für Deutschland erbringen. Schließlich sei die Software schon vorhanden, es gehe nur noch um die Finanzierung. „Wir sind mit dem Bundesumweltministerium im Gespräch.“

Treibhausgase um 80 Prozent verringern

Lehmann weiß allerdings auch, daß man die Energiewende nicht von heute auf morgen herbeiführen kann. Vielmehr brauche man dafür „fünf bis zehn Dekaden, je nachdem wie man die politischen Rahmenbedingungen setzt“. Über diese Rahmenbedingungen hat die vom Bundestag eingesetzte Enquetekommission „Nachhaltige Entwicklung“ diskutiert, der auch Lehmann angehörte. Sie untersuchte verschiedene Szenarien, wie man den Ausstoß von Treibhausgasen bis zum Jahr 2050 um 80 Prozent verringern könnte.

Die Energieeffizienz zu erhöhen und das Kohlendioxyd unterirdisch zu speichern scheitere an den fehlenden Lagerstätten, sagt der Isusi-Geschäftsführer. Der ausschließliche Einsatz von Kernkraft und effizienten fossilen Kraftwerken wiederum sei politisch kaum vermittelbar, da hierfür bis zu 80 neue Atommeiler gebaut werden müßten.

Zwar haben Union und FDP nie einen Hehl daraus gemacht, daß sie den von Rot-Grün eingeleiteten Ausstieg aus der Kernenergie aus ökonomischen und ökologischen Gründen für falsch halten und nach einem Wahlsieg 2006 den Atomkonsens neu verhandeln wollen. Zumindest der Ersatz alter Atomkraftwerke müsse weiterhin möglich sein, um die Option Kernenergie zu erhalten, betont die FDP-Energiepolitikerin Kopp. Doch steht ein Neubau von Kernkraftwerken „derzeit nicht auf der Tagesordnung“, wie CSU-Generalsekretär Söder hervorhebt.

Erhebliche Kosten

Lehmann sieht daher den Königsweg darin, die Energieeffizienz zu erhöhen und zugleich den Ausbau der erneuerbaren Energien zu fördern. Doch wäre dieser Weg mit erheblichen Kosten verbunden: Rund 15 Euro im Monat müßte jeder Bürger für die Steigerung der Energieeffizienz und die Förderung des Öko-Stroms zahlen.

Eine Zusatzbelastung in solcher Größenordnung - die sich erst dann in eine Pro-Kopf-Entlastung von rund 200 Euro im Monat wandelt, wenn man auch die vermiedenen externen Kosten berücksichtigt - dürfte auf starke Widerstände stoßen. Schon der gegenwärtige Betrag von rund einem Euro im Monat, mit dem jeder Haushalt die erhöhten Einspeisevergütungen für Ökostrom im Rahmen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) finanziert, sorgt immer wieder für heftige politische Kontroversen.

Hoffnung auf den Emissionshandel

Joachim Nitsch, Leiter der Abteilung Systemanalyse und Technikfolgenabschätzung am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Stuttgart, und Manfred Fischedick, Abteilungsleiter am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, geben denn auch zu, daß der Kohlendioxyd-Ausstoß vermutlich noch bis zum Jahr 2030 sehr viel billiger durch eine rationellere Energienutzung oder durch den im kommenden Jahr startenden europäischen Emissionshandel gemindert werden kann als durch die Förderung von Windkraft und Sonnenenergie.

Dennoch sei das EEG unerläßlich, um die Wachstumsdynamik der Erneuerbaren aufrechtzuerhalten. „Wir brauchen hier eine Parallelveranstaltung, um die Märkte von morgen zu mobilisieren", sagt Nitsch. "Sonst werden die kostengünstigsten Instrumente abgeschöpft, und dann wird nichts mehr gemacht.“

„Subventionen umlenken“

Diese Sorge teilt auch Greenpeace-Aktivistin Abigail. Es gehe nicht um Profite und kurzfristige Vorteile, sondern um „unsere Zukunft und die unserer Kinder“, schreibt sie den Delegierten ins Stammbuch. „Wenn das Geld ein Problem ist, warum lenken Sie dann nicht die Subventionen für fossile Brennstoffe und die Kernenergie zu den Erneuerbaren um?“ fragt sie unter dem Beifall des Plenums.

Auf diese Weise könnten in der Tat erhebliche Mittel freigemacht werden. Nach Berechnungen der europäischen Umweltagentur (EEA) subventionieren allein die 15 alten EU-Länder ihre Energiewirtschaft Jahr für Jahr mit mehr als 29 Milliarden Euro. Mit 21 Milliarden Euro entfallen knapp drei Viertel davon nicht auf direkte Transferzahlungen oder Zinsvergünstigungen, sondern auf Maßnahmen, die nicht in den öffentlichen Haushalten kenntlich werden: Steuernachlässe, Regulierungen oder erleichterter Zugang zu Märkten und natürlichen Ressourcen.

Teuere Steinkohle

In Deutschland schlagen vor allem die Steinkohle-Subventionen zu Buche. Diese sollen zwar kontinuierlich sinken, werden aber im kommenden Jahr immer noch mehr als 70.000 Euro je Arbeitsplatz betragen, sagt Rainer Hinrich-Rahlwes, Abteilungsleiter im Bundesumweltministerium. Würden diese Gelder für Energiesparmaßnahmen in Gebäuden und in die Wärmeerzeugung aus erneuerbaren Energien umgeschichtet, könnten nach einer Studie des Umweltbundesamtes bis zum Jahr 2010 knapp 40000 Arbeitsplätze mehr entstehen, als im Bergbau wegfallen, und das Bruttoinlandsprodukt würde um gut sieben Milliarden Euro wachsen.

Doch nicht nur hierzulande haben die Kernenergie und die Kohle eine starke Lobby. Um hierzu ein Gegengewicht zu bilden, wollen sich Parlamentarier aus rund 80 Ländern für die Gründung einer neuen internationalen Organisation - der International Renewables Agency (Irena) - einsetzen. Die bestehenden UN-Organisationen reichten „bei weitem nicht aus, um gegen bestehende Interessen gegenzuhalten und den Know-how-Transfer zu organisieren“, sagt die Grünen-Energiepolitikerin Hustedt.

Widerstand der Kohle- und Atomlobby

Den Widerstand der Kohle- und Atomlobby gegen die Subventionen für die erneuerbaren Energien hält der SPD-Energiefachmann Scheer, der Initiator des Internationalen Parlamentarier-Forums, für unredlich. „Es gibt keinen Energieträger, der allein mit den Mitteln des Marktes durchgesetzt worden wäre.“ Jedes Jahr würden die fossilen Energiequellen auf der ganzen Welt mit rund 300 Milliarden Dollar subventioniert. „Das ist das Vierfache dessen, was in den vergangenen 20 Jahren an öffentlichen Mitteln für die erneuerbaren Energien mobilisiert worden ist.“

Selbst beim Bundeskanzler, der stets ein offenes Ohr für die Anliegen der Kohleindustrie hat, ist die Botschaft der Parlamentarier angekommen. „Das ist ein wichtiger Impuls, der aufgenommen werden sollte“, sagt er am Donnerstag zu Beginn des Ministersegments. Hinter ihm steht noch immer die Sonnenblume, die Abigail zwei Tage zuvor den Delegierten überbracht hatte. An diesem Freitag wollen die Minister die Erklärung von Bonn verabschieden. Dann wird sich zeigen, ob der flehentliche Appell der Greenpeace-Aktivistin ernstgenommen wurde: „Was auch immer Sie entscheiden, es wird uns betreffen.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. Juni 2004
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